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CDU-Parteitag: Merkels neuer Kulturkampf

Die Kanzlerin hat sich eine neue Aufgabe gesucht: 2017 Rot-Rot-Grün im Bund verhindern. Wiedergewählt als Parteichefin wurde Merkel mit 96,7 Prozent. Es war noch nicht einmal ihr bestes Ergebnis.

Von Axel Vornbäumen, Köln

Angela Merkel gab sich auf dem CDU-Parteitag in Köln kampfeslustig. Ihr Feindbild: Rot-Rot-Grün.

Angela Merkel gab sich auf dem CDU-Parteitag in Köln kampfeslustig. Ihr Feindbild: Rot-Rot-Grün.

Die Kanzlerin? Keine Sorge - wieder wohlauf. In Köln reichten am Montagabend ein paar Schluck Wasser, eine Tafel Schokolade und abends ein Glas gut gekühlter Riesling, um eine kleine Unpässlichkeit beiseite zu schieben, die Angela Merkel ausgerechnet bei der Aufzeichnung eines ZDF-Interviews ereilt hatte. Nix dolles, wirklich nicht. Danach war alles wieder wie, nun, wie immer. Außer vielleicht, dass die Mini-Episode für eine gefühlte Schrecksekunde all jenen in der Union das berühmte Ziegelstein-Szenario ein wenig plastischer vor Augen geführt hat als sonst. Dieses Szenario, vor dem sie sich so fürchten. Was wenn Angela Merkel tatsächlich mal... Aber lassen wir das. Zu abseitig, diese Vorstellung.

Rechtzeitig zur abermaligen Vertragsverlängerung als CDU-Chefin, die am späteren Nachmittag anstand, ist die Frage ja mal wieder rituell hochgeploppt, wann Angela Merkel für die Zukunft Deutschlands nicht mehr in allervorderster Position zuständig ist. Selbsternannte Merkelologen haben jüngst wieder das Zahlenkarussell angeworfen: 2017? Vorher schon? Nachher, aber dann zur Mitte der kommenden Legislaturperiode - und das ganz bestimmt?

In Köln hat die Kanzlerin zum Auftakt des Parteitags eine Taktik in eigener Sache angewandt, die auch in Pep Guardiolas Taktikstübchen hätte ersonnen werden können: Eineinviertelstunden reden, die Delegierten dabei weitgehend sedieren - und dann am Ende den Parteitag rocken. Angela Merkel brauchte dazu einzig einen Kübel mitleidsvolles Entsetzen, den sie über ihren Koalitionspartner SPD ausschüttete, um dem Saal in der Kölner Messe in grenzenlose Begeisterung zu versetzen. "Sich als linke stolze Volkspartei in die Juniorrolle unter die Linkspartei zu begeben", barmte Merkel und der Saal begann sofort zu beben, "wie viel kleiner will sich die SPD eigentlich noch machen". Rot-Rot-Grün in Thüringen - das ist für die Kanzlerin eine "Bankrotterklärung". Politisch. Moralisch. Und auch sonst irgendwie. Jedenfalls ist es ein neues Themenfeld für Angela Merkel.

An diesem Dienstag in Köln reichte allein das nun beglaubigte Koalitionsszenario von Erfurt und die Vorstellung, dass dies alsbald, wenn denn rechnerisch möglich, auch auf den Bund übertragen werden könnte, um den CDU-Parteitag in eine straff kämpfende Anti-Haltung zu versetzen. Und irgendwie hatte man den Eindruck: Angela Merkel hat selbst neuen Spaß daran gewonnen, diese Art Kampf der politischen Kulturen von der Spitze weg zu führen. Müdigkeit? Vielleicht. Amtsmüdigkeit? Keine Spur.

Merkel wurde mit ihrem bislang zweitbesten Ergebnis als Parteichefin bestätigt - 96,7 Prozent stimmten für sie. Vor zwei Jahren hatte Merkel - vor der Bundestagswahl 2013 - mit 97,9 Prozent ihren bisherigen Stimmenrekord erzielt

Koalitionspartner FDP

Mit wem an der Seite soll dieser Kampf der Kulturen geführt werden? Stimmt, ganz egal ist das nicht, auch nicht für eine Union, die über der 40-Prozentmarke einkommen wird. Die AfD aber, soviel kann man verraten, wird es auf absehbare Zeit nicht werden. Merkel lieferte in ihrer Parteitagsrede keinen noch so marginalen Hinweis auf einen infrage kommenden Wandel durch Annäherung an den rechten Rand. Stattdessen appellierte die Kanzlerin eindringlich an die Delegierten, die politisch totgesagten Liberalen nicht zu vergessen. Die FDP, so Merkel, sei immer noch so etwas wie der potenzielle natürliche Koalitionspartner der Union.

Axel Vornbäumen hat schon viele Parteitagsreden von Angela Merkel gehört - so einen starken Endspurt hat sie selten hingelegt. Dem Autor kann man auf Twitter folgen unter @avornbaeumen

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