VG-Wort Pixel

Experte Mölling "Russland verkauft sich gerade ziemlich hart, um diesen Krieg wenigstens nicht zu verlieren"

Drei Männer in Uniform betrachten, wie ein olivgrüner Gabelstapler eine Palette mit sechs Röhren auf eine Lkw hebt
Ukrainische Soldaten beobachten das Verladen von US-amerikanischen Panzerabwehrraketen am Fliughafen Kiew (Archivbild)
© Sergei Supinsky / AFP
WIe lange unterstützt der Westen noch die Ukraine bei der Verteidigung gegen Russland? Sicherheitsexperte Christian Mölling sieht keine Anzeichen für ein Nachlassen westlicher Staaten.

Der Sicherheitsexperte Christian Mölling hält die Unterstützung des Westens für die Ukraine für so stabil und dauerhaft, dass sie auch durch einen langen Krieg nicht gefährdet wird. Mölling sagte am Freitag im stern-Podcast "Ukraine – die Lage": "Wir haben es hier nicht mit Auslandseinsätzen zu tun, sondern mit einer erweiterten Verteidigung Europas. Ich glaube, dass das noch lange tragen wird." Je länger der Krieg dauere, desto stärker werde er zum Teil des Alltags in den westlichen Staaten. "Wir werden sehen, dass Krieg eine Normalität wird", sagte der Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. "Der Krieg verändert die Gesellschaften, aber er ist tragbar – auch für demokratische Gesellschaften."

Putin zielt auf westliche Gesellschaften

Die Ankündigungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin, dass die Auseinandersetzung noch lange anhalten werde, wertete Mölling als Botschaft an den Westen. "Das ist auf uns gemünzt", sagte er. "Und auf die Hoffnung des Kreml, dass vielleicht noch mal Briefe geschrieben werden zu Weihnachten in den deutschen Medien, dass wir doch jetzt endlich verhandeln sollen." Nach seiner Einschätzung werde Putins Strategie aber nicht aufgehen.

Mölling verwies auf Finnland und Schweden, die nach dem Überfall auf die Ukraine die Mitgliedschaft in der Nato ansteuern. Sie würden dort sicher nicht dafür eintreten, die Unterstützung der Ukraine zu beenden. Für diese Länder markiere der Krieg wirklich eine Zeitenwende. Es gebe eine "gewachsene Angst vor Russland", sagte Mölling. Auch wenn die Menschen im Westen einen Preis für den Krieg zahlen müssten, erwarte er keine Änderung des gegenwärtigen Kurses: "Ich glaube nicht, dass wir aus einem finanziellen Argument aussteigen werden."

Tote Soldaten keine Gefahr für Regime

Nach dem Eindruck des Experten geht es Russland inzwischen darum, den Krieg vor allem nicht zu verlieren. Bei der Produktion und Beschaffung des Nachschubs für seine Truppen sei das Land aber an Grenzen gestoßen – und auf schwierige Partner angewiesen. "Man liegt jetzt im Bett mit Nordkorea und Iran", sagte Mölling. "Russland verkauft sich gerade ziemlich hart, um diesen eigentlich sehr begrenzten Krieg wenigstens nicht zu verlieren." Die hohe Zahl der Toten auf Seiten der russischen Armee sah Mölling zumindest bislang nicht als Gefahr für Putins Herrschaft. "Wahrscheinlich kann er damit umgehen", sagte er.

Es gebe in Russland keine organisierte Zivilgesellschaft, und es sei kein Kristallisationspunkt für Proteste erkennbar. Putins Angebot an die eigene Bevölkerung sei, dass sie in ihrem Alltagsleben nicht von der Politik belästigt werde. Daher gelte für das Regime in Moskau: "Diese Toten sind so lange erträglich, solange man den Krieg von der Realität in den großen Städten weghalten kann."

tkr

Mehr zum Thema

Newsticker