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Washington Memo: Wahlkampf mit "Katrina"

Zwei Jahre nach der "Katrina"-Katastrophe absolvierte George W. Bush das Pflichtprogramm, ein Besuch in New Orleans. Doch der Wiederaufbau geht nur schleppend voran, Betroffene warten auf versprochene Kredite und die Dämme sind noch nicht sicher. Derweil nutzen Obama und Clinton das Thema, um Wahlkampf zu machen.

Von Katja Gloger, Washington

Offenbar geht's nicht ohne Besuch im Restaurant. Ob das die Verbundenheit mit dem Volk herstellt? An diesem zweiten Jahrestag der größten Naturkatastrophe in der Geschichte der USA jedenfalls war es "Dooky Chase". Eine kulinarische Institution in New Orleans, schon Martin Luther King speiste hier.

Nach dem Hurrikan "Katrina" musste das Restaurant schließen, und eigentlich will man erst in einigen Wochen wieder eröffnen, doch für den hohen Gast aus Washington machte man gerne eine Ausnahme. Platzierte George W. Bush samt Gattin und Noch-Chef-Berater Karl Rove an einen langen Tisch und setzte ihm ordentlich Spezialitäten der Cajun-Küche vor. Interessant klingende Gerichte wie "Jambalaya", eine Art Südstaaten-Paella und natürlich auch "Gumbo", den braunen Eintopf. Es war sicher ein netter Abend, auch wenn Bush-Freund Alberto Gonzales nicht dabei war. Dabei weilte der gerade wegen mehrerer Großskandale zurückgetretene Justizminister ("Ich habe den amerikanischen Traum gelebt") in New Orleans. Er wurde im stummen Gebet bei der Eröffnung eines Zentrums für Familien-Rechtsberatung gesichtet.

Viele warten noch immer auf die versprochenen Wiederaufbau-Kredite

Vor einem Jahr, zum ersten Jahrestag der Katastrophe, da hatte Bush den jungen Besitzern von "Stewart's Diner" im Stadtbezirk Nummer Neun dynamisch die Hände geschüttelt und am roten Tresen zehn Portionen Bohnen mit Reis und Räucherwurst zum Mitnehmen geordert. Der Hurrikan hatte die gerade neu eröffnete Imbissbude des jungen Ehepaars Stewart vollkommen verwüstet.

Doch sie nahmen ihr Erspartes, packten an und eröffneten ihren Diner sechs Monate später wieder. Leider läuft das Geschäft nicht so gut: Denn bis heute ist kaum jemand in den damals völlig überfluteten Ninth Ward zurückgekehrt. Wenn der Präsident in diesem Jahr noch mal bei den Stewarts vorbeigeschaut hätte, dann hätten sie ihn sicher auch nach dem versprochenen Wiederaufbau-Kredit gefragt, auf den sie seit einem Jahr warten. Und vielleicht hätte ihm Kim Stewart dann auch erzählt, dass ihr Mann nach sechs Tagen in den Trümmern eines überfluteten Hauses nur deswegen gerettet wurde, weil sie den Fernsehsender CNN alarmiert hatte.

Der diesjährige Restaurant-Besuch war im offiziellen Programm des Weißen Hauses jedenfalls ausdrücklich als "Photo Opportunity" gekennzeichnet, als Fototermin.

Pflichtschuldig absolvierten die Bushs die New-Orleans-Tour

Denn sonst fällt einem ja vor allem ein Foto ein, wenn man an Bush und "Katrina" denkt. Das Foto: Der Präsident, viel zu spät hatte er sich aus seinem Urlaub in Texas aufgerafft, wie er in seiner Air Force One sitzt, gedankenverloren aus dem Fenster schaut, und über das Desaster hinwegschwebt anstatt unten, auf der überfluteten Erde, handfeste Solidarität zu beweisen.

