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Prozessbeginn in der Türkei: Seit 190 Tagen sind sie im Hungerstreik, um ihre Jobs wiederzubekommen

Sie sind zum Symbol des Widerstands in der Türkei geworden: Nuriye Gülmen und Semih Özakça. Die beiden Akademiker wurden im Juli 2016 von ihren Jobs suspendiert. Seit 190 Tagen sind sie im Hungerstreik. 

Nuriye Gülmen und Semih Özakca sind seit 190 Jahren im Hungerstreik

Tag für Tag kamen Nuriye Gülmen (l.) und Semih Özakca (r.) zum Menschenrechtsdenkmal in Ankara, um gegen ihre Suspendierung zu protestieren. Heute beginnt der Prozess gegen die Universitätsdozentin und den Grundschullehrer.

 

Wasser, Zucker, Salz, Kräutertee und Vitamin B1 – mehr nehmen die türkische Literaturdozentin  Nuriye Gülmen und der Grundschullehrer Semih Özakça nicht zu sich. Seit 190 Tagen. Damit sind die beiden Hungerstreikenden zum Symbol des türkischen Widerstandes geworden. Sie gehören zu den über 140.000 Staatsbediensteten, die nach dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 per Notstandsdekret entlassen wurden - ohne Angaben von Gründen und ohne die Anhörung.

Dagegen protestierten die beiden Akademiker seit vergangenem Jahr Tag für Tag in der Innenstadt vor einem Menschenrechtsdenkmal in Ankara. Es zeigt eine bronzene Frau, die die universelle Erklärung der Menschenrechte liest. Inzwischen ist es von Polizeigittern eingezäunt. Immer wieder hatten sich dort die Unterstützer der beiden versammelt. Auch gegen sie geht die Polizei mit Härte vor. 

"Die Türkei ist ein Land, in dem Sie für die Einforderung des kleinsten Rechts einen sehr großen Preis bezahlen müssen", sage die 35-jährige Dozentin in einem Interview mit "Zeit Online". Das nahmen sie sehr wörtlich. Am 9. März traten Gülmen und Özakça in den Hungerstreik.

20 Mal sei sie während ihres Protests festgenommen, teilweise misshandelt worden. Das 21. Mal war bisher das längste. Zu diesem Zeitpunkt waren sie bereits 75 Tage im Hungerstreik. Heute, an Tag 190, beginnt der Prozess gegen die beiden Akademiker. Der Vorwurf: Sie hätten der verbotenen linksextremen Gruppe DHKP-C angehört und für sie Propaganda gemacht.

Nuriye Gülmen: konservativ erzogen, in der Gewerkschaft aktiv

Nuriye Gülmen war Literaturdorzentin an der Universität Konya. Sie stammt aus einer streng konservativen Arbeiterfamilie aus der Provinz Küthaya zwischen Ankara und Istanbul. "Meine Eltern sind sehr fromm, meine Mutter und meine Schwestern tragen Kopftuch, sie wählen Erdogan, nur ich bin aus der Art geschlagen", sagte sie vergangenen Dezember der "Rheinischen Post". Nach dem Abitur arbeitete sie als Stewardess, studierte in Ankara Literaturwissenschaften und begann anschließend an der Universität in Eskisehir zu arbeiten. Dort kam sie auch mit linken Ideen in Berührung, engagierte sich in der Gewerkschaft. Damit eckte sie schon früher an. "Dauernd wurden Disziplinar-Berichte über mich geschrieben, unter anderem, weil ich singend einen Gang entlanglief." 2012 saß sie mit dem Vorwurf der Terrorpropaganda für drei Monate im Gefängnis.

Nach einem Freispruch durfte die Literaturwissenschaftlerin zwar wieder arbeiten, allerdings weigerte sich die Universität drei Jahre später ihren Vertrag zu verlängern. Sie prozessierte, gewann den Prozess, wurde dann jedoch in die erzkonservative Stadt Konya versetzt. An ihrem ersten Arbeitstag habe sie einen Fragebogen mit 42 Fragen zum vereitelten Putschversuch und der Gülem-Bewegung vorgelegt bekommen. "Keine einzige Frage beruhte auf einem konkreten Verdacht. Aber einige Fragen sollten mich zwingen, meine Gedanken zu offenbaren und andere Leute zu denunzieren. Das war total inakzeptabel, und das sagte ich denen auch", berichtet sie der "Rheinischen Post". Daraufhin erhielt sie den Suspendierungsbescheid. 

Semih Özakça, ihr Weggefährte in Protest und Hungerstreik, ist Grundschullehrer in Mardin. Die beiden sind seit Jahren befreundet. Auch er ist aktiver Gewerkschafter und wurde im Zuge der Entlassungen suspendiert.

"Beide sind stark abgemagert und sitzen im Rollstuhl"

Inzwischen sind die beiden Akademiker vom Hungerstreik gezeichnet. Ihr Anwalt Engin Gökoglu berichtete in der "Frankfurter Rundschau": "Beide sind stark abgemagert, sitzen im Rollstuhl und müssen in Wasserbetten schlafen, weil sie viel Muskel- und Knochenmasse verloren haben, aber sie sind bei vollem Bewusstsein. Sie sprechen mit vielen Pausen. Sie sagen, sie werden ihren Hungerstreik erst beenden, wenn sie ihre Jobs zurückbekommen." Das war am 4. August. Damals war eine Beschwerde der beiden vor dem Europäische Gerichtshof für Menschenrechte auf einstweilige Anordnung der Freilassung war von den Straßburger Richtern abgelehnt worden. Es bestehe keine unmittelbare Gefahr für ihr Leben, hatten die Richter argumentiert und außerdem eine Beendigung des Hungerstreiks empfohlen. Davon wollten die beiden Akademiker nichts wissen. "Wir werden solange weitermachen, bis sie uns unsere Arbeit zurückgeben. Da sind wir ganz klar", sagte Nuriye Gülmen gegenüber "Zeit Online". Ende Juli wurden Gülmen und Özakça in ein Gefängniskrankenhaus verlegt. 

Viele Oppositionelle haben sich mit ihnen solidarisiert, doch werden sie auch gedrängt, ihren Hungerstreik zu beenden. Ihnen drohen in dem Prozess bis zu 20 Jahre Haft. Vorgestern wurden mindestens 13 ihrer Anwälte festgenommen.

Warum die Regierung so hart bleibt, erklärt Anwalt Gökoglu gegenüber der "Frankfurter Rundschau" mit dem unbeugsamen Widerstand seiner Mandanten: "Sie haben dem ganzen Land die Unrechtmäßigkeit der Notstandsdekrete und Massenentlassungen bewiesen. Das verzeiht ihnen die Regierung nicht." 

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