Wahlen in Russland Wie Schafe, die alles mitmachen


Zu Sowjetzeiten war Wählen Pflicht und es gab Piroggen und Kefir. Heute ist der Urnengang ein Recht, das zunehmend wieder zur Pflicht wird. Nur: Warum sollte man überhaupt noch wählen gehen? Ein persönlicher Rückblick von Olga Kitowa, Moskau

In Moskau wird es Abend, der Tag der Präsidentschaftswahl geht langsam vorüber. Im Fernen Osten werden schon längst die Stimmen ausgezählt. Aber Zweifel daran, wie die ausgehen, hat sowieso keiner. Es sind langweilige Wahlen. Dmitri Medwedew wird mit großem Abstand siegen: Er ist ein treuer Weggefährte Wladimir Putins und wurde im vergangenen Jahr von ihm zum Nachfolger erkoren wie ein Zarewitsch, der Zarensohn.

Konkurrenten hatten nie eine Chance - die Opposition wurde mundtot gemacht, und der einzige wirkliche Oppositionskandidat, der ehemalige Premierminister Michail Kassjanow, wurde zu den Wahlen gar nicht erst zugelassen. Die Medien, vor allem das Fernsehen, arbeiten ausschließlich so wie es von ihnen verlangt wird.

Die wichtigste Frage des Tages lautet also: Warum sollte man überhaupt noch wählen gehen? Geht jemand wählen? Sind unsere sowjetischen Instinkte wieder erwacht? In der Sowjetunion siegte Leonid Breschnew meist mit 98 Prozent, denn wir waren verpflichtet, zu den Urnen zu gehen. Damit es den Wählern nicht schwer fiel, gab es Blaskapellenmusik, Piroggen, Saft und Kefir in den Wahllokalen, außerdem Pioniere, die feierlich grüßten. Heute gilt die Wahl immerhin als Recht, nicht als Pflicht. Aber der Druck, das Kreuzchen am richtigen Ort zumachen, wächst wieder.

Ich habe eine private Umfrage gemacht, unter Freunden, die im ganzen Land verteilt leben. Und das ist das Ergebnis: Tschita liegt im Fernen Osten, acht Flugstunden von Moskau entfernt. Der Himmel war blau, die Luft hatte sich auf Null Grad erwärmt, und viele Wähler haben gerne einen Spaziergang zu ihren Wahllokalen unternommen. Auch meine Freundin. Sie hat tatsächlich für Medwedew gestimmt. Sie wunderte sich über meine Frage: Für wen hätte sie sonst wählen sollen? Und wählen will sie auf jeden Fall, das hält sie für ihre Pflicht. Sie berichtete, dass niemand Druck ausgeübt habe und es auch keine besondere Wahlkampagne gab. Unter Freunden waren die Wahlen kein Thema. Von Medwedew erwartet sie nichts: Nichts Gutes, nichts Schlechtes, erst recht keine Verbesserung ihres Lebensstandards, den sie verdient hätte, denn als Lehrerin am College verdient sie kaum genug zum Leben.

In Wolgograd, wo eine befreundete Familie lebt, haben die Wahllokale noch geöffnet. Der Streit in der Familie hatte gerade seinen Höhepunkt erreicht, als ich anrief. Tatjana möchte wählen gehen, und ihr Mann macht sich über sie lustig. Dabei wollte sie eigentlich nur bei "Gegen alle" ein Kreuzchen machen. Doch dieses Feld wurde abgeschafft. Sie überlegte eine Weile und beschloss dann, alle Namen durchzustreichen. Ihr Mann Valerie kann sich im Traum nicht vorstellen, ins Wahllokal zu gehen - wie ein Sklave sagt er, oder ein willenloses Schaf, das alles mitmacht, ganz egal was ihm vorgesetzt wird.

In Belgorod an der ukrainischen Grenze ist meine Freunde Swetlana sauer. Auch sie ist Lehrerin - und ihr Schuldirektor forderte sie auf, mit allen Kollegen um 12 Uhr mittags ins Wahllokal zu gehen. Und "richtig wählen" solle sie auch. Aus Protest hat sie dann bei dem Kommunisten Gennadij Sjuganow ihr Kreuzchen gemacht - obwohl sie weiß, dass er selbst dann nicht siegen würde, wenn er 80 Prozent der Stimmen bekäme.

In Woronesch sagt mein Freund, ein Chirurg, dass eine Krankenschwester seinen Stimmzettel abgegeben hat. Natürlich für Medwedew. Er erzählt, dass vor einigen Tagen im Krankenhaus die Anweisung ausgegeben wurde, niemanden ohne Not aufzunehmen. Unter dem Motto: Erst sollen die Leute am Sonntag wählen gehen, dann krank werden. In der Geburtsabteilung musste jede Gebärende einen Wahlschein mitbringen - damit sie auch im Krankenhaus ihre Stimme abgeben darf.

In Moskau legt sich seit dem Morgen dicker Schneematsch auf die Straßen, nur wenige verlassen da freiwillig und gerne das Haus. Seit Wochen werben die Behörden hier massiv - und zwar nicht für Medwedew, sondern dafür, dass die Leute zur Wahl gehen. Das hören wir im Fernsehen, wir bekommen SMS auf unseren Mobiltelefonen, und manche Vorgesetzten sagen das ihren Mitarbeitern mit ernster Mine. Die Moskauer lästern, heute sei das Fernsehprogramm noch schlechter als sonst - damit niemand mit guten Filmen abgelenkt wird.

Die Opposition hat versucht, aus Protest eine Website im Internet anzulegen. Jeder kann seinen Namen hinterlegen hinter dem Bekenntnis: "Ich nehme an dieser Farce nicht teil!" Der Erfolg ist mäßig, aber der Leiter der Wahlkommission reagierte dennoch empört auf die Aktion. Wählen sei Bürgerpflicht, monierte er. Von sowjetischen Verhältnissen sind wir also tatsächlich nicht mehr weit entfernt. Hoffentlich gibt es dann wenigstens wieder billige Piroggen an den Urnen und Kuchen. Ich bin übrigens nicht wählen gegangen. Das Wetter, wissen Sie. Und auch sonst hatte ich einfach keine Lust.

Übersetzung: Bettina Sengling

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