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Annalena Baerbock "Die da oben, wir hier unten": Wer seinen Lebenslauf aufhübscht, spaltet die Gesellschaft

Eine weiße Frau mit rundlichem Gesicht und braunen, schulterlangen Haaren lächelt. Sie trägt einen weißen Pulli mit V-Ausschnitt
Annalena Baerbock hat sich für den "missverständlichen Eindruck" ihres Lebenslaufes entschuldigt
© Kay Nietfeld / DPA
Die Grüne Annalena Baerbock will Kanzlerin werden und hat bei den Angaben im Lebenslauf gepfuscht. Keine lässliche Sünde. Wer sich selbst größer macht, setzt andere herab. 

Menschen hübschen ihren Lebenslauf nicht ohne Grund auf. Sie wollen mehr scheinen, als sie sind. Gebildeter wirken, klüger und damit vermeintlich kompetenter. "Völkerrechtlerin" klingt ein bisschen nach Internationalem Gerichtshof in Den Haag und Juristenplausch mit Staranwältin Amal Clooney. Einen "missverständlichen Eindruck" habe sie in ihrem Lebenslauf erweckt, entschuldigte sich Annalena Baerbock. Der "missverständliche Eindruck" war  vielleicht kalkuliert. Baerbock darf sich Völkerrechtlerin nennen, der Titel ist nicht geschützt. Aber sie ist keine Juristin, auch, wenn das ein bisschen so klingt. Sie hat das aber auch nie behauptet.

Viel entlarvender ist die Äußerung, die erst dazu geführt hat, dass ihr Lebenslauf gegengecheckt wurde: Ihr Parteifreund und Konkurrent um die Kanzlerkandidatur Robert Habeck würde sich "vom Hause her" mit "Hühnern, Schweinen, Kühe melken" auskennen, sagte Baerbock dem NDR. Sie komme dagegen "vom Völkerrecht". Klingt wie: Er kommt aus dem Stall. Ich bin in der großen weiten Welt zu Hause.

Bei Bewerbungen in der Privatwirtschaft mag ein aufgebübschter Lebenslauf noch als Dummheit durchgehen. Irgendwann bekommen Vorgesetzte eh mit, was jemand kann. Und was nicht. Politiker und Politikerinnen sollten es lassen. Nicht nur, weil es peinlich wird, wenn es auffliegt. Sie nähren einen Bildungsdünkel, der von gestern ist und diesem Land schadet.

Kanzlerschaft geht ohne Abi 

Für den Job der Bundeskanzlerin ist es egal, ob jemand Völkerrechtlerin oder Schweinebauer ist. Die Voraussetzungen, das Land zu regieren, sind schlicht: Mindestalter 18 Jahre, deutscher Pass, vom Bundestag zum Regieren erwählt. Bundestagsmandat? Nicht nötig. So will es die Verfassung. Und das ist gut so, weil hierzulande alle Menschen die Chance haben sollen, Kanzler oder Kanzlerin zu werden – auch wenn sie ihre Lehre zum Schiffsmakler und das Geschichtsstudium abgebrochen haben - wie Willy Brandt (SPD). Sogar Bundespräsident kann werden, wer die Schule vor dem Abi geschmissen hat – so wie Johannes Rau (SPD). Das ist das Kernstück unserer Demokratie. Alle sollen mitspielen und das Land gestalten dürfen.

Trotzdem sind akademische Grade inzwischen sowas wie die neuen Adelstitel. Vielleicht versuchen Volksvertreter deshalb mit akademischen Weihen zu glänzen. Die Liste der Politiker und Politikerinnen, die ihre Dissertation gefakt haben, ist lang und soll hier nicht wiederholt werden. Ex-Familienministerin Franziska Giffey (SPD) wird vermutlich nicht die Letzte sein, die erwischt wird. 

Bildungsrassismus

Titel sind kulturelles Kapital, wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu (Sohn eines Postboten) es genannt hat. Man wuchert mit ihnen und hofft, dass sie sich auszahlen. Bourdieu prägte auch den Begriff vom Bildungsrassismus. Damit ist nicht nur gemeint, dass Kinder aus sozial schwächeren Verhältnissen es seltener an die Uni schaffen. Auch, wenn man inzwischen in Deutschland ohne Abi studieren darf. 64.000 Menschen haben sich im vergangenen Jahr ohne Abi an deutschen Unis eingeschrieben. Bildungsrassismus bedeutet auch, dass Menschen ohne Abitur und Studium in ihre vermeintlichen Schranken gewiesen werden. So wie Martin Schulz (SPD), der 2017 Kanzler werden wollte.

