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Angela Merkel: Die neue Maggie

Nicht einmal ansatzweise war eine Frau zuvor im Gespräch für das Kanzleramt. CDU-Chefin Angela Merkel könnte nun Geschichte schreiben. Viele vergleichen sie schon mit Margaret Thatcher, der "Eisernen Lady" aus England.

Die CDU-Chefin Angela Merkel wäre die erste Frau in Deutschland, die es ins Bundeskanzleramt schafft. Nach mehr als einem halben Jahrhundert "endlich" eine Frau als Kanzlerkandidat in greifbarer Nähe - für Alice Schwarzer eine "Sensation". Einen Sonderbonus könnte die CDU-Chefin bei weiblichen Wählern haben, wenn sie sich offensiv auch für die Interessen der Frauen einsetzen würde, meint die Herausgeberin der Zeitschrift "Emma". "Aber genau das hat Angela Merkel in den letzten Jahren leider versäumt." Daher ist Schwarzer "besonders gespannt" auf einen Wahlkampf zwischen dem SPD-Mann Gerhard Schröder und der CDU-Frau.

"Interessanter Widerspruch"

"Die Chancen von Merkel gegenüber Schröder sind gut, weil die Bevölkerung einen Wechsel der Regierungspolitik will", glaubt Ulla Bock, Geschäftsführerin der Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauenstudien und Frauenforschung an der Freien Universität Berlin. Sie spricht von einem "interessanten Widerspruch": Die Mehrheit sei für einen Machtwechsel, finde aber Schröder sympathischer. "Es wird viel darauf ankommen, inwieweit die Parteigenossen Merkel stützen und keinen Zweifel daran lassen, dass es ihre Kandidatin ist."

Nicht einmal ansatzweise war eine Frau zuvor im Gespräch für das Kanzleramt. Anwärterinnen für das Bundespräsidialamt gab es einige, sie mussten aber mit dem Stigma der "Zählkandidatin" fertig werden, auch bei Gesine Schwan war dies 2004 der Fall. Die erste Bundesministerin Elisabeth Schwarzhaupt, die Konrad Adenauer 1961 widerwillig ins Kabinett holte, wurde trotz ihrer 60 Jahre mit "Fräulein" angeredet, weil sie ledig war. Annemarie Renger, Deutschlands erste Bundestagspräsidentin, zog nach ihrer Amtszeit (1972-1976) die Bilanz: "Ich habe in dieser Zeit erreicht, was ich wollte: Es ist bewiesen, dass eine Frau das kann!"

Bei Frauen wird das Äußere noch immer mehr thematisiert als bei Männern. Dass Heide Simonis - bis 2005 erste und bislang einzige Ministerpräsidentin - Schmuck und Hüte mag, wurde ebenso häufig aufgespießt wie Merkels Frisur. Fügt sich eine Politikerin nicht ins Bild von Weiblichkeit, ist kinderlos und nicht ständig in männlicher Begleitung, können sich das politische Gegner zunutzemachen. Die baden-württembergische CDU-Politikerin Annette Schavan sah sich dazu gedrängt, dementieren zu müssen, sie sei lesbisch.

Fast schon resignierend klingt die Einschätzung der Soziologin Ulla Bock: "Eine Frau kann wirkliche Macht nur an sich binden, wenn sie - neben hoher Qualifikation und Leistung - auch noch das Kunststück vollbringt, die in uns wirkenden Bilder von männlich und weiblich in Einklang zu bringen." Das sei nahezu unmöglich. Erfolgreich bei den Wählern könnte Merkel ihrer Meinung nach wegen der Wechselstimmung sein, nicht wegen des Faktors Frau.

Sonderstellung für Thatcher

Auf der ganzen Welt gibt es keine zehn Frauen, die als Staats- oder Ministerpräsidentin souveräner Länder amtieren, seit 1960 waren es gerade einmal 49. Eine Sonderstellung unter ihnen nahm die langjährige britische Premierministerin Margaret Thatcher (1979-1990) ein. Der Vergleich zur "Eisernen Lady" mit dem "männlichen Führungsstil" wird in den nächsten Monaten sicher öfter herhalten müssen.

Es ist selten ein Akt von Emanzipation, wenn Frauen an die Macht kommen, sieht man von den traditionell als fortschrittlich geltenden nordeuropäischen Ländern ab. In Norwegen brachte es beispielsweise Gro Harlem Brundtland als Ministerpräsidentin auf zehn Jahre in drei Amtszeiten. In Südostasien und Lateinamerika sind es häufig Ehefrauen oder Angehörige, die nach dem Tod der Männer unmittelbar oder später hohe Staatsämter übernehmen - dazu gehörten Indira Gandhi (Indien), Isabel Peron (Argentinien) und Benazir Bhutto (Pakistan).

Schlagzeilen machte kürzlich Julia Timoschenko, die seit Februar Ministerpräsidentin der Ukraine ist. In Europa amtieren in Irland, Lettland und Finnland Frauen als repräsentatives Staatsoberhaupt. Merkel wäre bei einem Wahlerfolg derzeit die einzige Kabinettschefin auf den von Männern dominierten Familienfotos bei EU-Gipfeln.

Caroline Bock/DPA / DPA