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Zweite Runde der Nahost-Gespräche: Der Griff in die Trickkiste

Tiefstapeln, Drohungen und Mini-Krisen: Die zweite Runde der Nahost- Friedensverhandlungen weckt Erinnerungen an frühere Gespräche zwischen Israel und den Palästinensern. Eine Lehre besagt, dass man nicht jedes Wort für bare Münze nehmen sollte.

Ex-Palästinenserpräsident Jassir Arafat ließ seinerzeit demonstrativ die Koffer packen, um dann doch nicht abzureisen. Zehn Jahre später droht sein Nachfolger Mahmud Abbas erneut, Friedensgespräche platzen zu lassen. Auch Abbas sitzt jetzt weiter am Verhandlungstisch. Mini-Dramen sowie ein Auf und Ab auf der Gefühls-Achterbahn gehören in Nahost einfach dazu. Wie wollen die politischen Führer ihren Wählern sonst problematische Kompromisse oder Zugeständnisse verkaufen?

Auch Pessimismus, Gerüchte und gezielte Desinformation haben in Nahost System: Man sollte nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Wenig konstruktive Erklärungen von Israel und den Palästinensern in der Öffentlichkeit seien Teil des Verhandlungspokers, sagte US- Präsident Barack Obama nach Angaben der Internetausgabe des Magazins "Foreign Policy" in einem Gespräch mit Rabbinern. Sowohl Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu als auch Palästinenserpräsident Abbas könnten Dinge sagen, die vor allem zur Beruhigung der eigenen Bevölkerung gemeint seien.

Das hat seinen guten Grund: Viele Palästinenser und Israelis lehnen einen historischen Kompromiss ab. Sollten Einzelheiten über den genauen Verhandlungsstand in die Öffentlichkeit dringen, könnte dies Proteste und Gewalt auslösen und die Verhandlungen torpedieren.

Das bringt eine weitere Besonderheit der Nahost-Verhandlungen ins Spiel: die öffentliche Diplomatie. In diesem Fall wenden sich israelische und palästinensische Politiker an die Öffentlichkeit im Ausland, um deren Meinung zu beeinflussen und Unterstützung für die eigene Position zu sichern. Vor allem im Fall eines Scheiterns von Verhandlungen schützt das davor, von allen Seiten den Schwarzen Peter zugeschoben zu bekommen. US-Außenministerin Hillary Clinton bescheinigte am Mittwoch sowohl Abbas als auch Netanjahu, ernsthaft mit der Diskussion ihrer Streitpunkte begonnen zu haben.

Gibt es eine Chance auf einen Verhandlungserfolg innerhalb eines Jahres? In den vergangenen 17 Jahren lagen Pessimisten zumeist goldrichtig. Allerdings ist Nahost auch für Überraschungen gut: Niemand ahnte beispielsweise, dass israelische und palästinensische Unterhändler in aller Abgeschiedenheit die Oslo-Abkommen aushandelten. Und ein Friedensabkommen zwischen Ägypten und Israel verwiesen viele Nahost-Experten quasi bis zur Unterschrift ins Reich der Fantasie.

Auch Tiefstapeln gehört in Nahost zum Geschäft. Der Euphorie nach den Oslo-Verträgen über eine Autonomie der Palästinenser folgte eine langanhaltende Depression mit Jahren von Gewalt und Terror. Als Ergebnis hat eine Mehrheit unter den Israelis und den Palästinensern die Hoffnung und den Glauben verloren, dass es je Frieden geben wird. 71 Prozent der Israelis gehen nach einer Umfrage der Tageszeitung "Jediot Achronot" davon aus, dass die Friedensverhandlungen zu keinem Ergebnis führen werden. Tiefer Pessimismus sei noch eine Übertreibung für die wahre Gefühlslage, kommentiert das Blatt.

Einen Tag nach Veröffentlichung der Umfrage wandte sich US- Außenministerin Clinton an die Israelis und Palästinenser. Sie verstehe die weit verbreitete Skepsis, die Zweifel und die Enttäuschungen, sagte Clinton. Aber der Status quo könne nicht dauerhaft aufrechterhalten werden. Eine Zwei-Staaten-Lösung sowie ein umfassender Frieden in der Region seien Voraussetzungen für einen sicheren, demokratischen und jüdischen Staat Israel.

Hans Dahne, DPA / DPA