Tornado-Einsatz in Afghanistan Das Adrenalin fliegt immer mit


Über den Einsatz von Bundeswehr-Tornados in Afghanistan ist in Deutschland viel diskutiert worden. Wie aber erleben die Soldaten vor Ort ihre Mission? Wie verbringen sie ihre Tage? Wie halten sie Kontakt zu ihren Familien? stern.de hat die Soldaten besucht.
Von Matthias Marquart, Mazar-e Sharif

Noch haben sie ein wenig Zeit zu plaudern. Stabsunteroffizier Stefan W.* steht mit einigen Kameraden bei minus acht Grad auf dem Flugfeld in Mazar-e-Sharif. Gerade wurden drei von insgesamt sechs RECCE-Tornados aus dem Hangar geschleppt, in wenigen Minuten sind sie startklar. "Vor zwei Tagen hatten wir richtig Grund zum Feiern", sagt Stefan W. "Da hat einer unserer Kameraden die Nachricht aus der Heimat bekommen, dass er Vater geworden ist." Er lächelt. "Der konnte bei der Geburt zwar nicht dabei sein, doch dafür haben wir alle das Ereignis quasi als 'Hebammen' hautnah miterlebt."

Kein Sonderurlaub

Die Geburt eines Kindes - das ist ein Ereignis, bei dem es in Deutschland, im regulären Dienst, Sonderurlaub gibt. Doch nicht für diesen Vater. Und auch zum Feiern der Geburt hatten die Soldaten nur wenig Gelegenheit. Sie sind im Einsatz, sie sind Mitglieder des Einsatzgeschwaders Mazar-e Sharif (EG MeS) in Afghanistan, und hier gelten andere Regeln: kein Urlaub, kein Wochenende, sieben Tage Dienst. Wenn es die Situation erfordert, auch rund um die Uhr. Mit der UN-Resolution 1510 vom 13. Oktober 2003 hatte der Sicherheitsrat die Ausweitung des ISAF-Mandats (International Security Assistance Force) auf ganz Afghanistan beschlossen.

In der Folge übernahm Deutschland das "Regionalkommando Nord" am Standort Mazar-e Sharif. Und der Bundestagsbeschluss vom 9. März 2007 mit der Entscheidung, sechs Aufklärungs-Tornados der Bundeswehr in Mazar-e Sharif zu stationieren, erweiterte den Auftrag der deutschen Einheiten ungemein. Kommodore-Oberst Christoph Pliet: "Wir übernehmen nun für das ISAF-Hauptquartier in Kabul Luftaufklärungs- und Luftüberwachungsaufgaben in ganz Afghanistan." Außerdem zählen zum Einsatzgeschwader der Bundeswehr sechs Hubschrauber des Typs CH 53 GS, Flugsicherungs- sowie Objektschutzeinheiten.

Erbitterte Kämpfe am Boden

Mittlerweile sind die Piloten und Waffensystemoffiziere (WSO) nach ihren Einsatzbesprechungen bei ihren Jets angekommen. Nun geht alles sehr schnell. Die Besatzungen besteigen das Cockpit. Die technische Einsatzgruppe arbeitet reibungslos zusammen. Jeder Handgriff sitzt. In den Gesichtern der Piloten spiegelt sich Anspannung und Konzentration auf den bevorstehenden Einsatz wider. Oberfeldwebel Frank G.*: "Wenn die Soldaten vom Einsatz zurückkommen, sieht man ihnen oft den erhöhten Adrenalinspiegel an. Kein Wunder, denn nicht selten sehen sie bei ihren Flügen, wie sich am Boden erbitterte Kämpfe abspielen."

