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Angela Merkel: Wer leiten will, muss schön sein

Lange verweigerte Angela Merkel beharrlich, sich aufzuhübschen. Sie blieb bei Topffrisur und Griesgram. Als Kanzlerkandidatin der CDU/CSU ist sie nun erblüht. Wie konnte das geschehen?

Sie zieht ihr Lächeln. Zielt. Feuert. Trifft. Lächeln - und erwischt! Lächeln - und wieder einer! Ja, seht her, ich kann das auch, das Nette, das Charmante, zack, wieder acht Sympathiepunkte gewonnen, Schröder überholt, noch mal ein paar Punkte mehr. Es ist ein leiser Angriff, den sie zurzeit reitet - die Lächeloffensive der Angela Merkel.

Seit sie am Montag vor drei Wochen im Apricot-Jäckchen vor die Medienmassen trat, zieht die Kanzlerkandidatin der Union als charmant getarnte Wahlwaffe durchs Land. Ihr Kampflächeln räumt ab. Und ihr Satz "Ich will Deutschland dienen" gibt letzten Zweiflern den Rest. Ein Aschenputtel erscheint in neuem Licht - als Hoffnungsfee, als Heilsbringerin gar.

Es ist noch nicht lange her,

da sah man Angela Merkel fast immer nur müde und abgekämpft und mit schlecht sitzender Topffrisur. Während männliche Kollegen begannen, sich für die öffentliche Gunst die Haare zu tönen, verweigerte die CDU-Vorsitzende beharrlich, sich aufzuhübschen. "Kein Haar umspielt mehr den Nacken, der Pony wirkt wie abrasiert", lästerte die "Bild am Sonntag" im Mai 2000. "Es ist mir völlig schleierhaft, wer ihr zu den Kleidern rät, die sie anzieht", nörgelte Parteikollege Heiner Geißler im Juli 2003 im Fernsehen. Alle nörgelten. Alle lachten, über Angela, das hässliche Hühnchen von Berlin - in Häme mariniert und zu Dörrfleisch geröstet.

Und jetzt dieses neue Lächeln, die mütterliche Wärme in den Augen, das elegante Winken; dieses harmonisch arrangierte Gesamtkunstwerk, an dem die CDU-Zentrale mit Hochdruck feilt. Seit die Bundesvorsitzende nicht mehr für sich allein wirbt, sondern für die ganze Volkspartei, wird sie als Frau der Hoffnung in Szene gesetzt, als das frische Gesicht der neuen Ära. Das darf nicht böse gucken. Das muss lieblich lächeln.

Natürlich ist es nicht so, als hätte sich das Mauerblümchen plötzlich in eine anmutige Lady von Welt gewandelt. Auch heute kann sich Frau Merkel recht garstig geben: "Könnt ihr mir mal die Leute vom Hals schaffen?", blafft sie böse, wenn ihr ein Kamerateam auf die Nerven geht. Selbst am Krönungstag stand sie in der CDU-Zentrale vor der blitzeblauen Wand und sah ziemlich oft nach Regenschauer aus. Der Unterschied zu früher aber ist: In den langen Augenblicken der mürrisch blickenden Angela hielten die Fotografen still. Erst als Frau Merkel mit ihrem neuen Lächeln frontal Richtung Kameras schwang, klickten sie los. "Wenn es ihr Jubeltag ist, bietet niemand verbiesterte Fotos an", sagt der Berliner Fotograf Hans-Christian Plambeck. Und Dirk von Borstel, Bildchef der Agentur ddp, sagt: "Bilder müssen zur politischen Stimmung passen. Wenn Merkel gut dasteht, muss das rüberkommen." So entsteht der Eindruck von Angie, der Kultfigur, die statt Griesgram im Gesicht Engelsflügel trägt.

Eine solche Wandlung kommt nicht plötzlich. Sie ist auch nicht nur Produkt veränderter Fotografenwünsche. Diese vielen neuen Posen müssen geübt werden, sie sind erarbeitet - vor dem Spiegel, mit Disziplin und Härte. "Wenn man mit dem Imagewandel eines Politikers erst ein halbes Jahr vor der Wahl beginnt, wirkt es unglaubwürdig, wie ein wahltaktisches Manöver. Der entscheidende Punkt ist, dass man frühzeitig damit beginnt", sagt Axel Wallrabenstein, Politikberater der Berliner Agentur Publicis.

Schon im Jahr 2003 hat sich Merkel auf den Weg zu ihrem Neuentwurf gemacht. Damals ging sie bei Udo Walz vorbei, dem Berliner Prominenten-Friseur. Der schlug erst die Hände überm Kopf zusammen und faselte dann öffentlich von "Endfrisur", die er schrittweise in Angriff nehmen werde - Pagenkopf mit lockeren Stufen und luftigem Pony, fesch zur Seite gelegt. Die Endfrisur trägt Angela Merkel inzwischen gern zur Schau, sie bekommt dafür viel Lob. Vor wichtigen Auftritten übernehmen Kosmetikerinnen auch das Fönen, denn das hasst sie sehr.

