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Auf Reisen mit Johannes Rau: Bier mit Arafat, israelische Briefmarken - und viele Witze

Wie ging Johannes Rau mit Menschen um? Welche Eigenschaften zeichneten ihn aus? Im stern.de-Interview erzählt einer, der Rau auf seiner historischen Israel-Reise begleitet hat.

Herr Moosbauer, als SPD-Abgeordneter waren Sie im Jahr 2000 bei der Reise Johannes Raus nach Israel dabei. Damals hielt der Bundespräsident - als erstes deutsches Staatsoberhaupt überhaupt - im israelischen Parlament eine Rede auf Deutsch. Was für eine Bedeutung hatte diese Rede?

In Israel war es ein großes Politikum, dass Rau die Rede auf Deutsch halten wollte. Es gab damals mehrere Abgeordnete, die den Raum verließen. Sie sagten, die deutsche Sprache dürfe in einem israelischen Parlament nicht erklingen - unabhängig von der Person. Rau selbst war in Israel sehr beliebt und geschätzt. Aufgrund der klaren Worte, die der Bundespräsident für die historische Verantwortung der Deutschen fand, wurde die Rede auch ein großer Erfolg.

Worin liegt die besondere Bedeutung Raus für das deutsch-israelische Verhältnis?

Aufgrund seiner eigenen Biografie verkörperte er sehr glaubwürdig den Wandel Deutschlands hin zu einer Demokratie.

Welchen Aspekt seiner Biografie meinen Sie?

Er hat sich schon als Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens sehr stark für den deutsch-israelischen Austausch eingesetzt, vor allem im Bereich der Jugendarbeit. Da hat Nordrhein-Westfalen eine sehr lange und erfolgreiche Tradition. Johannes Rau war ein großer Freund Israels - und er war auch, wie er mir erzählt hat, im vollständigen Besitz einer Sammlung israelischer Briefmarken - von der ersten Briefmarke 1948 bis heute.

Wie ist Rau Ihnen als Mensch auf dieser Reise begegnet?

Er war ein sehr nachdenklicher Mensch mit einer erstaunlichen Fähigkeit zuzuhören, was bei Politikern in seiner Position eher unüblich ist. Auf dieser Reise hat er sich etwa mittags jeden Tag eine Stunde Zeit genommen, um sich mit seiner Delegation zu besprechen. Während eines doch sehr minutiös geplanten Staatsbesuchs hat er eine Insel der Ruhe geschaffen, um anderen Leuten zuzuhören. Für mich persönlich ist natürlich der Moment sehr in Erinnerung geblieben, als er mir auf dem Flug nach Israel seine Rede zu lesen gab und sagte: 'Du kennst dich doch da aus. Schau' doch mal drüber."

Gibt es von dieser Reise auch Anekdoten zu erzählen?

Ja. Als wir in Ramallah bei Arafat eingeladen waren, gab es im Gästehaus ein großes Essen. Arafat hat die Delegation begrüßt, Johannes Rau hat sich in seiner Erwiderung für die Gastfreundschaft bedankt aber dann gesagt: Na ja, es sei ein anstrengender Tag gewesen, und jetzt sei es schon Abend, und er würde sich jetzt zum Essen gerne ein Bier wünschen - was in einem arabischen Gästehaus ein etwas ungewöhnliches Anliegen war. Nach kurzer Rücksprache Arafats mit seinen Beratern gab es Bier für alle - sehr zur Freude meiner palästinensischen Tischnachbarn.

Rau galt als leidenschaftlicher Witze-Erzähler. Hat er Ihnen auch Witze erzählt?

Kontinuierlich. Er hatte ein unwahrscheinliches Repertoire. Wir saßen auf dieser Reise abends oft mit der Delegation zusammen, und der Bundespräsident erzählte Witze. Das Gute war dabei, dass er sich auch gerne selbst Witze hat erzählen lassen. Er hat immer gefragt, ob andere auch welche kennen. Die hat er dann gerne in sein Repertoire mit aufgenommen.

Können Sie sich noch an einen der Witze erinnern?

Ja. An einen, der allerdings nicht ganz unbekannt ist: Ein Rabbi geht in eine Metzgerei, zeigt auf einen Schinken und sagt: 'Ich hätte gerne diesen Fisch'. Der Metzger antwortet: 'Das ist aber ein Schinken.' Daraufhin schimpft der Rabbi, der den Schinken ja nicht essen darf: 'Habe ich gefragt, wie der Fisch heißt?"

Welche Lücke wird Johannes Rau in der SPD hinterlassen?

Uns fehlt nun natürlich eine große Leitfigur, die es geschafft hat, die SPD über Jahrzehnte hinweg in einem sich wandelnden politischen Umfeld zu geleiten. Johannes Rau war eine moralische Autorität in der SPD. Sein Lebensmotto - Versöhnen statt Spalten - hat auch in der SPD mehr als einmal unterschiedliche Flügel zusammengeführt.

Interview: Florian Güßgen