Aber auch bei der nicht-fliegenden Truppe sind die psychischen Belastungen, die der Einsatz in Afghanistan mit sich bringt, enorm. "Wenn da das persönliche Umfeld nicht stimmt, wird es schwierig", sagt Frank G. "Wir hatten Fälle, da wurden Verlobungen am Telefon aufgekündigt und der Kamerad für fünf Tage nach Hause geschickt, um aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen zu können. Dann ging es sofort wieder zurück in den Einsatz." Doch auch wenn die Beziehung stimmt, ist es für die Soldaten belastend, mit ihren Angehörigen zu kommunizieren.

Alle Gespräche aus dem Camp unterliegen strengen Auflagen. Über dienstliche Belange darf nicht gesprochen werden. Dies gilt besonders auch bei Gesprächen mit dem Handy, da bei diesen immer damit gerechnet werden muss, dass sie von außen abgehört werden. Es ist schwierig, das Erlebte mit den Lieben daheim zu teilen und zu verarbeiten. Stefan W.: "Über was sollen wir also reden? Hier gibt es doch nur den Dienst. Bei mir läuft das dann meistens so ab, dass meine Freundin mir davon erzählt, was zu Hause passiert und ich einfach nur zuhöre." Weihnachten, Geburtstage, Silvester und andere Feiern gibt es für die Soldaten nur aus der Konserve.

Arbeit als Ablenkung

Auch Privatsphäre ist für die Soldaten im Camp ein Fremdwort. "Rückzugsmöglichkeiten sind eigentlich nicht vorhanden", sagt Stefan W. "Insofern ist es hier gar nicht so schlimm, wenn die Freizeit nur knapp bemessen ist. Die Arbeit stellt hier die einzig wirkliche Ablenkung in dieser Einöde Afghanistans dar." Doch auch wenn die Soldaten nach ihrem Einsatz wieder in die Heimat kommen, fällt es vielen nicht leicht, ins Alltagsleben wieder zurückzufinden. Pliet: "Wir alle brauchen da erst einmal unsere Zeit, uns wieder an ganz einfache Dinge zu gewöhnen. Je länger und je öfter man im Auslandseinsatz ist, desto schwerer wird das." Eine Situation, die den Hubschraubereinheiten in Mazar-e Sharif nur allzu vertraut ist; sind sie doch seit Jahren außerhalb Deutschlands unterwegs: Waldbrände in Griechenland, Erdbeben in Pakistan, Hungerkatastrophen in Afrika, militärische Operationen im Kosovo oder eben jetzt in Afghanistan. "Aber auch für sie ist der Afghanistan-Einsatz ein besonders schweres, weil sehr gefährliches Mandat", sagt Christoph Pliet. "Dabei muss man wissen, dass die Hubschrauber oft in geringen Höhen operieren und so ständig der Gefahr ausgeliefert sind, beschossen zu werden."

Mittlerweile sind die Tornados über die Taxi-way (Rollbahn) zum letzten Haltepunkt gerollt. Jetzt werden die Abwehrsysteme scharf gemacht und letzte Checks vollzogen. Die Triebwerke der Jets erhitzen die kalte Luft und hüllen die Tornados in einen leichten Dunst, während sie weiter zur Startbahn rollen. Dann erhalten sie vom Tower die Startfreigabe. Die Nachbrenner zünden, und die Jets donnern in den diesigen Himmel, verschwinden am Horizont. Wenn sie von ihrem Einsatz zurückkehren, werden sie wertvolle Fracht an Bord haben. Bilder und Filme, die in dieser Qualität und Präzision nur die deutschen Tornados und deren Luftbildauswerter liefern können. Und dann werden sie alle wieder von vorn beginnen, sich auf den nächsten Einsatz vorbereiten und fliegen und fliegen - egal, wie es ihnen persönlich gerade geht.

*Name von der Redaktion geändert

Korrekur: Liebe Leser, ursprünglich wurde in dem Text behauptet, E-Mails und Feldpost der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan würden zensiert. Das ist nicht richtig. Die Aussage beruhte auf einem Missverständnis zwischen dem Autoren und dem Presseoffizier vor Ort. Wir haben den Fehler nachträglich korrigiert. stern.de


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