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Trotz hoher Staatsverschuldung: Griechenland gönnt sich Formel-1-Strecke

Der Mittelmeerstaat ist fast pleite, spart wie besessen, plant aber eine Rennpiste in der Provinz für beinahe 100 Millionen Euro. Selbst Griechen machen sich lustig über das kühne Projekt.

Von Thomas Schmoll und Andreas Albes

Monaco steht für Reichtum, Glanz, Prominente, Casino-Zocken - und eines der berühmtesten Motorsportereignisse der Welt. Das jährliche Formel-1-Rennen ist legendär und trägt zum Glamourfaktor des Zwergstaates wesentlich bei. Andere Hafenstädte können von solch einem Weltruhm nur träumen. Zum Beispiel das griechische Piräus. Dort sehnen sich Bewohner danach, so etwas wie das griechische Monaco zu werden. Ihr kühner Plan: ein Formel-1-Stadtkurs nach Vorbild des kleinen Stadtstaates. Die Idee, die dahinter steckt: Superreiche schippern mit ihren Luxusjachten nach Piräus – quasi ein Vorort Athens - und lassen viel Geld in der Stadt, die durch das Rennen zu Ruhm und Reichtum gelangt und als Folge auch weniger betuchte Touristen anlockt.

Das Konzept war weit fortgeschritten. Ein alter ausgedienter Marinestützpunkt sollte in die Strecke einbezogen werden, Tribünen für 130.000 Zuschauer entstehen. 70 Prozent der Piste sollte durch die Stadt gehen. Die Befürworter präsentierten sogar türkische Geldgeber und einen Architekten mit tadellosem Ruf. Angeblich unterstützte Formel-1-Chef Bernie Ecclestone das Projekt. Jedenfalls meldeten das mehrere Zeitungen übereinstimmend. Und dennoch: Der Wunsch, ein zweites Monaco zu werden, erweist sich - zumindest in Piräus - zunehmend als Hirngespinst, auch wenn Fans immer noch daran glauben.

Rennstrecke 200 Kilometer von Athen entfernt

Der Traum von einer griechischen Formel-1-Srecke lebt allerdings unvermindert weiter – unterstützt von der Regierung in Athen. Sie, die seit zwei Jahren nur dank internationaler Milliardenunterstützung den Staatsbankrott verhindern kann, gab jüngst Fördergelder für einen Rundkurs in der Provinz frei. Der kühne Plan soll in dem kleinen Ort Chalandritsa nahe Patras, ungefähr 200 Kilometer von Athen entfernt und ebenfalls am Meer gelegen, realisiert werden. Rund 500 Arbeitsplätze erhoffen sich die Befürworter von der Idee.

Das Ministium will knapp 29 Millionen Euro springen lassen, der Bau der Anlage wird mit insgesamt etwa 95 Millionen Euro Kosten veranschlagt. Sie soll 2015 stehen. "Es hat viele Jahre gebraucht, um diesen Punkt zu erreichen", zitierte die größte griechische Tageszeitung "Ta Nea" den früheren Bürgermeister von Patras, Evangelos Floratos. Er und seine Mitstreiter setzen darauf, dass Ecclestone, der umstrittene Multimilliardär an der Spitze der Formel 1, auch die Provinzstrecke unterstützt.

Die Regierung in Athen hält das Projekt für lohnend, selbst wenn sich dort niemals Formel-1-Boliden jagen und nur weniger bedeutende Rennen ausgetragen werden oder am Ende gar lediglich Go-Kart-Fahrer ihre Runden drehen. Das Geld soll durch Vermietung der Piste, Werbung und TV-Einnahmen reingeholt werden. Laut Presseberichten sind die Pläne schon rund zehn Jahre alt. Geldgeber und damit künftige Besitzer der Anlage sind nach Informationen des amerikanischen Finanzdienstleisters Bloomberg Hunderte Kleinanleger und eine finanziell angeschlagene Baufirma.

Millionen für ein Luxushotel auf Kreta

Verwunderlich ist, dass das Ministerium in Athen die Strecke in der Provinz befürwortet und Piräus einen Korb gibt. Denn ob Patras samt seiner Umgebung tatsächlich den Charme besitzt, all die erhofften superreichen Motorsportfans und Jachtbesitzer anzulocken, gilt es abzuwarten. Und nicht zuletzt gibt es viele Beispiele aus jüngster Zeit, wie hochfliegende Pläne für Formel-1-Strecken auf dem Boden der Tatsachen landeten. Übrigens auch in Deutschland: Erinnert sei nur an den Lausitzring in Brandenburg nahe der Grenze zu Polen.

Ein ganz banales Problem macht es schwierig, im Formel-1-Geschäft Fuß zu fassen: Der Rennkalender ist voll. Kommt ein neuer Austragungsort hinzu, muss ein etablierter rausfliegen. Der Rennzirkus expandiert seit langer Zeit immer stärker in Regionen, die jahrzehntelang mit der Formel 1 austragungstechnisch nichts zu tun hatten, wo die Zahl der Fans aber permanent wächst. Früher undenkbar, gehören inzwischen die Großen Preise von China, Indien, Abu Dhabi, Korea und Singapur zum festen Terminplan. Vorgesehen – beschlossen ist es noch nicht - ist 2013 erstmals ein Stadtkurs durch New Jersey, einen Steinwurf vom Zentrum New Yorks entfernt. Fest steht: 2014 wird erstmals der Große Preis von Russland in Sotschi am Schwarzen Meer ausgetragen. Wo soll da der Platz sein für einen griechischen Grand Prix?

Selbst in der griechischen Bevölkerung gibt es Skepsis. Ein Leser der "Ta Nea" kommentierte die Freigabe der Millionengelder für die Rennstrecke: "Da bin ich beruhigt. jetzt sind alle unsere Probleme gelöst!"

Falls es nicht klappt: Entwicklungsminister Notis Mitarakis gab neben den Millionen für die Rennanlage grünes Licht für zwei weitere von insgesamt sieben Projekten, mit denen Athen die Wirtschaft des Landes ankurbeln will: Im Norden wird die Errichtung einer Glasfabrik staatlich gefördert und auf Kreta soll mittels Subventionen dem Luxushotel "Elounda Bay Palace" zu noch mehr Glanz verholfen werden – durch den Bau eines Konferenzzentrums. Insgesamt lässt Athen für die drei Vorhaben 44 Millionen Euro springen. 800 neue Jobs verspricht sich die Regierung davon nach eigenen Angaben: Macht 55.000 Euro pro Arbeitsplatz.

Thomas Schmoll und Andreas Albes

Von:

und Thomas Schmoll