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Inselstaat vor der Pleite Fluchen auf Merkel, beten für Zypern


Verzweiflung, Wut, Unverständnis: Viele Zyprer fühlen sich von der EU bestraft. In der Not informiert man sich per SMS, wo es gerade Geld gibt. Selbst die reiche Kirche hofft noch immer auf Russland.
Von Andreas Albes und Ferry Batzoglou, Nikosia

Vor dem zyprischen Parlament steht ein Mann und weint. Er hat die Hände zum Gebet gefaltet, als wäre er mit sich allein. Dabei hat sich um ihn herum eine Menge von rund 800 Menschen versammelt. Sie skandieren wütend Parolen, rütteln am Gitter, das die Polizei aufgestellt hat, damit sie das Parlament nicht stürmen. Doch den betenden Mann stört niemand. Trotz des Gedränges hält jeder respektvoll Abstand. Als könnte sein Gebet allen anderen Kraft geben.

Die Menschen, die da Donnerstag bis spät in die Nacht demonstrierten, sind Angestellte der zyprischen Laiki-Bank, die zweitgrößte des Landes. Seit die Regierung angekündigt hat, alle maroden Geldinstitute zu sanieren, besteht der Plan, die Laiki-Bank in eine Good- und eine Bad-Bank - eine funktionierende, und eine die finanziell erledigt ist - aufzuspalten. Nun fürchten die Mitarbeiter um ihre Jobs. "Wo ist die Solidarität?" fragen ihre Plakate. Andere fordern: "Hände weg von Zypern!" Gegen wen sich ihre Wut richtet, ist auch klar: "Merkel = Faschismus." Und: "Wir wollen kein Viertes Reich."

"Haben doch nichts falsch gemacht"

Hoffnungsträger für viele hier ist Russlands Präsident Putin, dessen Foto sie schwenken. "Russland, hilf uns", steht darunter. Seit zwei Tagen berichtet das Fernsehen über die Moskau-Reise des zyprischen Finanzministers, der die Russen überreden will, wenigstens eine der angeschlagenen Banken zu kaufen. Aber die Russen haben wenig Interesse signalisiert. Womöglich trifft folgende Losung der Demonstranten die Stimmung am besten: "Lieber aufrecht sterben als auf Knien leben."

Die Zyprer verstehen nicht, warum ihnen die anderen Länder der Eurogruppe nicht beherzt unter die Arme greifen und die dringend nötigen 17 Milliarden Euro einfach überweisen. Zumal vor zwei Jahren riesige Gasfelder vor der Küste entdeckt wurden, die garantieren, dass alle Schulden beglichen werden. "Wir habe doch nichts falsch gemacht", sagt der Wirt der Taverne "Kath Odon": "Hier zahlen alle Steuern. Nicht so wie in Griechenland. Bei uns gibt es auch keine extreme Korruption. Hier versickern nicht Unsummen Staatsgelder, während die Krankenhäuser, Schulen und Straßen vor sich hin rotten. Schauen Sie sich unser Land doch an, eine Infrastruktur, da können andere EU-Staaten nur von träumen. Und vergessen Sie nicht: Das alles haben wir nach der türkischen Invasion 1974 aus dem Nichts aufgebaut."

So denken alle Zyprer. Und sie glauben, dass die übrigen EU-Länder sie nun für das Geschäftsmodell bestrafen wollen, mit dem sie ihr Land in so kurzer Zeit zu Wohlstand brachten: Nämlich ein Bankensystem, das mit sehr liberalen Gesetzen und extrem niedrigen Steuern Kapital aus aller Welt und auch vielen finsteren Regionen anzieht. In den 80er Jahren waren es die Libanesen, die während des Bürgerkriegs ihr Vermögen teilweise in Säcken im Kofferraum ihrer Autos ins Land brachten. Dann profitierte der Zwergenstaat vom Blutvergießen in Jugoslawien, als der Clan um den korrupten serbischen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic seine Dollars auf zyprischen Banken bunkerte. Und schließlich kamen mit dem Ende der Sowjetunion die Russen, die ihrem eigenen Staat nicht über den Weg trauen und ihr Vermögen deshalb lieber außer Landes bringen. Sicher ist viel schmutziges und schwarzes Geld darunter. Und so ist die unter EU-Politikern beliebte Losung entstanden: "Wer Zypern rettet, rettet russische Oligarchen."