Der hat doch kein Abitur, kann nicht Kanzler, schrieben einige Journalisten. Zum Glück gab es gegen diese verklausulierte Forderung nach einer neuen alten Ständegesellschaft viel Protest. Aber Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) kann vermutlich nicht mehr zählen, wie oft er schon Fragen wie diese beantworten musste:  "Sie sind einer der wenigen Spitzenpolitiker in Deutschland ohne Abitur. Haben Sie es je bedauert, dass Sie den Abschluss nicht gemacht haben?" Dumme Frage. Warum sollte er? Gewählt ist gewählt. Punkt.

Akademiker sind Minderheit

Müller befindet sich in bester Gesellschaft. Die meisten Menschen hierzulande haben weder Abitur noch Studium, sondern eine Berufsausbildung – knapp 50 Prozent. Akademiker sind in der Minderheit. Den Doktortitel dürfen sich gerade mal 1,2 Prozent auf die Visitenkarte drucken lassen. Trotzdem sitzen im Bundestag fast nur Akademiker. Über 80 Prozent haben studiert. In der Bevölkerung, die sie vertreten, sind es keine 20 Prozent. Das Parlament ist, was die Bildung angeht, nicht repräsentativ.

Annalena Baerbock: "Die da oben, wir hier unten": Wer seinen Lebenslauf aufhübscht, spaltet die Gesellschaft

Warum gehen so wenig Nichtakademiker in die Politik? Parteiarbeit braucht Zeit, eine Kandidatur kostet Geld. Viele Juristen und Beamte sitzen im Bundestag, die es unter Umständen leichter haben, ihre Jobs eine Weile ruhen zu lassen, um sich ganz der Politik zu widmen. Möglicherweise spielt auch eine Rolle, dass sich Nichtakademiker unterlegen fühlen. Erinnert sich noch jemand an Petra Hinz? Die SPD-Bundestagsabgeordnete aus Essen hatte sich als Juristin ausgegeben, obwohl das nicht stimmte und trat 2016 zurück. Leider hat sie nie über ihre Motive gesprochen. Fürchtete sie, ohne akademischen Titel nicht ernstgenommen zu werden?

Politiker und Politikerinnen, die ihre Lebensläufe aufrüschen, nähren nicht nur einen muffigen Bildungsdünkel. Sie tragen dazu bei, dass junge Leute es schicker finden zu studieren, anstatt in die Lehre zu gehen. Wohin das führt? In Deutschland gibt es mehr Studierende als Azubis. Fast drei Millionen sind an einer Hochschule eingeschrieben. Rund 1,3 Millionen, also nicht mal die Hälfte, absolvieren gerade  eine Ausbildung. Fast 60.000 Ausbildungsstellen blieben 2020 unbesetzt.  Fachkräfte mit Berufsausbildung fehlen. Allein in Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Bundesland, gehen in den nächsten Jahren 340.000 Menschen in Rente. Sie hinterlassen eine riesige Lücke und Stellen, für die eine Ausbildung Voraussetzung ist. Und nun?

Dünkel spaltet die Gesellschaft

Außerdem spaltet Dünkel die Gesellschaft. Die Menschen kriegen den Eindruck, dass im Parlament "die da oben" sitzen und auch noch "auf uns da unten" herabblicken. Das treibt sie unter Umständen rechten Parteien zu.

Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU)  musste sich auch schon anhören, sie habe ja "nur" eine Lehre als Hotelfachfrau und keine Ahnung von Wissenschaft. Das ist böse wie falsch. Karliczek hat neben dem Job an der Fernuniversität Hagen (die staatlich anerkannt ist) BWL studiert. Mit Abschluss. Sie erfand den "Bachelor Professional" für Meister im Handwerk. Schön und gut. Wichtiger ist, dass der Dünkel aus den Köpfen verschwindet. Es gibt nämlich keine "niederen Bildungsabschlüsse". Es sind "kürzere Bildungswege". Wer was kann, zeigt sich dann. Gilt auch für Politiker und Politikerinnen. Oder, wie Altkanzler Kohl sagte: "Entscheidend ist, was hinten rauskommt."

tkr

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