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"Bekenntnisse einer Internetexhibitionistin": Die lukrative Wende der Julia Schramm

Verlage verschenken ihre Bücher nicht, sie verkaufen sie. Blöd, wenn die Autorin Piratin Julia Schramm heißt und geistiges Eigentum kritisiert. Noch blöder, wenn alle das Buch verreißen.

Von Jonas Gerding

Schon wieder trifft der Shit-Storm einen Piraten. Und nicht das erste Mal ist es Julia Schramm. Wundern wird sich die Beisitzerin des Bundesvorstands der Piraten darüber wohl kaum. Schon im April plauderte sie offen in der Internet-Diskussionsrunde "Wir. Müssen Reden" über den Widerspruch, in den sie sich manövrierte. Sie, die Kritikerin des geistigen Eigentums, wollte ein Buch schreiben. Und irgendwie auch verkaufen. Das war auch der Marketingchefin des Verlags nicht ganz geheuer: "Frau Schramm", habe sie der Piratin gesagt: "Wie sieht es eigentlich aus, wenn das Buch illegal heruntergeladen wird?" Nun ja, sie wolle natürlich, dass die Leute dafür bezahlen, aber: "Es müssen legale Angebote geschaffen werden". Denn, da ist sie sich sicher: "Du kannst doch nicht kontrollieren, dass jemand Privatkopien erstellt und das darfst du auch nicht kontrollieren. End of discussion."

Jetzt ist das Buch "Klick mich. Bekenntnisse einer Internetexhibitionistin" im Handel: 16,99 kostet die gebundene Version, 13,99 das E-Book. Und im Netz war es natürlich auch sofort herunterzuladen - umsonst und illegal. Ein Rechtsanwalt von Random House*, ihrem Verlag, rief bei dem Internetdienst an, berichtet spiegel.de. Noch am selben Tag wurde der Download gesperrt, ausdrücklich im Namen der Autorin, die seit dem Vertrag mit dem Verlag um eine Stange Geld reicher ist: 100.000 Euro soll sie laut "FAZ" als Vorschuss kassiert haben.

Von den Kritikern verrissen

Jetzt fegt ein Sturm der Empörung über sie hinweg: "Guten Morgen, lieber Mob", twitterte sie zurück, während das Buch von nahezu jedem Kritiker, der es in die Hände bekommt, zerrissen wird. Als "spröde, verwirrend und hölzern", watscht es die "Süddeutsche Zeitung" ab. Es sei "kein harmonisches Leseerlebnis", nichts weiter als ein "200 Seiten langer Blogeintrag einer Mittzwanzigerin", schreibt die "B.Z.". Die selbsternannte "Provokateurin, Privilegiertennmuschi und Feministin" erzählt darin von ihrem Aufwachsen im Internet, reiht philosophische Ausführungen an Schilderungen von Cyber-Sex und fiktiven Chat- und Twitter-Protokollen. "Ein Desaster", urteilt "spiegel.de", im Netz kursieren bereits Parodien.

Julia Schramm hat schön oft Kritik einstecken müssen - auch weil sie ihre Meinung revidierte. "Privatsphäre ist sowas von Eighties", sagte die Mitgründerin der datenschutzkritischen Spackeria vor eineinhalb Jahren in einem Interview. Das nimmt sie mittlerweile zurück. Als sie im Februar ihre Verlobung mit dem Piraten Fabio Reinhardt bekanntgab, warf ein Parteikollege ihr vor: "21. Jahrhundert und dann heiraten, wie rückständig ist das denn?"

Verlag den Rücken gestärkt

Die Autorin scheint das jedoch alles nicht zu irritieren. Die einst so scharfzüngige Kritikerin des geistigen Eigentums stärkte just auf "sueddeutsche.de" ihrem Verlag den Rücken: "Es ist klar, dass der Verlag dagegen vorgeht, wenn mein Buch auf einer Homepage zum Download steht. Ich sehe darin auch keinen Widerspruch." End of discussion.

*Random House gehört zu Bertelsmann, dem Haupteigner des Gruner+Jahr-Verlages, der auch den stern und stern.de produziert

Jonas Gerding