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Meinung

USA: Der aberwitzige Anti-Anti-Waffenprotest - und wie die NRA den Hass dahinter befeuert

Nicht nur Gegner von Waffen sind am Samstag in den USA auf die Straße gegangen. Die vermeintlichen Argumente sind immer dieselben, weil die NRA sie seit Jahren gebetsmühlenartig predigt - und dabei Hass sät.

Mehr als eine Million Menschen sind in den USA auf die Straße gegangen, um für strengere Waffengesetze und gegen den politischen Einfluss der Waffenlobby zu demonstrieren. Das Recht auf Waffen in Privathand ist in der US-Verfassung verankert, wird daher von vielen Amerikanern glühend verteidigt - und so gingen am Samstag nicht nur Waffengegner auf die Straße.

Im texanischen Killeen etwa versammelten sich Schießeisen-Fetischisten und zeigten im wahrsten Sinne Flagge. Manche der US- oder Texas-Banner hatten Sturmgewehrattrappen anstelle von Fahnenstangen. Auf Shirts standen Sätze wie: "Keiner braucht ein AR-15 (Sturmgewehr, Anm. d. Red.)? Einen weinerlichen kleinen Schlappschwanz (engl. whiny little pansy) braucht auch niemand. Trotzdem bist du hier." Ein besonders stolzer Vater hatte neben seinem halbautomatischen Sturmgewehr, das er um den Hals trug, auch seinen neunjährigen Sohn mitgebracht und diesem ein Schild mit dem Satz "Hört auf, tote Kinder dafür zu benutzen, strengere Waffengesetze zu fordern" in die Hand gedrückt. Die Ironie, dass er sein lebendes Kind für den Gegenprotest missbrauchte, schien ihm verborgen zu bleiben.

Anti-Anti-Waffenprotest in Texas

"Keiner braucht ein AR-15 (Sturmgewehr, Anm. d. Red.)? Einen weinerlichen kleinen Schlappschwanz (engl. whiny little pansy) braucht auch niemand. Trotzdem bist du hier." steht auf den T-Shirts dieser zwei Männer in Texas

AFP / Getty Images

 

Anti-Anti-Waffenprotest in Texas

Solange das Kind noch lebt, scheint das mit der Instrumentalisierung kein Problem zu sein, findet dieser stolze Vater

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Die Botschaften, die ohne Beleidigung oder plumpe Getöne auskamen, waren die üblichen: "Bewaffnet Lehrer, um Schulmassaker zu verhindern" und "Waffengesetze treffen nur gesetzestreue Bürger, nicht Kriminelle". Es sind deshalb die üblichen Argumente, weil eine Organisation sie seit Jahren gebetsmühlenartig wiederholt: Die National Rifle Association, oder kurz NRA. Der Lobbyverband, der seit Jahren Millionen in die Wahlkämpfe von Politikern pumpt, die ihm wohlgesonnen sind. Der den Abgeordneten Noten gibt, je nachdem, wie sie zu Waffengesetzen stehen. Der mit Kampagnen und einem eigenen TV-Programm die Debatte in den USA beeinflusst.

Anti-Anti-Waffenprotest in Texas

Das ewige Argument: Wenn ihr den Guten die Waffen abnimmt, haben nur noch die Bösen welche. Hat in Australien komischerweise trotzdem funktioniert mit den schärferen Waffengesetzen. Im Vordergrund steht ein Kind mit einem Anti-Waffenprotestschild.

AFP / Getty Images

Die NRA und die überall lauernde Gefahr

In den Videos auf NRA TV baut die Organisation gern ein allumfängliches Bedrohungsszenario auf. Überall lauert der Terrorist, der Vergewaltiger, der Drogenabhängige, der Einbrecher, der dir und deiner Familie Böses will, so die Botschaft. Und das einzige Mittel, dich und deine Liebsten zu beschützen, ist logischerweise: Feuerwaffen besitzen. Die NRA ist eng mit den Waffenherstellern verbandelt und befeuert deren Geschäft: Angst schüren, um Waffen zu verkaufen.

Immer und immer wieder wird auf der These herumgeritten, nur mehr Waffen könnten für mehr Sicherheit sorgen, obwohl alle Statistiken zeigen, dass das ein Trugschluss ist. Einer Studie der medizinischen Fachzeitschrift "Pediatrics" zufolge sind Schusswaffen die drittwahrscheinlichste Todesursache für US-Kinder zwischen einem und 17 Jahren. Rund 30.000 Menschen sterben jedes Jahr in den USA durch Kugeln, gut zwei Drittel davon sind Suizide. Zum Vergleich: In Deutschland liegt diese Zahl bei rund 800 pro Jahr, wovon rund 90 Prozent Selbstmorde sind. Zieht man die Suizide ab, stehen also rund 80 Waffentote in Deutschland mehr als 10.000 in den USA gegenüber. In den USA sterben 125 Mal so viele Menschen bei Schusswaffenattacken, bei lediglich vier Mal so vielen Einwohnern wie Deutschland.

Ein noch besseres Beispiel ist Australien. Dort führte 1996 das mit 35 Toten damals schlimmste Schusswaffenmassaker des Landes - und für lange Jahre auch der Welt, ehe mehrere Attacken in den USA diesen unrühmlichen Rekord knackten - binnen Tagen zu einer drastischen Reform des Waffengesetzes. Rund die Hälfte der Waffen in Privathand kaufte der Staat damals an und vernichtete sie. Zudem wurden voll- und halbautomatische Sturmgewehre sowie halbautomatische Schrotflinten generell verboten und ein Lizensierungssystem für alle Feuerwaffen eingeführt. Wer heute in Australien eine Waffe kaufen will, braucht dafür überzeugende Gründe, wie Jagd oder Sportschießen. Seit 1996 hat Australien kein mass shooting mit mehr als vier Todesopfern erleben müssen. In den 25 Jahren davor gab es dort 14 solcher Attacken.

Hass säen, Debatte vergiften

Aber all das ist der NRA gepflegt egal. Sie feuert aus allen Rohren gegen mögliche Waffenregulierungen in den USA. Vergangene Woche griff ein prominentes Gesicht von NRA TV die aktuelle "March of Our Lives"-Protestbewegung direkt an. Colion Noir fordert in einer Videobotschaft, dass "die Millionen von Dollar, die in diesen Karnevalsmarsch fließen" für bewaffnete Wachleute an Schulen im ganzen Land genutzt werden sollten. "Dann aber müssten die Kids aus dem Scheinwerferlicht zurücktreten und sich wieder an ihre Hausaufgaben machen", sagt Noir. Anschließend macht er noch einen Abstecher ins Verschörungstheorieland und schwadronierte von "Kräften" hinter den Jugendlichen, die mit ihrer Investition in den Protest "ihre Agenda" vorantreiben würden. Der Protest ziele darauf "die Verfassung zu verbrennen und die Teile, die euch gefallen, mit Wachsmalstiften neu zuschreiben", schließt er sein Tirade.

Wie bereits NRA-Sprecherin Dana Losch vor ihm, attackiert auch Noir in sehr scharfem, beleidigendem Ton jeden, der es wagt, gegen die laschen Waffengesetze die Stimme zu erheben. Genau diese aggressive Rhetorik, das Schwadronieren von Verschwörungen, das Schüren von Angst vergiften seit Jahren die Waffendebatte in den USA. Aber genau das will die NRA. Hass säen und die Diskussion weg vom Schlachtfeld der rationalen Argumente führen. Denn dort fehlt ihnen schlicht die Durchschlagskraft.

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