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"Die Kanzlerin": Ein Roman nahe der Wirklichkeit

Politische Sommerpause. Runter in die Toscana. Oder rauf nach Sylt. Alles ganz ohne Politik? "Die Kanzlerin" könnte leicht im Gepäck dabei sein, in Romanform. Wer sie gelesen hat, kehrt aus einer fiktiven Welt kenntnisreicher zurück in die real existierende Welt der Politik. Eine Urlaubslektüre von Format.

Von Hans-Peter Schütz

Wenn Wolfgang Schäuble, wie jedes Jahr am Vormittag auf den Sylter Dünenwegen im Rollstuhl sportlich unterwegs, am Nachmittag im Garten seines Feriendomizils dann entspannt, sollte dort zur "Die Kanzlerin" greifen. Und darin lesen, wie die Kanzlerin zu ihm sagt:

"Ein Wort von dir hätte genügt, und du wärst jetzt Bundespräsident. Das wäre für mich ein Kinderspiel gewesen, und das weißt du auch."

Der Bundesinnenminister antwortet der Kanzlerin:

"Und du weißt, dass ich das nicht wollte. So viel Neujahr kann es in einem Jahr nicht geben, wie ein Bundespräsident braucht, um all seine Neujahrsreden halten zu können. Weil ja praktisch jede Rede eine Neujahrsansprache sein muss: diesem Anspruch hätte ich nicht genügen können. Ich mag den Alltag und die Alltagspolitik, das ist meine Stärke, und das fordert mich immer noch heraus."

Die Kanzlerin fragt, wie es Schäuble gesundheitlich gehe und er antwortet:

"Ich sitze unbequem, aber das kann kein Thema sein. Perfid finde ich nur, dass es Leute gibt - auch Parteifreunde - die unterstellen, dass meine Politik als Innenminister von meiner Biografie geprägt sei. Das verletzt, weil es so dumm ist. Als ob nicht jedes Leben geprägt wäre von dem, was jemand erlebt hat. Und jetzt muss ich mich charakterisieren lassen als Innenminister, der Selbstjustiz übt und Rache nimmt am Rechtsstaat."

Es soll ja Spannungen geben zwischen Schäuble und der Kanzlerin. Er selbst sieht das aus der Perspektive des Rollstuhlfahrers ganz anders:

"Ich hab den Vorteil, dass ich den Frauen nichts mehr beweisen muss, nicht einmal der Kanzlerin. Und du hast den Vorteil, dass du den Männern nichts mehr beweisen musst, also auch mir nicht."

Wenn Peter Struck zur "Kanzlerin" greift, dann sieht er sich dort als Genosse beschrieben, der es sich nach mehreren Herzinfarkten und Motorradunfällen angewöhnt hat, gelassen zu wirken. Und als nikotinsüchtiger Fraktionschef, der seinem Finanzminister eine eindeutige Wahlprognose gibt:

"Wir werden nach dieser Wahl so oder so nicht mehr an der Regierung sein. Entscheidend ist also nur, welchen Eindruck unsere Partei hinterlässt, bei allen Widersprüchen, die es nun einmal gibt. Persönlich bin ich für Steuersenkungen - lange kannst du sowieso nicht mehr sparen."

Struck heißt nicht Struck

Natürlich heißt Struck nicht Struck in diesem Roman, sondern Grimm. Und Schäuble kommt mit dem schönen schwäbischen Namen Benedikt Eisele zur Kanzlerin. Aber die tatsächlichen Akteure der Berliner Polit-Szene lassen sich leicht unter den Romanfiguren identifizieren. Andrea Nahles taucht als Frau Nahelinks auf. CDU-Generalsekretär Pofalla als Adi Fröhlich, Lafontaine als Baptist de la Mare, Vizekanzler Steinmeier als Vizekanzler Jeremias Schiller, Sigmar Gabriel als Lothar Engel, Regierungssprecher Wilhelm als Kordian von Aretin, Volker Kauder als Gaudenz Zwicker.

Er muss die Frage der Kanzlerin beantworten, weshalb er sich kürzlich mit zwei CDU-Ministerpräsidenten getroffen habe, hinter ihrem Rücken und ohne sie wenigstens im Nachhinein zu informieren. Was macht dieser Zwicker? Er blinzelt die Kanzlerin an - wie es der echte Kauder zuweilen ebenfalls tut.

Oder: Die Kanzlerin dieses Buchs räumt ein, dass sie Herbert Grönemeyer nicht hören will.

"Sie hasste Grönemeyer. Diese gesamtdeutsche Stimme. Sie erstickte, wenn sie ihn hörte, und drückte unwillkürlich eine Hand auf die Brust."

Auch Angela Merkel kann Herbert Grönemeyer nicht ab.

Geschrieben hat diesen politischen Roman ("Die Kanzlerin", Lenos-Verlag), der der Wirklichkeit so nahe kommt, der Schweizer Fritz H. Dinkelmann. Er kennt die Berliner politische Szene, denn er arbeitet als Deutschandkorrespondent mehrerer Schweizer Zeitungen und dem Schweizer Radio DRS. 59 Jahre alt ist der Autor, ein Wanderer zwischen Journalismus und Literatur. Vor einem Vierteljahrhundert hat er den Roman "Das Opfer" geschrieben, eine Arbeit, die von Marcel Reich-Ranicki, dem Papst der deutschen Literaturkritik, mit dem Satz geadelt wurde, Dinkelmann sei "eine der großen Hoffnungen der deutschsprachigen Literatur.

Simsen ist wichtiger als reden

Weshalb hat er 25 Jahre nicht geschrieben? "Ich stand vor der Frage," sagt er zu stern.de, "ob ich leben will oder schreiben." Er entschied sich für den Journalismus. "Die Kanzlerin" schrieb er jetzt vor dem fiktiven Hintergrund eines von Anarchisten geplanten Terroranschlags. Das Attentat, ein Giftgasanschlag auf die Kanzlerin und mehrere Minister in der Seilbahn auf den schweizerischen Berggipfel Säntis, steht nicht im Zentrum dieses Romans, der alles andere als ein Kriminalroman ist. Dinkelmann sperrt die Kanzlerin in ihr Kanzleramt ein, in einer Kunstwelt der Politik, in der die Menschen sich alle instrumentalisieren. Und zugleich fügt er in diese Kunstwelt die Realität des Internets ein, die längst alles überlagert. Simsen sagt mehr als miteinander reden.

Über die kalte Welt der Politik legt er die Liebesbeziehung zweier Menschen, die nur im Internet miteinander kommunizieren. Ein intimer Gefühlsaustausch, bei dem das Wort "ficken" benutzt wird, um konkrete Liebe auszuklammern. "Die Künstlichkeit der Politik", so Dinkelmann, "ist im Internet nur schwer in die Worte wahrhaftiger Aufrichtigkeit zu kleiden." Sie simsen einander zu in einer Vulgarität, mit der sich die beiden einander ausliefern. Die anonyme Welt des Internets blockiert den Weg zueinander. Dinkelmann: "Ich wollte eine sexuelle Explosion in einer virtuellen Welt darstellen. Ich hoffe, dass ich ein Buch geschrieben habe", sagt er, "das den Kopf freimacht."

Jedenfalls ein Buch, das die Künstlichkeit und die Härte des politischen Betriebs eindringlich begreifbar macht. Wolfgang Schäuble nimmt es mit in den Urlaub.