Die Tour zum zweiten Jahrestag gehörte natürlich zum Pflichtprogramm des Präsidenten und seiner Gattin. Und natürlich absolvierte das Erste Ehepaar des Landes pflichtschuldig das Programm der Hoffnung. Hoffnung beim Besuch des gerade wiedereröffneten Martin-Luther-King Internats, Hoffnung beim Besuch einer neuen Einfamilienhaus-Siedlung, Hoffnung allenthalben. Nur an einigen Stellen war den Redenschreibern wohl die Fantasie durchgegangen. "Hurrikan "Katrina" ließ die Dämme brechen, "Katrina" ließ viele Herzen brechen", hatten sie ihrem Chef ins Manuskript geschrieben. Oder hatte sich Bush da gar selbst in Präsidenten-Poesie versucht?

Wahlkampf auf Kosten der Katastrophe

Die demokratischen Präsidentschaftsbewerber wiederum nutzten die perfekte Vorlage - ist doch der zweite Jahrestag der Naturkatastrophe vor allem der Jahrestag eines politischen Mega-Desasters. Schon am Montag sprach der einstige Vizepräsidentschaftskandidat und selbsternannte Kämpfer gegen die Armut John Edwards auf einer Konferenz in New Orleans.

In der Stadt hatte er vor fröhlich hämmernden Wiederaufbauhelfern ja schon seine Kandidatur angekündigt. Jetzt nutzte der Mann die Chance, um von peinlichen 400-Dollar-Friseurbesuchen und den Beteiligungen an erzkapitalistischen Hedge-Fonds abzulenken. Etwa mit seiner Forderung nach einem "Brownie-Gesetz": Demnach sollten Kandidaten für die Besetzung wichtiger Ämter ihre Qualifikation nachweisen. "Brownie", so nannte Bush seinen alten Kumpel Michael Brown. Als die Dämme in New Orleans brachen, war Brown Leiter der Nationalen Behörde für Katastrophenschutz FEMA. "Brownie, Du hast einen tollen Job gemacht" lobte ihn der Präsident selbst noch, als eine ganze Küste im Chaos versunken war.

Brownie musste dann zurücktreten. Später wurden E-mails von ihm bekannt, in denen er sich vor allem darum sorgte, wie es um sein Äußeres bei TV-Auftritten bestellt war. "Ich bin ein Mode-Gott", hatte er geschrieben. Heute arbeitet Brownie als Berater zu Fragen des Katastrophenschutzes. Eigentlich logisch.

"Katrina" - Sinnbild des Scheiterns der Regierung Bush

Hillary Clinton wiederum wartete mit einem Zehn-Punkte-Plan auf, in dem sie einen nationalen "Desaster-Zar" forderte. Und Hoffnungs-Idol Barack Obama verbreitete ein wackeliges Video seines Besuches, vor allem fürs geneigte YouTube Publikum. Fünf Minuten 37 Sekunden lang zeigt es ihn bei einer Predigt in einer Kirche, beim Besuch einer Schule, im Gespräch mit mutigen Rückkehrern, und dazu spielt mal trauriger Blues, mal quietschiger Jazz. New Orleans lieferte ihm den perfekten Hintergrund für seine Schmuse-Agenda der nationalen Versöhnung und des Aufbruchs, so à la Kennedy: "New Orleans ist ein Symbol dafür, welch ein Land wir sind", sprach Obama. "Wenn wir diesen Wiederaufbau nicht schaffen, dann haben wir vergessen, füreinander einzustehen."

Wohl wahr. Denn auch zwei Jahre, nachdem die Welt entsetzt zusehen musste, wie ganze Wohnviertel einfach in braunen Fluten versanken, bewaffnete Gangs Kaufhäuser plünderten und fassungslos registrierte, dass das mächtigste Land der Erde noch nicht einmal in der Lage war, Hurrikan-Opfer auch nur mit dem Nötigsten zu versorgen, kann Bush keine positive Bilanz vorweisen.

"Katrina" steht weiterhin als Symbol der Unfähigkeit seiner Regierung. Als Symbol für sein Desinteresse und seine Vetternwirtschaft. Mit "Katrina" begann der Niedergang des Präsidenten Bush - seitdem fallen seine Popularitätswerte. Denn anders als der ferne Irak-Krieg lief "Katrina" im Fernsehen "24/7", "twentyfourseven" - rund um die Uhr, landesweit.