"In Schwierigkeiten, weil wir Griechenland helfen wollten"

Die meisten Zyprer kennen keine Russen, denn die leben ziemlich unter sich im Süden der Insel in Limassol. Dafür haben fast alle hier griechische Freunde. In einem Musikgeschäft sagt der Inhaber: "Unser Land ist in finanzielle Schwierigkeiten geraten, weil wir unseren Nachbarn, den Griechen, helfen wollten. Wir haben ihre Staatsanleihen gekauft und letztes Jahr den Schuldenschnitt akzeptiert. Deshalb haben wir unser Geld verloren, das wir jetzt so dringend brauchen." Er hat ausgerechnet, dass jeder der rund 800.000 Einwohner nun über 20.000 Euro Schulden hat. "Verrückt ist das. Und unser einziger Fehler war: Solidarität."

Noch bis Dienstag sollen alle Banken auf der Insel geschlossen bleiben. Auch wenn das umstrittene Gesetz, das eine Zwangsabgabe auf Spareinlagen vorsah, vom Tisch ist, wird befürchtet, dass die Menschen mit Wiederöffnung die Schalter stürmen, um ihre Ersparnisse in bar nah Hause zu tragen. Deshalb wird bereits diskutiert, Sparkonten vorübergehend einzufrieren. Da Kreditkarten kaum noch akzeptiert werden, herrschen derzeit lange Schlangen an den Geldautomaten, aus denen sich maximal 260 Euro ziehen lassen. Die Mitarbeiter der Banken kommen mit dem Nachfüllen der Scheine kaum nach. Und so informieren sich die Zyprer per E-Mail und SMS, wo gerade frisches Geld eingetroffen ist.

Die reichste Institution: die Kirche

Es ist Freitag Morgen am Sitz des zyprischen Erzbischofs Chrisostomos II. Die Kirche ist eine der reichsten und mächtigsten Institutionen des Inselstaats. Die Residenz ist so groß, dass Zyperns Parlamentsgebäude und der Sitz des Präsidenten zusammen darin Platz fänden. Jannis Charilaou, 47, sitzt zwischen Aktenbergen hinter seinem Schreibtisch. Er ist Finanzchef der Diözese und damit Herr über etliche Milliarden Euro. Er kontrolliert die Beteiligungen an Zementfabriken, Brauereien, Hotels, Banken und den immensen Immobilienbesitz. Der ist alleine knapp zwei Milliarden wert.

Um die Schulden des Landes zu begleichen, will die Regierung einen Solidaritätsfond gründen. Chrysostomos II hat deshalb angekündigt, alle Grundstücke und Häuser der Kirche zur Verfügung zu stellen, um sie zu beleihen. "Wir hoffen, dass wir ausländische Banken finden, die sie als Gegenleistung für neue Kredite akzeptieren", erklärt Charilaou. "Vielleicht ja die Russen." Die Kirche hat durch den orthodoxen Glauben enge Beziehungen zu Moskau. Für Erzbischof Chrysostomos ist die europäische Diskussion über russisches Schwarzgeld auf Zypern verlogen. Zu stern.de sagte er: "Die anderen EU-Länder sollen mal nicht die Heiligen spielen. Schwarzgeld gibt es auch in England, Frankreich und Deutschland. Was bei uns dagegen passiert, sind Krümel. Ich jedenfalls weiß nicht, wo das ganze Schwarzgeld sein soll. Am besten, Sie fragen mal Herrn Schäuble."


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