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Abwasch der Woche Sloterdijk, Westerwelle und ein Nazi-Vergleich


Hat jemand verstanden, was Sloterdijk mit der "Wohlstandsrevolution" meint? Westerwelle offenbar nicht. Zeit für den Abwasch.
Von Axel Vornbäumen

Peter Sloterdijk, gewissermaßen der Guido Westerwelle unter Deutschlands Philosophen, hat in dieser Woche bei einer Diskussion mit dem 80-jährigen Heiner Geißler angekündigt, dass er sich mit eigenen Reformvorschlägen zur Verbesserung des derzeit ziemlich erbärmlichen Zustands der Gesellschaft bis Anfang Mai zurückhalten werde. Dann sind Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen. Bis dahin solle lieber Ruhe im Karton herrschen.

Das ist gleich doppelt schade. Denn zum einen könnte das Land bei der derzeitigen eher schlicht gestrickten Debatte um die Zukunft des Sozialstaats ein paar aus Sloterdijks Fußgelenk geschlagene geistige Bananenflanken durchaus gebrauchen. Zum anderen aber steht zu befürchten, dass das mit der Ruhe doch ein arg frommer Wunsch ist, weil der Westerwelle unter Deutschlands Politikern von philosophisch inspirierten Schweigegelübden nun so ganz und gar nichts hält.

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Die Meinungshoheit über die Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts wird also mutmaßlich weiter über die Figur des FDP-Chefs führen ("Die Bundeskanzlerin hat ihren Duktus, ich habe meinen Duktus") - und ob der sich auf die Schnelle zur eigenen geistigen Stabilisierung noch einmal Platon im Original durchlesen wird, nun, das scheint doch eher fraglich. So was macht im Kabinett eigentlich nur KT Guttenberg. Platon hat, wenigstens darauf hat jetzt Sloterdijk doch noch hingewiesen, die Ursprünge der Gesellschaftsbildung auf die nach der Sintflut von ihren Hügeln heruntersteigenden einsamen Hirten datiert, weil, wie Sloterdijk mutmaßt, "auf Dauer alpine Sodomie nicht befriedigt". Wahrscheinlich nicht. Aber dazu müsste man mal den hirtenpolitischen Sprecher der FDP befragen, dessen Telefonnummer uns aber neulich blöderweise ins Abwaschwasser gefallen ist.

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"Nach uns die Sintflut" böte sich hier in dieser Kolumne jetzt als Übergang an. Aber soweit sind wir noch nicht, die Debatte, wie der Westerwellesche Schneeschipp-Liberalismus das Land verhärtet, hat ja quasi erst begonnen und, wie könnte es anders sein, sofort zeithistorische Dimensionen erreicht. In München, wo normalerweise eigentlich eher die CSU auf dem Nockherberg beim Derblecken eins über die Rübe kriegt, hat sich der diesjährige Barnabas-Darsteller Michael Lerchenberg in dieser Woche den FDP-Chef vorgenommen; unglücklicherweise mit einem - wie soll man sagen?: Nazivergleich.

Lerchenberg hat Westerwelle unfreundlicherweise folgendes unterstellt: "Alle Hartz-IV-Empfänger sammelt er in leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumherum ein großer Stacheldraht - hamma scho moi g'habt. Dann gibt's a Wassersuppn und einen Kanten Brot. Statt Heizkostenzuschuss gibt's von Sarrazins Winterhilfswerk zwei Pullover, und überm Eingang, bewacht von jungliberalen Ichlingen im Gelbhemd, steht in eisernen Lettern: Leistung muss sich wieder lohnen."

Nicht lustig! Die Vorstellung nicht und auch nicht der Vergleich. Wahrscheinlich überflüssig zu erwähnen, dass die im Publikum sitzende Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, das als geschmacklos empfunden hat. Die Debatte um die vom Chefliberalen verströmte Eiseskälte nimmt, wie könnte es anders sein, vorübergehend also erst einmal eine andere Richtung, auch wenn Barnabas-Darsteller Lerchenberg postwendend seinen Rücktritt eingereicht hat. Die Frage etwa, ob die Hartz-IVler an den Hängen des Riesengebirges auf ähnlichen Spuren wie Platons Nach-Sintflut-Hirten wandeln würden, muss darüber umständehalber zurückgestellt werden.

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Peter Sloterdijk übrigens hat dann noch von einer "Wohlstandsrevolution" gesprochen, die sich im Bewusstsein der Menschen nicht abbilde. Da hat er schön recht. Wahrscheinlich ist es aber doch so, dass die einen das nicht so sehen wollen und die anderen das so nicht sehen können. Man kann das Unterschied nennen oder Ungerechtigkeit. Bevor wir hier den Stöpsel fürs Abwaschwasser ziehen jedenfalls schnell noch einen Klassiker rausgehauen: Das Sein bestimmt das Bewusstsein! Stimmt doch, oder, Herr Westerwelle?


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