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Ukraine-Krise: Die Russen blockieren den Hafen von Mariupol – mit dramatischen Folgen. Bericht aus einer umkämpften Stadt

Im Asowschen Meer behindern die Russen den Schiffsverkehr. Das zur Ukraine gehörende Mariupol trotzt dennoch der Aggression. Einblicke in die bedrohte Stadt.

Ukraine-Krise: Die Russen blockieren den Hafen von Mariupol

Eine Woche nach dem Beschuss ukrainischer Marineschiffe durch Russland trainieren Mitglieder der "Territorialen Selbstverteidigungskräfte" der Ukraine in Mariupol am Strand

Die Partisanen trainieren immer am Sonntag, und zwar direkt am Stadtstrand hinter den Eisenbahnschienen. Auf dem Meer schwimmen Eisschollen, auf dem Sand knistert unter den Füßen das Eis. Die Männer tragen Camouflage, einer hat einen alten Bundeswehr-Parka an, der sich irgendwie in die Ostukraine verirrt hat. Zur Vorsicht haben sich viele Männer Gesichtsmasken übergezogen und Sonnenbrillen aufgesetzt. Weil man nie weiß, wer guckt. Weil sich niemand ganz sicher fühlt. Und weil keiner vorhersehen kann, was die Zukunft in Mariupol noch so bringt.

"Der Feind ist unberechenbar", sagt ein junger Lehrer, der sich Wolodymir nennt. Er unterrichtet alltags Ingenieurwissenschaften am College. In den Krieg zog er nicht. Sollten Separatisten oder russische Soldaten jedoch in seine Heimatstadt Mariupol einmarschieren, will er sie verteidigen, wenn es sein muss aus der besetzten Stadt heraus. "Meine Heimat", sagt er, "ist die Ukraine."

Mariupol aber gehört zur Ukraine

Mehr als hundert Einwohner ließen sich bereits bei der "Territorialen Selbstverteidigung" für Spezialaufgaben ausbilden. An diesem Morgen trainiert nur ein Dutzend am Strand, unter ihnen auch Arbeiter aus den Stahlwerken und Dmitro, ein Versicherungsagent. Geleitet wird der Kurs von einem Offizier der ukrainischen Armee, der die Männer zum Aufwärmen am Ufer entlangscheucht.

Wolodymir nimmt teil, weil er sich Sorgen macht – besonders seit in den vergangenen Woche der Konflikt in der Ostukraine erneut eskalierte und diesen immer noch schwelenden Krieg wieder ins Bewusstsein der Welt katapultierte. Angefeuert von begeisterten Rufen eines russischen Offiziers rammte ein Schiff der Grenztruppen auf dem Asowschen Meer einen Schlepper der ukrainischen Truppen. Am Abend eröffneten die russischen Schiffe gar Feuer auf die Ukrainer. Dabei waren diese nur aus dem ukrainischen Hafen Odessa durch neutrales Gewässer in den ukrainischen Hafen Mariupol unterwegs. Dann hielten die Russen die drei Boote fest. 24 Marinesoldaten sind seither in russischer Haft, die Schiffe liegen in den Häfen der annektierten Krim.

Ein Soldat steht Wache auf dem Rettungsschiff "Donbass", einem von vier verbliebenen Schiffen der ukrainischen Marine im Asowschen Meer

Ein Soldat steht Wache auf dem Rettungsschiff "Donbass", einem von vier verbliebenen Schiffen der ukrainischen Marine im Asowschen Meer

Im Zentrum der neuen Eskalation steht seither Mariupol, die einzige Stadt aus der Region Donezk, die nicht zum Separatistengebiet gehört, der sogenannten Donezker Volksrepublik. Diese wird von Russland kontrolliert. Mariupol aber gehört zur Ukraine.

Für die Hafenstadt sind die Folgen der russischen Attacke dramatisch: Sie hat quasi ihren Seeweg verloren, die wichtige Verkehrsader, über die die beiden Stahlwerke der Stadt gewöhnlich ihre Waren verschiffen. Die Eisenbahnverbindungen sind so wenig ausgebaut, dass sie den Ausfall auf dem Wasser nicht vollständig ersetzen können. "Putin will das Asowsche Meer offenbar in einen russischen Binnensee verwandeln", sagte der ukrainische Infrastrukturminister Wolodymir Omeljan zum stern.