Reparatur und Verbesserung der Schutzdämmme sind nicht beendet

Der Fairness halber ist festzuhalten: Schon vor dem Hurrikan war New Orleans eine geteilte Stadt, mit seinen feschen Tourismus-Straßen im French Quarter und seinen elenden Armutsvierteln, wie etwa dem Stadtbezirk Nummer Neun. Schon vorher gehörten die Schulen der Stadt zu den schlechtesten im ganzen Land, hatte man die höchsten Mordraten im Land, und als Hort wuchernder Korruption galten die Südstaaten ohnehin.

Nach "Katrina" wurden 114 Milliarden Dollar an Bundesmitteln zur Verfügung gestellt. 80 Prozent dieser Gelder seien bereits verbraucht, rühmte der Präsident gestern. Das stimmt - allerdings für Soforthilfe und Notfallmaßnahmen, dabei wurden viele sinnlose Projekte mit viel Geld finanziert. Doch in den betroffenen Gebieten fehlt es heute immer noch am Nötigsten, noch nicht einmal das Abwassersystem funktioniert. "Jeden Tag", empört sich der demokratische Kongress-Abgeordnete James Clayburn, "fließen knapp 200 Millionen Liter ungeklärter Abwässer in die Gewässer von New Orleans und Umgebung."

Schlimmer noch: Weder Reparatur noch Verbesserung der Schutzdämme ist beendet. Die unter dem Meeresspiegel liegenden Stadtteile sind auch heute nicht vor einem Hurrikan der Stärke 5 geschützt. "Lego-Dämme", nennt man sie in der Stadt. Sichere Dämme soll es frühestens im Jahr 2015 geben.

Viele Bewohner sind bis heute nicht zurückgekehrt

Und so sieht es in den am meisten betroffenen Wohnvierteln heute kaum besser aus als vor zwei Jahren. Die meisten Bewohner, ohnehin gehören sie zu den Ärmsten im ganzen Land, sind bis heute nicht zurückgekehrt, ganze Straßenzüge sind immer noch verwüstet. Als Erfolg gilt schon, wenn der faulende Schrott weggeräumt wurde. Doch selbst dafür haben die meisten kein Geld. Dabei hatte die US-Regierung großzügig Wiederaufbaukredite in Milliardenhöhe gewährt. 180.000 Familien stellten Anträge - bislang wurden lediglich 40.000 bewilligt. "Road Home", heißt das Kreditprogramm - Straße nach Hause. Die Menschen an der Golfküste haben umbenannt: "Straße ins Nirgendwo."

"Warum erleben wir keine nationale Herkules-Anstrengung?", fragt der renommierte US-Historiker Douglas Brinkley in einem Leitartikel der Washington Post. "Warum beteiligt sich die US-Regierung nicht am Wiederaufbau? New Orleans ist ein Beispiel für rücksichtslose Vernachlässigung. Lassen Sie uns New Orleans wenigstens jetzt zur Priorität machen. Denn schließlich offenbarte der Hurrikan all die Krankheiten des urbanen Amerika: Die notorische Armut, den institutionalisierten Rassismus, das Scheitern der öffentliche Schulen. So wie in Hunderten anderen Orten in Amerika."

Aus vielen Orten in Amerika waren in den Wochen nach "Katrina" Zehntausende Freiwillige an die Golfküste geeilt. Freiwillige, die helfen wollten, weil man in Notzeiten eben einander hilft. Sie retteten Menschen, suchten in den verschlammten Häusern nach Habseligkeiten, unterrichteten Kinder in provisorischen Schulen. Tausende von ihnen blieben, wollten ein Zeichen setzen. Konnten die Inkompetenz ihrer Regierung, die Heuchelei nicht länger ertragen. Sie starteten Projekte, schafften Spenden heran. So wie der Rechtsanwalt Zack Rosenberg und seine Freundin Liz McCartney aus Washington, die vor einem Jahr ihren Job aufgaben, um nach New Orleans zu gehen. Sie gründeten die Freiwilligen-Gruppe "St. Bernard Projekt", organisierten den Wiederaufbau von 70 Häusern im gleichnamigen Armutsviertel St. Bernard. Und heute stehen sie: 70 Häuser eines anderen, des besseren Amerika.

P.S.: Alle Präsidentschafts-Bewerber wollen den Wiederaufbau von New Orleans natürlich zur "Top-Priorität" machen. Falls sie gewählt werden.