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Zoran Djindjic: "Er war der Beste, den wir hatten"

Zwei Schüsse lenken die Aufmerksamkeit aller wieder einmal auf den Balkan. Sie galten allerdings nicht irgendwem, sondern dem serbischen Premierminister: Warum musste Zoran Djindjic sterben?

Er fand alles ganz normal, der Belgrader Spaziergänger, der am frühen Mittwochnachmittag am Parlamentsgebäude entlang schlenderte. Der serbische Ministerpräsident rauschte in seiner gepanzerten Limousine mit zwei Begleitfahrzeugen vorbei, bog ein und verschwand im Innenhof des Gebäudes.

Von den umstehenden Gebäuden, darunter das leer stehende Haus des Statistikinstitutes, ist der Parkplatz bestens einzusehen. Irgendwo auf den leeren Fluren oder auf dem Dach des Gebäudes müssen die Attentäter von Zoran Djindjic gelauert haben.

"Ich sah ihn kurz in seinem Wagen", sagte der Augenzeuge, ein dreißig Jahre alter Mann, der anonym bleiben möchte. "Das nächste was ich hörte waren diese zwei Schüsse, direkt hinter einander. Ich spürte sofort, dass etwas Schlimmes passiert war."

Eine Kugel im Magen, die zweite im Rücken

Er sah zuvor nicht, wie Djindjic langsam ausstieg und auf den Hintereingang zuging. An Krücken: Wegen einer Sportverletzung an der Achillessehne war das rechte Bein eingegipst. Eine Kugel traf ihn im Magen, die zweite durchbohrte seinen Rücken, wie es später in einer offiziellen Erklärung hieß.

Danach herrschte Chaos: Leibwächter sprangen auf den tödlich Getroffenen. Polizisten, darunter Verkehrspolizisten, stürmten in den Innenhof, Sicherheitskräfte kamen herausgerannt. Ein Zeuge gab zu Protokoll, er habe ein Fluchtauto mit bewaffneten Männern aus der Admirala-Geprata-Straße fahren sehen - an der Straße liegt das verlassene Institutsgebäude.

Eine schwarze Limousine rast mit dem bewusstlosen Djindjic ins Belgrader Unfallklinikum. Dort wurde nach einer verzweifelten Notoperation um 13:30 der Tod festgestellt. Djindjics Frau wurde weinend aus dem Krankenhaus geführt.

Parlamentspräsidentin verhängt den Notstand

Parlamentspräsidentin Natasa Micic verhängte den Notstand, sie sieht die verfassungsmäßige Ordnung Serbiens nach der minutiös geplanten Ermordung des Ministerpräsidenten in Gefahr. Mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten stoppten den Verkehr im Regierungsviertel und durchsuchten Passanten und Fahrzeuge. Der Bus-, Zug- und Flugverkehr wurde eingestellt.

Als der erste Schock vorüber war, brach bei den Belgradern im Regierungsviertel tiefe Trauer und Entsetzen aus. In graue Mäntel und schwarze Anzüge gekleidet legten die Einwohner Rosen vor dem Parlamentsgebäude ab. "Das ist das Werk von Verbrecher", sagte eine siebzigjährige Frau, die ihre Tränen nicht zurückhalten konnte. "Sie wollen die dunkle Zeit von Milosevic zurückbringen." Jelena Jankovic, eine 26 Jahre alte Belgraderin im roten T-Shirt, legte einen Strauß Narzissen auf die Stufen, auf denen Djindjic niedergeschossen wurde. "Er war der Beste, den wir hatten", sagte sie, auch sie weint. "Er brachte uns Frieden und wollte uns nach Europa führen. Jetzt ist er gegangen."

Aleksandar Vasovic
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