Denn Russland behindert an seiner neuen Brücke von Kertsch den Zugang zum Asowschen Meer: Am vergangenen Sonntag mussten hier mehr als 150 Schiffe ankern. Die Warterei kostet die Reedereien nach Schätzungen der Hafenbehörden von Mariupol etwa 15.000 Dollar am Tag. Statt wie gewöhnlich 40 Schiffe trafen im vergangenen Monat nur wenige in der Hafenstadt ein – die beiden letzten hatten jeweils zwei Wochen auf die Durchfahrt in das Binnenmeer warten müssen. 3000 Hafenarbeiter kommen zwar zur Arbeit, haben dort aber nichts mehr zu tun. Auch die Lager sind leer. Im Nachbarhafen Berdjansk wurden bereits erste Arbeiter entlassen. "Putin ist ein Gangster", schimpft Minister Omeljan.

Kriegsrecht

Die Ukrainer befürchten, dass es Russland nicht nur auf das Meer selbst abgesehen hat, sondern auch auf die Hafenstädte Mariupol und Berdjansk. So wäre auch der Landweg auf die annektierte Krim gesichert. Geht es den Menschen in Mariupol erst schlecht genug, so offenbar das Kalkül der Russen, dann legt sich in der Stadt auch der ukrainische Widerstand.

Mariupol ist nicht schön: Genau genommen macht die Stadt es nicht einmal ukrainischen Patrioten leicht, ukrainische Patrioten zu sein. Schwere schwarze Wolken kriechen aus den Schornsteinen der beiden Stahlwerke, die Rinat Achmetow gehören, dem reichsten Mann der Ukraine. Hoffnungslos veraltet sehen sie aus, wie verrostete Industrielandschaften aus einer anderen Zeit. Vor dem Krieg kämpfte eine Umweltbewegung gegen die Anlagen. Vom Stadtstrand, auf dem die Patrioten trainieren, ist eines der Werke aus der Ferne zu sehen. Oft sind sie auch zu riechen, je nachdem, wie sich in Mariupol gerade der Wind dreht.

Der Freiwillige Dmitro im Hauptquartier der Organisation "Neues Mariupol"

Der Freiwillige Dmitro im Hauptquartier der Organisation "Neues Mariupol"

Auch die Front ist manchmal von hier aus zu hören. Das umkämpfte Fischerdorf Schirokine liegt nur 30 Minuten Autofahrt von Mariupol entfernt. Es ist so zerschossen, dass dort schon seit mindestens drei Jahren niemand mehr lebt. Dennoch donnern, wie fast überall an der Front, täglich Geschosse in beide Richtungen. Europa hat den Krieg so gut wie vergessen, in der Ostukraine haben sich die Menschen längst an ihn gewöhnt. "Wir leben damit", sagt Dmitro, der Versicherungsagent, der auch am Strand trainiert: "Wir bemerken das fast nicht mehr."

Nach dem Angriff der Russen auf dem Meer verhängte die Ukraine hilflos in zehn Regionen des Landes das Kriegsrecht, auch in Mariupol. Für die Bewohner änderte sich dadurch jedoch kaum etwas. Wie auch –der Krieg war ja auch ohne Kriegsrecht längst da.

"Es ist ein Wunder, dass die Stadt bis heute zur Ukraine gehört", sagt Marija Podibajlo, Koordinatorin der Freiwilligenorganisation "Neues Mariupol". Sie unterrichtet das Fach Internationale Beziehungen an der lokalen Universität und nennt sich selbst die "Mutter der Kompanie". Die Selbstverteidigungstruppe war auch ihre Idee, Marija ist ein bisschen wie das ukrainische Herz der Stadt. "Nur eine Stadt, die sich wehrt", ist ihr Motto, "wird nicht erobert."

Unterhosen für die Soldaten

Dabei sah es vor fünf Jahren nicht so aus, als könnten sich die Bewohner irgendwie für die Ukraine begeistern. Während der proeuropäischen Proteste stand tagsüber manchmal nur ein einziger Mann auf dem größten Platz der Stadt. "Leute, die so dachten wie ich, gab es eigentlich nicht", erzählt Marija, "so kam es mir zumindest vor." Bis sie begriff, dass andere auch so fühlten. Dann erinnerte sie sich an soziologische Forschungen aus ihrem eigenen Institut: "Die Menschen in Mariupol sind sehr konformistisch. Sie entscheiden sich für den stärksten. Für den, der am lautesten ist." Also beschloss sie, am lautesten zu sein.

