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Retuschiertes Trauermarsch-Foto Und plötzlich war die Merkel weg


Für ultraorthodoxe Juden ist der Anblick von Frauen tabu. Das gilt auch für Bilder, wie dem der versammelten Staats- und Regierungschefs in Paris. Eine Zeitung entfernte kurzerhand die Kanzlerin.

Man kann nicht sagen, dass das Leben von ultraorthodoxen jüdischen Frauen besonders einfach ist. Am Sabbat (Freitag- bis Samstagabend) ist jede Form von Elektrizität verboten, in Bussen müssen sie hinten und getrennt von (ihren) Männern sitzen, und weil die wiederum ihr Leben oft dem Torastudium widmen, bleibt es den Frauen überlassen, neben der Kindererziehung auch noch den Lebensunterhalt zu verdienen. Kurzum: Von Gleichberechtigung im westlichen Sinne keine Spur. In den Stadtteilen Jerusalems, in denen die Charedim genannten erzkonservativen Juden die Mehrzahl der Bewohner stellen, sind auch keine Frauen auf Bildern, Werbeplakaten oder sonst wie in der Öffentlichkeit erlaubt. Der Anblick von Frauen ist für Ultraorthodoxe schlicht tabu.

Keine Merkel, keine Mogherini

Das rigorose Verbot gilt auch für Zeitungen - und macht im Zweifel auch vor Retuschen nicht halt. Besonders eindrücklich zu begutachten auf dem mittlerweile weltbekannten Bild von dem Trauerfeier für Opfer der Pariser Anschläge. Direkt neben Frankreichs Staatschef Francois Hollande schritt, Arm in Arm, Angela Merkel im Block aus 50 Staats- und Regierungschefs. Nicht allerdings in der Ausgabe der ultraorthodoxen Zeitung "Hamodia". Das Blatt veröffentlichte das Photo ohne Merkel und der ebenfalls anwesenden EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini. Stattdessen steht nun Palästinenserpräsident Mahmut Abbas neben Hollande - perspektivisch nicht ganz sauber, aber auf den ersten Blick fällt die Fotomontage nicht auf.

Es ist nicht unüblich für ultraorthodoxe Medien, selbst Bilder mit großem Nachrichtenwert nachzubearbeiten, damit keine Frauengesichter zu sehen sind. Die religiös motivierte Eigenart sorgt auch in Israel selbst für Spott: Die säkulare israelische Zeitung "Maariv" betitelte in ihrer Online-Ausgabe eine kleine Geschichte über den Fall unter der ironischen Überschrift "Journalismus vom Feinsten".

nik

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