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Afghanistan-Einsatz: "Das Unverständnis zu Hause bedrückt"

Bundeswehrgeneral Bruno Kasdorf ist Stabschef der Afghanistan-Schutztruppe in Kabul. Im stern beklagt sich der ranghöchste Soldat am Hindukusch über die mangelnde Unterstützung des Afghanistan-Einsatzes - und die größer werdende Gefahr der Drogenkriminalität.

Wenige Tage vor der Abstimmung im Bundestag über den deutschen Afghanistan-Einsatz hat der deutsche Isaf-Stabschef Bruno Kasdorf massiv über fehlende Unterstützung der Militärmission geklagt und Motivationsprobleme bei den deutschen Soldaten angedeutet. "Das Unverständnis, das zu Hause über den Einsatz geäußert wird, bedrückt", sagte Generalmajor Kasdorf dem stern. "Auf die Dauer erwarten wir schon, dass das, was wir hier machen, von unserer gesamten Nation auch mitgetragen wird." Dann sei es ein ganzes Stück einfacher, den Auftrag innerlich anzunehmen. "Wenn die Truppe merkt, es gibt nur halbherzig Unterstützung, stellt sich das natürlich anders dar", so Kasdorf weiter.

Nicht zwischen gutem und bösem Mandat unterscheiden

Entschieden wandte sich Kasdorf im stern gegen einen Ausstieg Deutschlands aus dem US-geführten Anti-Terror-Kampf in der "Operation Enduring Freedom" (OEF) bei gleichzeitigem Verbleib des deutschen Isaf- Kontingents. "Ich persönlich halte nichts davon, zwischen 'gutem' Isaf-Mandat und 'bösem' OEF zu unterscheiden. Auch Isaf kann militärische Gewalt anwenden, wenn es notwendig ist. Isaf-Einheiten waren zum Teil in schwere Gefechte verwickelt."

Der Zwei-Sterne-General ist Chef des Stabes im Hauptquartier der Afghanistan-Schutztruppe ISAF in Kabul und damit der ranghöchste Bundeswehr-Soldat im Einsatzgebiet am Hindukusch. Im stern klagt er vor allem über fehlendes Personal. "Die EU hat uns nur 190 Polizei-Ausbilder versprochen, und sogar die sind immer noch nicht alle da." Zudem sei die Truppenstärke des Militärs völlig unzureichend, um das Land zu befrieden: "50.000 - in einem Land, doppelt so groß wie Deutschland! Damit richten Sie definitiv nicht genügend aus." Mit Blick auf die internationale Entwicklungshilfe, die pro Kopf nur ein Zehntel dessen beträgt, was im Kosovo ausgegeben wurde, bemerkt Kasdorf: "Da frage ich mich schon: Tun wir genug? Nur militärisch kann man diese Auseinandersetzug nicht gewinnen."

Bald Drogenkriminalität wie in Südamerika

Zur Sicherheitslage im Land sagte Kasdorf: "Wir sind den Aufständischen militärisch überlegen." Die Rebellen seien jedoch sehr geschickt: "Dort, wo wir gerade sind, sind sie nicht. Kommen wir, sind sie wieder weg. Das ist ein Katz-und-Maus-Spiel." Es drohe in den nächsten Jahren eine "Sicherheitslücke", mittlerweile bestehe "ganz konkret" die Gefahr, dass die afghanische Bevölkerung deshalb zu den Taliban überlaufe. Zudem könnten "Strukturen der Drogenkriminalität entstehen, wie wir sie bisher nur aus Südamerika kannten". Zu den Konsequenzen bemerkte der deutsche General: "Wenn die Bevölkerung irgendwann gegen uns ist, ist es besser, wir packen unsere Sachen und gehen nach Hause. Dann haben wir keine Chance mehr, dieses Land in die Reihe zu bekommen."

Tilman Gerwien