Früher wurde Frau Merkel nicht gefönt, früher hatte sie getrocknete Haare auf dem Kopf. Solche Haare sehen immer gleich aus, ob bei Regen oder Sturm. Solche Haare heißen praktisch, und praktisch mag sie es am liebsten. Als sie im Jahr 2001 zum ersten Mal als Bundesvorsitzende der CDU in die USA flog, zog sie das kleinste Rollköfferchen der Delegation hinter sich her. In dieser Miniatur transportierte sie die Garderobe für vier Tage, Hosenanzüge, knitterfrei in dunklen Farben und mit Blazern, die weit über ihre Hüften reichten. Und so stapfte die unbekannte Deutsche praktisch frisiert und gekleidet durch die feinen Salons von New York und Washington und schien wie aus dem Jahrhundert gefallen.

Natürlich war sie auch 2001 schon eitel, doch ohne Konsequenz. Natürlich trug sie auch damals Schminke, doch zu häufig in der Tasche statt im Gesicht. Heute lässt sie sich von echten Profis das Gesicht aufrüsten, damit das Fundament schon liegt, auf das sie nur dann und wann ein wenig Puder aufbringen muss. Sie fühlt sich wohler unter ihrer zweiten Haut. Selbstbewusster. Längst scharwenzeln auch die einflussreichen Damen der Republik um sie herum. Am Abend ihrer Krönung saß sie in der Villa von Sabine Christiansen und pflegte ihre Kontakte zur Hausherrin in gediegenstem Ambiente. Verlegerin Friede Springer, Bertelsmann-Eigentümerin Liz Mohn und Modedesignerin Jil Sander waren mit von der Partie. "Zu einem Imagewandel gehört auch, sich mit den richtigen Personen zu umgeben", sagt Politikberater Wallrabenstein. Merkel hat begriffen, dass sie sich dem medialen Spiel nicht entziehen kann - und es macht ihr angeblich sogar Spaß. "Sie ist ganz bei sich", beschreibt die Freundin und baden-württembergische Bildungsministerin Annette Schavan Merkels Zustand - das klingt nach Yin und Yang und Yoga-Glück.

Für ihr neues Erscheinungsbild

hört Angela Merkel vor allem auf ihre Pressesprecherin Eva Christiansen und Büroleiterin Beate Baumann. Auch Gemahl Joachim Sauer teilt ihr seine modischen Vorlieben mit. "Mein Mann sagt immer: Schau dir die Sager an, die trägt fabelhafte Blazer", hat Angela Merkel einmal erzählt. "Die Sager" - das ist Krista Sager, die Grünen-Fraktionschefin im Bundestag. Angela Merkel ist tatsächlich losgezogen und hat sich ähnliche Blazer zugelegt, den apricotfarbenen und einen brombeerroten. Noch immer kann sie es nicht leiden, Kleider einzukaufen. Wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt, geht sie am liebsten in Berliner Edelboutiquen wie die von Anna von Griesheim. Da wird sie in aller Ruhe fündig, ohne Gaffer. Und wenn sie neue Schuhe braucht, nimmt sie gleich zwei Paar, manchmal drei. Sie ist keine Shopperin. Sie will es eben möglichst praktisch und, na gut, inzwischen auch ein bisschen elegant.

"Bei einem Mann würden diese Äußerlichkeiten nie so ausgiebig diskutiert", kritisiert die CDU-Zentrale alle Nachfragen zu Merkels Redesign. Das ist der Totschläger. Und einfach nicht wahr. Ob die Haarfarbe des Kanzlers, ob die Leibesfülle von Joschka Fischer oder Helmut Kohl - Äußerlichkeiten werden auch bei Männern gern besprochen. Merkels Umfeld hat wohl eher die Sorge, dass all dies zu sehr in den Vordergrund gerät. Auf die Frage, ob sie einen Stilberater habe, kommt nur ein: "Kein Kommentar." Inzwischen will man nicht einmal mehr bestätigen, dass Udo Walz der Friseur ihres Vertrauens sei. Walz lässt ausrichten, er äußere sich überhaupt nicht mehr. Er darf nicht. Er versteht das auch nicht. Nur so viel: In den vergangenen zwei Jahren saß Frau Merkel regelmäßig gut gelaunt in seinem Salon. Ob sie jetzt noch bei ihm sitze? Keine Auskunft. Eines ist trotz des Maulkorbs sicher: Vor dem Fernsehduell gegen Gerhard Schröder soll die Kanzlerkandidatin von einem Moderator trainiert werden. Wer den Job bekommt, ist noch nicht raus. Kandidatenvorgänger Edmund Stoiber hatte seinen persönlichen Profilberater Michael Spreng, der jeden Schritt und jedes Zucken mit Rat und Tat verfolgte. Solch einen Komplettcoach will Merkel lieber nicht. Das, so sagen ihre Berater, würde zu sehr wirken wie "Die kann's noch nicht". Sie selbst sagt, sie wolle authentisch sein und kein Produkt.

Dabei ist sie doch schon lange eines - eine Marke für all die Sehnsüchte und Wünsche der suchenden Wähler. Das, was ihr im Moment passiert, nennt man "Hype". Ein Hype kann zum Kult werden. Oder zur Lachnummer. Sie war schon mal "Königin der Herzen" und gleich danach die "kalte Maggie". Was sie morgen sein wird? Merkel weiß, dass das Gleis der Achterbahn nach dem Aufstieg stets in die Tiefe fällt. Die Frage ist nicht: ob. Die Frage ist: wann.

Franziska Reich / print