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Sturm auf das Kapitol Bei Black Lives Matter griff die Polizei durch – die Trump-Anhänger hatten fast freie Bahn

Polizisten vor Kapitol – Trump-Anhänger stürmen Kapitol
Bei den Black-Lives-Matter-Demonstrationen bewachten viele Sicherheitskräfte das Kapitol in Washington. Für die Proteste der Trump-Anhänger war die Polizei hingegen nicht gewappnet.
© Saul Loeb / AFP, Picture alliance / Associated Press
Der Sturm von Trump-Anhängern auf das Capitol in Washington hat ein neues Kapitel in der Geschichte der USA aufgeschlagen. Der Vergleich zu den Black-Lives-Matter-Protesten im vergangenen Jahr zeigt aber auch: Die Ungleichbehandlung von Schwarzen und Weißen setzt sich fort.

Die Bilder, die am Mittwochnachmittag US-amerikanischer Zeit aus Washington um die Welt gingen, sorgten rund um den Globus für Entsetzen. Zahlreiche Anhänger des amtierenden Präsidenten Donald Trump hatten sich vor dem Kapitol versammelt, während drinnen Kongress und Senat Joe Biden als neu gewählten US-Präsidenten bestätigen sollten. Den Demonstranten gelang es, das Gebäude zu stürmen.

Sofort stellte sich nicht nur in den USA die Frage: Wie konnte das passieren? Schließlich handelt es sich um das politische Zentrum der Vereinigten Staaten – einen Ort, der für die Öffentlichkeit nicht ohne Weiteres zugänglich ist, und stark bewacht wird. Dennoch schienen die Trump-Anhänger mühelos alle Absperrungen durchbrechen zu können, die Polizei war überfordert. Schnell drängte sich der Vergleich zu einer anderen großen Protestbewegung auf, die die USA im vergangenen Jahr in Atem gehalten hatte – Black Lives Matter. Die Proteste gegen die Ungleichbehandlung von Schwarzen wurden damals, anders als beim Sturm auf das Kapitol, von der Polizei vielerorts mit Gewalt unterbunden, sobald sie aus dem Ruder zu laufen drohten.

Hohe Polizeipräsenz bei Protesten von Black Lives Matter

Ein Vergleich der Bilder zeigt, dass die Polizeipräsenz bei den Black-Lives-Matter-Protesten deutlich größer war als beim Auflauf der Trump-Anhänger vor dem Kapitol, der ebenfalls keineswegs unerwartet kam. Dennoch schienen die Polizisten von der Menschenmasse überrascht. Auf Videos ist zu sehen, wie die Demonstranten die Absperrungen durchbrechen, die wenigen Polizisten können dem Mob kaum etwas entgegensetzen.

Zwar kam es auch bei den Demonstrationen der Black-Lives-Matter-Bewegung immer wieder zu Ausschreitungen. Doch der Umgang der Polizei mit den Protestierenden könnte unterschiedlicher kaum sein. Im Sommer gingen Bilder um die Welt, die zeigten, wie schwarze Demonstrierende von Polizisten brutal zu Boden gerungen oder mit Gummigeschossen beschossen wurden. Der Sturm auf das Kapitol hatte für die Anhänger von Donald Trump, die das Ergebnis einer demokratischen Wahl mit Gewalt angreifen wollten, bisher kaum Konsequenzen. Viele von ihnen wurden von der Polizei ohne Gewaltanwendung aus dem Gebäude geführt. 

Donald Trump weigerte sich, die Nationalgarde zu rufen

Auch die Zahlen sprechen für sich: CNN berichtet, dass bei einer Black-Lives-Matter-Demo in Washington im Juni 88 Menschen festgenommen wurden. In Verbindung mit dem Angriff auf das Kapitol gab es nach Angaben der Polizei 52 Festnahmen, davon 26 auf dem Gelände des Kapitols. 47 Personen wurden festgenommen, weil sie gegen die verhängte Ausgangssperre verstoßen hatten. Vier Menschen kamen ums Leben.

"Wenn die Demonstranten schwarz gewesen wären, wären sie übel zugerichtet, mit Tränengas beschossen und vielleicht getötet worden", vermutete auch das Black Lives Matter Global Network, eine der wichtigsten Organisationen, die sich für die Rechte von Schwarzen weltweit einsetzt. Donald Trump hatte bei den Protesten nach dem gewaltsamen Tod des Schwarzen George Floyd mit hartem Durchgreifen gedroht: "Diese Menschen kennen nur eine Sache, und das ist Stärke." Als seine Anhänger das Kapitol überrannten, weigerte sich der Präsident laut Medienberichten, den Befehl zum Einsatz der Nationalgarde zu geben.

Ein Offenbarungseid für Demokratie und Gesellschaft

So zeigt der denkwürdige 6. Januar gleich in verschiedener Hinsicht den Zustand von Demokratie und Gesellschaft in den USA. Der Sturm auf das Kapitol macht erneut deutlich, wie weit sich die radikalen Unterstützer von Donald Trump vom demokratischen System entfernt haben – selbst dann noch, als schon weite Teile der republikanischen Partei die Niederlage ihres Kandidaten eingestanden hatten. Gespaltener kann eine Gesellschaft kaum sein. Die Reaktion der Polizei lässt zudem die Schlussfolgerung zu, dass Demonstrationen von schwarzen und weißen Bürgern unterschiedlich behandelt werden. Und zwar ungeachtet ihres politischen Hintergrunds und ihres Anliegens.

Warum das Kapitol bei der Sitzung von Senat und Kongress so unzureichend abgeschirmt war, bleibt offen. Zahlreiche erfahrene Beobachter äußerten ihr Erstaunen darüber, zum Beispiel ZDF-Moderator Claus Kleber. "Wer schon oft durch die vielen Sicherheitsschranken des Kapitol gegangen ist, angeschissen wurde wegen eines einzigen falschen Schritts. Wer die zig Millionen teuren unterirdischen Sicherheitsanlagen kennt, muss sich fragen, wie diese Stürmung so leicht sein konnte", schrieb der Journalist, der für die ARD lange als Korrespondent aus den USA berichtet hat. 

Quellen: CNN / Black Lives Matter Global Network auf Twitter / William LeGate auf Twitter / Claus Kleber auf Twitter


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