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Ukraine Menschen sitzen auf den Dnipro-Inseln fest – ein Zivilist begibt sich auf riskante Rettungsfahrt

Menschen füllen Wasser aus dem Fluss Dnipro in Kanister
Menschen füllen Wasser aus dem Dnipro in Kanister und Flaschen
© Efrem Lukatsky / AP / DPA
Eine offizielle Rettungsmission scheiterte wegen des russischen Bombenhagels. Nun harren immer noch zahlreiche Ukrainer in ihren Sommerdatschen auf den Inseln im Fluss Dnipro aus. Aber Rettung naht.

Es schneit in Cherson, das Wasser des Dnipro ist eisig. Dennoch lässt Oleksij Kowbasjuk den Motor seines alten Bootes an und rast über den Fluss. Die Fahrt zur Potemkin-Insel ist kurz aber lebensgefährlich. Kowbasjuk nimmt das Risiko in Kauf, um die auf der Insel festsitzenden Menschen zu retten.

Im November zogen sich die russischen Truppen aus dem südukrainischen Cherson auf das gegenüberliegende Ufer des Dnipro zurück. Von dort beschießen Artillerie und Scharfschützen die ukrainische Seite, der Fluss wurde zur neuen Front.

Kowbasjuk macht sich Sorgen um die Menschen, die auf den Dnipro-Inseln abgeschnitten von Versorgung und Verkehr in ihren Sommerhäusern ausharren. "Einige haben ihre Datscha seit der Befreiung Chersons nicht mehr verlassen. Sie brauchen Brot", sagt der 47-Jährige. Um ihnen zu helfen begibt sich Kowbasjuk selbst in Gefahr. "Zwei Einschusslöcher hat mein Boot schon. Das passierte gleich nachdem die russischen Soldaten auf die andere Seite geflohen sind", berichtet er, während er die Potemkin-Insel ansteuert.

"Ich bin so froh, dich zu sehen!"

Die acht Kilometer lange und vier Kilometer breite Insel liegt flussabwärts von Cherson. Vor dem Krieg war sie eine Oase der Ruhe, jetzt wird sie ständig beschossen. Von den mehreren hundert Datschen ist nur noch eine Handvoll bewohnt. Wer weiterhin bleiben will, bekommt von Kowbasjuk Lebensmittel, die anderen bringt der Bauarbeiter zum ukrainisch kontrollierten Flussufer in Sicherheit.

Nach 40 Minuten Fahrt durch den eiskalten Wind legt Kowbasjuk an und trifft auf den Rentner Oleksandr Sokolyk. "Oleksij, Bruder! Ich bin so froh, dich zu sehen", ruft der 64-Jährige und umarmt Kowbasjuk. "Die Lage in Cherson scheint jetzt besser zu sein. Wir hier haben seit einer Woche keinen Strom mehr", sagt Sokolyk, der ebenfalls Inselbewohner zum Festland bringt. "Und jede Nacht stehen wir unter Beschuss. Die Granaten fliegen von links nach rechts, von rechts nach links über uns hinweg."

Olga Schpinjowa steht mit elegantem lila Hut und Wintermantel bereit, die Insel zu verlassen, um bei ihrer Schwester in Cherson zu wohnen. Zwei kleine Taschen hat sie gepackt, ihr Hund Toscha kommt auch mit. "Dort wird es besser sein als in einem Gebäude ohne Wasser, Heizung oder Strom", sagt sie und erzählt, wie ihr Haus getroffen wurde. "Ich hatte Glück, dass ich zu dem Zeitpunkt bei meiner Tochter war. Das hat mir das Leben gerettet."

Rettungsaktion fiel wegen Sicherheitsbedenken aus

Die Behörden hatten angekündigt, zwischen dem 3. und 5. Dezember die Inselbewohner mit einer Fähre in Sicherheit zu bringen. Doch das Versprechen wurde nicht eingelöst. "Wir können keinen regulären Transport auf dem Fluss organisieren, das erlauben uns die Besatzer nicht", sagt der Gouverneur der Region, Jaroslaw Januschewytsch. "Leider können wir die Sicherheit der Menschen bei der Überfahrt nicht garantieren."

Auf der Rückfahrt nach Cherson mit drei Passagieren an Bord schlägt eine Rakete direkt vor Sokolyks Boot ein. "Ich habe keine Ahnung, woher sie kam", sagt er noch unter Schock.

Emmanuel Peuchot / Arman Soldin / cl AFP

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