2014 gehörte Mariupol etwa einen Monat lang zur "Volksrepublik" der Separatisten, bei Kämpfen starben mindestens 30 Menschen. Damals stellten sich schließlich auch die lokalen Oligarchen Serhij Taruta und Rinat Achmetow gegen die Übernahme. Arbeiter der Stahlwerke verteidigten die Stadt. Marija Podibajlo organisierte Demonstrationen, eine Menschenkette und ein Netz inoffizieller Armee-Informanten. Sie ließ Schützengräben ausheben, knüpfte mit anderen Frauen Tarnnetze aus Fischernetzen. Später kochte sie Borschtsch für Soldaten und lief über die Märkte, um ihnen Unterhosen, Jacken, warme Schuhe und Schlafsäcke zu besorgen.

Für das Stahlwerk "Illitsch" sind Exporte schwieriger geworden, seit Russland die Meerenge von Kertsch kontrolliert

Für das Stahlwerk "Illitsch" sind Exporte schwieriger geworden, seit Russland die Meerenge von Kertsch kontrolliert

Sie ließ verletzte Soldaten von der Front in Krankenhäuser bringen, sammelte Geld. Davon kaufte sie Nachtsichtgeräte und schusssichere Westen. Bitterarm war die Armee zu Beginn des Krieges, nichts funktionierte. Manchmal pinselte irgendwer nachts Zäune in den russischen Farben an. Also beschaffte Marija gelbe und hellblaue Farbe, und sie strichen so lange über die russischen Streifen, bis überall nur noch die ukrainischen Farben zu sehen waren. Heute hat die Organisation "Neues Mariupol" immer noch ein kleines Hauptquartier, "Stab" genannt: Es liegt im Souterrain eines Wohnhauses. Die Heizung funktioniert nicht. Schreibtische und Regale haben sie selbst aus Munitionskisten zusammenmontiert.

Natürlich ist kaum noch jemand so aktiv wie zu Beginn. Wolodymir, dem Lehrer, ist das Training wichtig, weil sich viele Menschen in Mariupol nicht sicher sind, auf welcher Seite des Konflikts sie stehen. So sieht er das zumindest. Zum Beispiel seine Schüler. "Die sagen alle, dass ihnen die Politik egal ist", sagt Wolodymir. "Sie wissen nicht einmal, in welchem Land sie leben wollen." In der Ukraine? Oder vielleicht doch in Russland?

Auch sonst vermisst er Patriotismus: Im Laden wundern sich die Leute oft, wenn er Ukrainisch spricht. Im College ist es zwar Unterrichtssprache – doch einige Lehrer beherrschten die Sprache selbst nicht richtig, klagt er. Andere Bewohner der Stadt haben sich Satellitenschüsseln zugelegt, um russische Fernsehkanäle zu empfangen. Das bessere Leben vermuten sie deshalb im Osten. Etwa jeder Zehnte sei bereit, Blumen auf russische Panzer zu werfen, sobald diese durch Mariupol rollten, glaubt der Aktivist Dmitro. "Derzeit ducken die sich weg", sagt er, "und wir sehen sie nicht. Sie tauchen auf, sobald die Stimmung kippt."

"Gutes" Gehalt

Er erzählt dazu gern einen Witz, der von zwei Hunden in der Ukraine handelt. Einer bellt die ganze Zeit, er beklagt sich über seine bescheidene Hundehütte und das schlechte Essen. In Russland sei alles viel besser. "Dann geh doch nach Russland", sagt der andere Hund. Nach einem Monat treffen sich beide wieder. "Wie war es?", fragt der Hund, der geblieben war. "Nicht so toll", antwortet der andere. "Die Hundehütte war bescheiden, das Essen schlecht. Und ich durfte nicht einmal bellen."

Keiner weiß so richtig, was passiert, sollten in der Stadt tatsächlich soziale Probleme wachsen, weil der Hafen stirbt und die Fabriken weniger produzieren. Die Löhne gingen durch die Inflation der vergangenen Jahre auch so ständig zurück. Schon 15.000 Hrywna, umgerechnet nicht einmal 500 Euro, gelten als gutes Gehalt.

In den Straßen sieht man noch die Spuren der Kämpfe

In den Straßen sieht man noch die Spuren der Kämpfe

Im kommenden März ist die Präsidentschaftswahl in der Ukraine, und das löst nicht einmal bei den Patrioten Begeisterungsstürme aus. Neue Gesichter sind seit der Majdan-Revolution in der ukrainischen Politik kaum in Erscheinung getreten. "Die Politik", sagt Marija Podibajlo, "ist die schwache Seite der Ukraine."

