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Kommentar

Erdogan-Referendum: "Falsch" gewählt? Jetzt lasst mal die Deutschtürken in Ruhe

Zwei Drittel aller Deutschtürken haben für Erdogans Autokratie-Pläne gestimmt. Aber sind sie deswegen schlecht integrierte Antidemokraten? Nein. Auch wenn das Ergebnis schockierend ist, ist es genauso anmaßend, ihnen vorzuwerfen, "falsch" gewählt zu haben.

Türkei Referendum in Hamburg

Abstimmung über das Präsidialsystem im türkischen Konsulat in Hamburg

Die Wahllokale waren noch warm vor lauter Betriebsamkeit, als die türkische Nachrichtenagentur Anadolu bereits meldete, rund 63 Prozent aller Deutschtürken hätten Ja zur Präsidialpolitik gesagt. Das sind fast zwei Drittel - ein ziemlich eindeutiges Ergebnis. Und schockierend, wie schnell resümiert wurde - querbeet durch alle Parteien, Verbände und von mehr oder weniger Betroffenen. Was ist bloß los mit unseren Mitbürgern, die eine angekündigte Diktatur der Demokratie vorziehen? Warum schlagen die Herzen so vieler Menschen für einen Mann, der Kritiker Terroristen nennt, befreundete Staaten als Nazis schmäht und als erstes die Todesstrafe einführen will? Es kann gar nicht anders sein - die hiesigen Türken haben schlicht falsch gewählt. Was für eine arrogante Einstellung.

Wird das Präsidialsystem in der Türkei wirklich schlimm?

Zumal sie voraussetzt, dass die schlimmsten Befürchtungen, die in den vergangenen Wochen über das Präsidialsystem geäußert wurden, überhaupt eintreffen. So wie sich der türkische Staatspräsident zuletzt aufgeführt hat, spricht das Allermeiste dafür. Aber das Wahlergebnis in der Türkei zeigt auch, dass rund die Hälfte der Menschen Erdogans "Sultanat" ablehnt. Unklar ist deswegen auch, ob und wie viele Türken überhaupt gewillt sind, absehbare Eskapaden ihres Staatsoberhaupts mitzutragen. Dass sich ausgerechnet die Deutschtürken so zahlreich für das Präsidialsystem erwärmen konnten, mag befremdlich sein, aber sie deshalb gleich als potenzielle Problemfälle für Deutschland abzuurteilen, ist spalterisch und vor allem zu simpel.


Selbst ohne genaue Wähleranalyse lässt sich relativ grob auseinanderdividieren, warum sie sich für Evet, also für Ja, entschieden haben. Ein Blick auf ein paar Zahlen und Meinungsumfragen genügt für erste Erklärungsansätze:

  • Da wäre zum einen die nackte Zahl der Ja-Wähler. Von den rund drei Millionen Deutschtürken war etwa die Hälfte wahlberechtigt. Davon sind weniger als 50 Prozent überhaupt zur Abstimmung gegangen, von denen wiederum 63 Prozent für das Präsidialsystem gestimmt haben. In Summe: Von insgesamt 2,9 Millionen Deutschtürken haben knapp 400.000 für die umstrittene Staatsreform in Land ihrer Vorfahren votiert - das ist nicht einmal ein Fünftel der türkischen Gemeinschaft.
  • Wie in jeder anderen Bevölkerungsgruppe gibt es auch unter den Deutschtürken Leute, die schlicht einen starken Mann an der Spitze sehen wollen, die sich ein System wünschen, in dem nicht viel geredet, sondern gehandelt wird. Nationalisten, Ultrakonservative, Obrigkeitshörige. Wie groß deren Anteil ist, lässt sich zwar schwer sagen, aber sie sind vermutlich am ehesten diejenigen, die auch das politische System ihrer (Zweit-)Heimat Deutschland ablehnen.
  • Und dann gibt es auch viele türkische Wähler, die die Verhältnisse in Deutschland und die Türkei nach unterschiedlichen Maßstäben bewerten. Die hierzulande vielleicht SPD oder CDU wählen, aber sehen, dass die Türkei mit ganz anderen Problemen ringt: den Quasi-Bürgerkrieg in den Kurdengebieten, der im Vergleich zu Deutschland viel größere Flüchtlingsdruck, die direkte Nachbarschaft zu den Kriegsgebieten Irak und Syrien. Man kann, muss aber nicht zwingend Anhänger von Autokratien sein, um zu dem Schluss zu kommen, dass ein "starker Führer" für diese Situation der Richtige ist.
  • Da wären die Türken, die natürlich wissen, dass Erdogan seine künftige Machtfülle missbrauchen könnte. Aber die dem Mann schlicht vertrauen, dass er es nicht tun wird. Oder darauf hoffen, dass die Gesellschaft den schlimmsten Auswüchsen einen Riegel vorschieben wird.  
  • Was ist mit den Deutschtürken, die ein-, zweimal im Jahr ihre Verwandten besuchen und sehen, wie deren Lebensstandard sich in den vergangenen Jahren verbessert hat? "Ah, sieh an, der Onkel fährt ein neues Auto, er hat seine Küche renoviert und endlich einen vernünftigen Fernseher." Ja, sagt der Onkel, und alles nur wegen Erdogan. Der Staatspräsident kann auf einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung verweisen - besonders die (konservativ-religösen) Bewohner (und deren deutsche Verwandte) ärmerer Gebiete wie Südostanatolien verehren ihren Präsidenten deshalb als Supermann.
  • Völlig unklar ist leider, wie viele Deutschtürken unter dem Druck von Nachbarn, Freunden und Verwandten mit Ja gestimmt haben. Sicher ist nur: In der Türkei selbst fand die Nein-Kampagne weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Der türkische Justizminister hatte die Nein-Lager sogar indirekt mit Terroristen verglichen. Auch aus Deutschland war zu hören, dass sich viele Deutschtürken beinahe genötigt sahen, für das Präsidialsystem zu stimmen.
  • Und dann gibt es diejenigen, die wochen- und monatelang in deutschen Medien lesen mussten, wie schlimm das Präsidialsystem werden wird und jetzt gesagt haben: "Ihr Deutsche schert Euch jahrzehntelang nicht um uns, und jetzt wollt ihr uns auch noch vorschreiben, wie wir zu wählen haben? Pustekuchen!"

Türken - ab in die Schämecke! 

Ganz sicher werden viele Menschen noch ein weiteres halbes Dutzend mehr oder weniger überzeugende Gründe anführen können, warum sie für das Präsidialsystem sind. Aber die Mehrheit der Deutschtürken war es eben nicht. Und genauso wenig wie alle Wähler von Donald Trump chauvinistische Bauerntölpel und Fremdenfeinde sind, sind Deutschtürken per se schlecht integrierte Antidemokraten. Auch wenn Studien belegen, dass türkischstämmige Menschen die schlechtesten Integrationswerte aller Migrantengruppen haben - sie jetzt in die Schämecke zu treiben und sie zu belehren, wie man "richtig" wählt, schadet mehr als das es irgendjemandem hilft.