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US-Wahl 2020 40 Absender und zehn Mails pro Tag: Wie Trumps Team seine Fans mit Bettel-Mails bombardiert

Sehen Sie im Video: Trump nach zweitem TV-Duell – "Ich bin die am wenigsten rassistische Person im Raum" – Twitter liefert ihm den Gegenbeweis
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Wer sich für die Selbstdarstellung des US-Präsidenten interessiert und seine Mailadresse in dessen Verteiler hinterlässt, braucht ein großes Postfach und viel Langmut. Denn es folgt ein Dauerbombardement aus Selbstmitleid und aggressiver Bettelei.

In rund zehn Tagen wählen die Amerikaner ihren neuen Präsidenten. Oder in der Zahl von E-Mails ausgedrückt, die Trumps Wahlkampfteam bis dahin noch zu verschicken hat: rund 100. Von etwas mehr als 40 verschiedenen Absenderadressen aus. Es stehen Dinge drin wie: "Der Präsident zählt auf DICH!" "Wo warst Du?" "Willst Du mich in Washington begleiten?" "Offizielle Einladung" und, in letzter Zeit immer häufiger: "Wir brauchen dich!". Kurzum: Wer sich beim Wahlkampfteam des US-Präsidenten registrieren lässt, bekommt das volle Programm: von selbstmitleidigen Hilferufen, über aufdringliches Herangewanze bis zu aggressive Bettelei. Trump-Mails wirken, als säße man als einziger Gast in einer QVC-Messerset-Verkaufsshow.

Seitdem sich der US-Wahlkampf in der heißen Phase befindet, und die Wahlkämpfer jeden Cent gut gebrauchen können, sind bei Trumps Helfern die "800-Prozent-Matching"-Mails sehr beliebt. In unterschiedlichen Schriftarten und Farben heißt es darin: "Wir wissen, es ist ein großes Ziel, aber du hast ihn bislang NICHT hängen lassen und wir wissen, dass es auch niemals tun wirst. Wenn wir erfolgreich sein wollen, braucht es JEDEN Unterstützer und Präsident Trump muss wissen, ob er auf dich zählen kann. Für die NÄCHSTE STUNDE, ALLE Spenden werden zu 800 Prozent AUFGESTOCKT."

Wundersamerweise werden aus 15 Dollar 135 Dollar

Was damit gemeint ist, veranschaulichen in der Nachricht goldfarbene Schecks mit einer Summe darunter. Vereinfacht gesagt, legen (nicht näher genannte Wohltäter) für jeden gespendeten Dollar, die achtfache Summe noch einmal oben drauf. Aus etwa 15 Dollar werden also 135 Dollar für das Trump-Team. Wie diese wundersame Geldvermehrung genau funktioniert und vor allem, woher die zusätzlichen Mittel stammen oder von wem, wollte vor kurzem die "Washington Post" wissen –konnte es aber leider auch nicht herausfinden.

Postfach mit Trump-Mails
Trump mit einer Mission und sagenhaft vielen Nachrichten: So könnte auch ihr Postfach demnächst aussehen
© Screenshot / stern

Ebenfalls häufig im Postfach, vom Tonfall aber schon deutlich unangenehmer, sind vorwurfsvoll formulierte Bettelmails: "Warum hast Du nicht gespendet?", steht zum Beispiel darin, gerne auch mit einer Frist versehen – etwa: "Nur noch zwölf Stunden". Die Zeit drängt eigentlich immer, und dabei geht es nicht nur um angebliche Spendenfristen, sondern auch um Dinge wie den "Prioritäts-Zugang" zum "Trump 1000 Club". Die Plätze seien limitiert, warnt da zum Beispiel Präsidentensohn Eric Trump. Wer schnell ist und 35 Dollar spendet, bekommt einen "OFFIZIELLEN" (aber natürlich nicht echten) 1000-Dollar-Schein mit Trumps Konterfei. "Mein Vater und ich waren uns einig, dass ein Patriot wie DU eine ausgezeichnete Ergänzung für den Trump 1000 Club wäre."

In den Nachrichten wird wenig überraschend auch für das umfassende Sortiment an Trump-Devotionalien getrommelt. Ganz neu, von Freitag, dem 23. Oktober: der Trump-Kalender mit von Melania persönlich ausgewählten Fotos. Das Titelmotiv zeigt das Präsidentenpaar in zwar heroischer Weise eine Flugparade abnehmend, ihn allerdings, von hinten, in eher unvorteilhafter Weise. 30 Dollar kostet das gute Stück – jedoch: "Diese Angebot ist nicht für jeden. Wir können deinen Kalender nur für eine kurze Zeit reservieren, bevor wir ihn an den nächsten Patrioten übergeben. Also warte nicht so lange." Eine Bitte um Spenden mit dem Charme von "Moskau Inkasso".

Geht Donald Trump das Geld aus?

Theoretisch sollte der dreifache Milliardär Donald Trump zwar genug Geld haben, um den Wahlkampfendspurt aus eigener Tasche mittragen zu können, doch wie auch schon 2016 bevorzugt er die Fremdfinanzierung. Mit der allerdings hapert es. Laut der "New York Times" habe sein Team zuletzt viel weniger Geld eingenommen als erwartet. Bereits gebuchte TV-Werbezeiten sollen deshalb gestrichen worden sein. Anfang Oktober hätten sich in seiner Wahlkampfkasse etwas mehr als 62 Millionen Dollar befunden, heißt es. Das ist gerade einmal ein Drittel von den knapp 180 Millionen Dollar, über die sein Kontrahent Joe Biden verfügen soll.

Wer sich für die Selbstdarstellung des US-Präsidenten abseits aufdringlicher Massenmails interessiert, tut gut daran, sich nicht unter www.donaldjtrump.com als Interessent anzumelden. Alle anderen brauchen ein großes Postfach, einen gut trainieren Scroll-Finger, sehr viel Langmut sowie ein Faible für das Webdesign der 90er Jahre. Anders lässt sich das Dauerbombardement aus allen Ecken der Präsidenten-Wahlkämpfer kaum managen.

Für Feinschmecker: die Liste aller Absender

Apropos Präsidenten-Wahlkämpfer. Zu Beginn dieses Textes war die Rede von mehr als 40 Mail-Versendern. Wer sich also in den Trump-Verteiler einträgt, wird recht bald Post von diesen Damen und Herren bekommen - die (nur vermutlich) vollständige Liste:

Donald Trump, Donald J. Trump, DonaldJTrump.com, Official Trump Campaign Store, Lara Trump, Eric Trump, Melania Trump, Trump 2021 Calender, Official Trump Polling, Donald Trump Jr., Ted Cruz, Mike Pence, Trump FEC Deadline, Melanias Matching Check, Trump Headquarters, New Trump Survey, Presidential Debate Member, Trump Electoral Map, Major Trump News, Mike Lindell, President Trumps Video, Kimberly Guilfoyle, Trump Finance, Diamond and Silk, Trump Match Alert, President Trump and Vice President Pence, Defend President Trump, Newt Gingrich, Team Trump-Pence, Official Trump Election Team, Trump MVP, Trump Approval Poll, Trump Supreme Court Picks, Nikki Haley, Tom Cotton, Bill Stepien, Trump Campaign Manager, Trump 1000 Club, Trump Platinum Card, President Trump and Sean Hannity, Trump Merch Alert, President Trump, Trump Donor List.

Quellen: DPA, "Washington Post", "New York Times", DonaldJTrump.com


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