Derzeit liegt in den Umfragen ausgerechnet Julija Timoschenko vorn, die seit vielen Jahren zum politischen Establishment gehört und als Populistin berüchtigt ist. Präsident Petro Poroschenko ist weit abgeschlagen: Weil er die Korruption nicht besiegte und die Oligarchen so mächtig sind wie immer. Mariupol gilt als Achmetows Stadt. Ihm gehören nicht nur die Stahlwerke, seine Leute dominieren auch im Stadtparlament und im Bürgermeisteramt. Dabei hielt er sich zu Beginn des Konflikts vorsichtig zurück – Separatisten erklärten gar, Achmetow habe anfangs viele von ihnen finanziert.

Vier Schiffe im Handelshafen

Auf den Wahlplakaten in der Stadt ist Poroschenko in Uniform zu sehen, darunter steht der Slogan: "Eine starke Armee ist ein Versprechen auf Frieden". Das Kriegsrecht, so glauben viele, nützt ihm im Wahlkampf. Einen Monat lang dürfen keine russischen Männer zwischen 16 und 60 Jahren in die Ukraine einreisen. Bei vielen im Land dürfte die rabiate Regel gut ankommen.

Ausgerechnet in Mariupol ist die schwächste Seite der ukrainischen Streitkräfte zu besichtigen. "Sie sehen hier die gesamte ukrainische Flotte im Asowschen Meer", sagt Maxim Nosenko, Kommandeur des Schleppers "Korez", und zeigt auf die vier Schiffe, die am Handelshafen herumdümpeln. 70 Prozent ihrer Flotte verloren die Ukrainer durch die Annexion der Krim 2014. Auch die "Korez" war damals dabei. Doch die Russen gaben das Schiff den Ukrainern rasch zurück. Ihnen war es zu alt, denn die "Korez" stammt noch aus dem Jahre 1973. Auch das Rettungsschiff "Donbass" wollten die Russen nicht haben. Es feierte vergangenen Samstag seinen 48. Geburtstag. Die Ukrainer aber sanierten die alten Boote.

Marija Podibajlo organisierte den Widerstand in der Stadt 

Marija Podibajlo organisierte den Widerstand in der Stadt 

Der Kauf neuer Schiffe kommt nicht infrage, die Ukraine gibt schon jetzt sechs Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes für die Armee aus, vor allem für die Bodentruppen, die überall an der Front kämpfen. Wie dringend auch eine Flotte benötigt wird, stellte sich erst in den vergangenen Monaten heraus. Dabei sahen viele die Gefahr kommen.

Die Aktivisten aus Mariupol schlugen schon im Mai Alarm, als die Russen auf dem Asowschen Meer bei einem Manöver nah an die ukrainische Küste rückten. Als Antwort kündigte auch die Ukraine ein Manöver auf dem Meer an. Mangels Flotte schoss jedoch nur die Artillerie vom Ufer.

Um aufzuholen, beschlossen die Behörden, bis 2019 einen Marinestützpunkt in Berdjansk zu errichten, Mariupols Nachbarstadt. Eine wendige und gut bewaffnete "Moskito-Flotte" wollten die Ukrainer dort stationieren. Doch schon der Transport von vier Schiffen in das Binnenmeer erwies sich als schwieriges Unterfangen.

Erdrückende Übermacht

Zwei der Boote brachte das Militär in einer Geheimoperation in den Hafen – zur Sicherheit per Eisenbahn über Land. Ende September steuerte Nosenko mit seinem alten Schiff an der Krim vorbei. Das Risiko war allen bewusst. "Wenn sie mich umbringen, dann ist das eben so", erklärte der Marinekapitän Dmitro Kawalenko damals. Zehn Mann hielten sich kampfbereit unter Deck für den Fall, dass die russische Marine sie angreifen würde. Ein paarmal flog ein Kampfjet so niedrig über den Booten, dass die Soldaten dachten, gleich würden Bomben fliegen. 13 Militärschiffe der Russen folgten ihnen. Die Operation der Ukrainer glückte dennoch. Man habe Russland offenbar überrascht, freuten sich die Ukrainer. Niemand griff an. Das taten die Russen erst beim zweiten Mal.

Die "Donbass" liegt seither im Mariupoler Handelshafen vor Anker. Der kleine Schlepper fuhr ein paarmal im Hafenbecken herum. "Die Übermacht der Russen ist natürlich erdrückend", sagt Nosenko. Er kennt einige der jungen Marinesoldaten, die jetzt in Moskau im Untersuchungsgefängnis sitzen. Kontakt haben sie nicht. "Wir werden Russland trotz seiner Übermacht besiegen", sagt er, "und zwar durch unseren Kampfgeist." Das ist ernst gemeint. Alle waren mutig, als sie die Straße von Kertsch passierten. Aber dann muss er trotzdem verzweifelt lachen.

Video: Ukraine-Konflikt: EU verlängert Russland-Sanktionen
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