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Vormarsch: Die Waffe Wetter

Sichtweite unter zwei Meter, 50 Grad Hitze, und der Staub ist überall: Kurz vor Bagdad sind die alliierten Truppen auf einen Gegner getroffen, der so unparteiisch wie unbarmherzig ist: Sand.

Glühend heißer Wind fegt über die Wüste. Der aufgewirbelte Sand blockiert die Sicht, die oft nur noch ein bis zwei Meter beträgt. Bei Außentemperaturen von bis zu 50 Grad schmerzen die heißen Körnchen auf der Haut wie Nadelspitzen. "Sandstürme stoppen jede Offensive", meint der ehemalige israelische Panzergeneral Dov Laor: "Selbst amerikanische ’Wunderwaffen’ versagen unter diesen Bedingungen."

Selbst Infrarot-Sichtgeräte versagen im Sandsturm

Nichts hilft gegen diese unbändige Naturgewalt. Selbst die besten Luftfilter streiken, wenn sie schon nach kurzer Zeit durch Sand blockiert sind. "Turbinen von Panzern und Kampfhubschraubern saugen eine Menge Luft an. Wenn ihre Filter blockieren, sinkt die Leistung rapide, Panzer bleiben stehen und Hubschrauber können abstürzen", erläutert ein europäischer Militärexperte. Auch die US-Armee verfügt noch über kein Mittel, die Natur zu besiegen.

Die glühende Sandwand macht sämtliche Vorteile der modernen Waffensysteme zunichte. "Man sieht einfach nichts mehr", weiß Panzerexperte Laor. Die früher üblichen Infrarot-Sichtgeräte versagen im Sandsturm ebenso wie die hochmodernen Wärmeleitgeräte, mit denen die neueren US-Panzer, aber auch der deutsche "Leopard" und der israelische «Merkava III» ausgerüstet sind.

Diese Geräte, deren zentrale Einheit auf minus 170 Grad heruntergekühlt wird, können unter normalen Umständen feindliche Soldaten, Artillerie oder Panzer selbst bei Nacht oder dichtem Nebel oder Qualm durch dichte Feuer auf eine Entfernung von bis zu 1500 Metern erkennen. Die Geräte sind so empfindlich, dass sie Gegenstände anhand von Temperaturunterschieden von nur einem Grad unterscheiden und abbilden können.

"Ungeheure Belastung für Mensch und Material"

Doch die Milliarden Sandkörnchen, die mit hoher Geschwindigkeit durch die Luft wirbeln, legen die Wärmebildgeräte lahm. "Die Besatzungen von Panzern oder Kampfhubschraubern, die damit ausgerüstet sind, sind dann praktisch blind". Die Natur vernichte so den technologischen Vorsprung der modernen US-Armee gegenüber den schlechter ausgerüsteten Irakis. "Sandstürme bedeuten eine ungeheure Belastung für Mensch und Material".

Für die Kriegspläne der Amerikaner und Briten bedeutet dies allerdings nur eine Verzögerung, meint Ex-Panzergeneral Laor. Auch europäische Militärbeobachter im Nahen Osten gehen davon aus, dass sie die Kriegspläne Washingtons nicht wesentlich stören. "Durch ihre Luftüberlegenheit können sie das Tempo des Vormarsches selbst bestimmen, während die irakischen Truppen vor Bagdad sich schon jetzt praktisch nicht mehr bewegen können."

Der Sand taucht Bagdad in orange-braunes Licht

Unterdessen liegt auch Bagdad unter einer dicken Staubschicht, die am Mittwoch schon den zweiten Tag in Folge von heftigen Böen verteilt wird. Der Sand in der Luft filtert die Sonne und taucht die ganze Stadt in ein orange-braunes Licht. Palmen biegen sich im Wind und der Staub kriecht in alle Ecken. Ein Iraker sagt: "Das ist recht für den Angriff unserer Beduinenstämme."

Von Panik ist in der Stadt nichts zu spüren, berichten Korrespondenten. Das irakische Volk hat nach mehreren Kriegen eine gewisse Routine erlangt. Trotzdem wäre eine längere Belagerung der Stadt durch US-Truppen mit andauernden Gefechten in den Außenbezirken ein Horrorszenario. "Ein Kessel wäre schlimmer als der Krieg», sagt ein älterer Iraker."

Dinar stabilisiert sich

Noch aber scheint die Lage ruhig - abzulesen auch am Wechselkurs: "Am ersten Tag des Krieges ist der Kurs bis auf 3150 Dinar für den Dollar gefallen. Heute steht er wieder bei 2900", sagt ein Händler. "Das bedeutet, es gibt nur wenig Warenumsatz in der Stadt, und die Leute glauben nicht an ein Ende des Dinar."

Der dramatische Absturz nach der ersten Bombennacht war offensichtlich eine Reaktion auf die Einschätzung vieler Händler, dass Machthaber Saddam Hussein vor einem schnellen Ende stehen könnte. Mit dem Zerfall des Staates, der Inflation im Genick und den Amerikanern in der Stadt wären alle größeren Geschäfte nur noch in Dollar gemacht worden. So sieht es nach den in Bagdad verbreiteten Informationen aber nicht aus.

DPA