Wojciech Jaruzelski Schurke oder Patriot?


Das Vaterland sei durch antisozialistische Kräfte in Gefahr, erklärte er 1981, rief das Kriegsrecht aus und stellte sich an die Spitze einer Militärregierung. General Wojciech Jaruzelski spaltete und spaltet noch immer in Polen die Gemüter.

Wenn er auf der Anklagebank Platz nimmt, ist die Haltung von Wojciech Jaruzelski noch immer aufrecht. Das Haar ist schütter und grauer geworden seit jenem Dezembermorgen im Jahr 1981, an dem das Bild des polnischen Generals mit der dunklen Sonnenbrille um die Welt ging. Damals erklärte er das Vaterland in Gefahr durch antisozialistische Kräfte, rief das Kriegsrecht aus und stellte sich an die Spitze einer Militärregierung. Doch dass er am Sonntag (6. Juli) 80 Jahre alt wird, ist dem General kaum anzusehen, dessen letzter Kampf seinem Platz in der Geschichte gelten dürfte.

Einst jüngster General Polens

Seine Herkunft aus dem katholischen Landadel in Ostpolen, die Erziehung in einer Klosterschule und die Deportation seiner Familie nach Sibirien im Zweiten Weltkrieg lassen die kommunistische Parteikarriere des am 6. Juli 1923 Geborenen seltsam wirken. Doch seit 1947 war Jaruzelski, einst jüngster General Polens, Mitglied der kommunistischen Partei, seit 1964 gehörte er ihrem Zentralkomitee an, 1968 wurde er Verteidigungsminister.

Jaruzelski spaltete und spaltet noch immer in Polen die Gemüter - nicht nur wegen seiner Rolle während der Zeit des Kriegsrechtes, das er als das "kleinere Übel" rechtfertigte. Hätte er die Lage im Lande angesichts der Dauerkontroversen mit der Gewerkschaft "Solidarität" nicht unter Kontrolle gebracht, hätte eine sowjetische Intervention gedroht, verteidigte er den am 13. Dezember 1981 verhängten Ausnahmezustand.

"Tragischer Held"

Jaruzelskis Verantwortung als Verteidigungsminister bei der blutigen Niederschlagung des Arbeiteraufstandes an der polnischen Ostseeküste im Dezember 1970 beschäftigt derzeit die polnische Justiz. Doch während die Eltern der getöteten Werftarbeiter ihm die Schuld am Tode ihrer Söhne anlasten, kamen Veteranen zum Prozessbeginn vor mehr als zwei Jahren mit Blumen für den General. Für sie ist er vor allem ein polnischer Patriot, der seinem Lande dienen wollte und den die Geschichte in die Rolle eines geradezu tragischen Helden katapultierte.

Jedes Jahr stellen Polen am 13. Dezember eine Mahnwache vor dem Hause des zurückgezogen in Warschau lebenden Jaruzelski auf. Doch in einer Umfrage der Zeitschrift "Polityka" wurde Jaruzelski als einer der zehn herausragenden Polen des 20. Jahrhunderts aufgelistet - zusammen mit Papst Johannes Paul II., Lech Walesa und der Wissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin Marie Sklodowska-Curie.

Friedlicher Abschied von der Macht

Tatsache ist, dass Jaruzelski nicht nur das Kriegsrecht ausgerufen, sondern als Staatsoberhaupt (seit 1985) im historischen Wendejahr 1989 eine neue Phase von Reformen angekündigt hatte. Mit den Gesprächen am so genannten Runden Tisch nahm der friedliche Abschied der Kommunisten von der Macht seinen Anfang.

Bereits im Februar 1990 erklärte sich der für sechs Jahre zum Präsidenten gewählte Jaruzelski zum vorzeitigen Rücktritt bereit. Als er sein Amt am 1. Dezember 1990 niederlegte, gestand er Fehler in der Vergangenheit ein und entschuldigte sich.

Eva Krafczyk DPA

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