Aus stern Nr. 46/2004 Schlussstrich mit links


Nicht die zur "Volksfront" vereinten Rechtsradikalen bedrohen die Union - Gerhard Schröder raubt ihr den Anspruch aufs Nationale.

Die Union wird enteignet. Ihr wird die nationale Botschaft genommen, man könnte auch sagen: das nationalkonservative Erbe. Sie verliert Gewicht, wird rechts erleichtert. Unheimlich heimlich vollzieht sich dieser Prozess, so geräuschlos, dass sie es selbst nicht zu spüren scheint. Wenn sie es merkt, vor der Wahl 2006, könnte es schon zu spät sein.

Nein, nicht die beschriene "Volksfront" von NPD und DVU bedroht CDU und CSU. Nazis, Antisemiten und Ausländer-Phobiker holen sich ihre Gefolgschaft unter Versprengten, Entwurzelten und Rassisten aller Couleur, "links" wie "rechts", vor allem aber im politischen Niemandsland. Sie kehren Dreck auf, fischen aber nicht im Bürgertum, im wertkonservativen schon gar nicht. Radikalität und Gewalttätigkeit machen sie gefährlich, doch im Bundestag sitzen sie längst nicht. Denn vom "Vierten Reich" träumen nur Gestörte, randständige Schwachmaten.

Die Okkupation des Nationalen durch Nationalisten, gar Nationalsozialisten ist nicht zu beobachten. Wohl aber Umdeutung, Neuinterpretation auf der Linken. CDU und CSU sind dabei, über ihrem ureigensten Terrain die Lufthoheit zu ver-lieren. Nicht nur über kleinbürgerlichen Stammtischen, auch in bourgeoisen Salons und renditekalten Vorstandsetagen. Da beginnt eine andere Kraft zu wirken, die des National-Kanzlers Gerhard Schröder, der sich frei macht von linken Anhaftungen der Sozialdemokratie, Geschichtsbewältigung vereint mit un-verschämter globaler Interessenpolitik und daraus einen historisch geläuterten Patriotismus formt.Dieser National-Kanzler macht sich daran, jene einzusammeln, die bei CDU und CSU heimatlos werden: aufgeklärte Nationalkonservative, global konkurrierende Wirtschaftsführer und suchende Junge, denen historische Selbstbezichtigung nur noch auf den Nerv geht.

Die Union ist in dieser Konkurrenz gehandicapt, personell wie politisch. Sie hat schon lange keine Identifikationsfiguren mehr fürs Nationale: Jörg Schönbohm, einst dazu ausersehen, entfaltet keine Strahlkraft; Angela Merkel, der Physikerin aus der DDR, fehlen Gefühl wie Erfahrung. Mit Wiedervereinigung und Ende des Kalten Krieges ist die Selbstverständlichkeit verloren gegangen, die nationale Emotionen an die Konservativen band. Überhaupt ist heute unklar wie nie, was konservativ heißt. Die Union streitet übers Soziale - und verliert das Nationale. Sie hat kein patriotisches Dach mehr.

Alle Versuche, sich eines zu zimmern, mussten abgebrochen werden, weil sie in den Vorgarten der Rechtsradikalen führten: Friedrich Merzens "deutsche Leitkultur"; Laurenz Meyers Bekenntnis "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein"; die Idee einer Unterschriftenaktion gegen den EU-Beitritt der Türkei. Selbst Pro-Amerikanismus zieht nicht mehr: Angela Merkel verirrte sich damit spektakulär ihm Irak-Konflikt.

Schröder fand damals seine Rolle - und wurde zum Magneten für linke wie nationalkonservative Wähler. Auch Wahlversammlungen der Union hatten nur noch ein Thema: Frieden. Eine Entdeckung mit nachhaltigem Lerneffekt. Seither baut er die patriotische Rolle zielstrebig aus: Neben den David, der die Schleuder hob gegen den amerikanischen Goliath, tritt der präsidial über Parteiinteressen schwebende National-Reformer, der Chefverkäufer deutscher Produkte und Interessen im Ausland - und der Erlöser, der Schluss macht mit vergangenheitsverhafteter Selbstkasteiung. Die Bürde der NS-Verbrechen wird umgeladen von der Schulter drückender Schuldgefühle auf die Schulter historischer Verantwortung - und damit leichter.

"1945 wurde sein Großvater inhaftiert; da war Friedrich Christian Flick seit neun Monaten auf der Welt. Er hat persönlich nichts mit den Kriegsverbrechen seiner Familie zu tun", sagte er bei der Eröffnung der Flick-Ausstellung in Berlin - und brach einen Bann. Den Schlussstrich hätte ein Konservativer so widerspruchslos nicht ziehen können. Den großen, versöhnenden Auftritten in der Normandie und in Warschau folgt im kommenden Mai die 60-Jahr-Feier des Kriegsendes in Moskau. Schröder wird dort in großer Inszenierung die Nachkriegszeit für beendet erklären - und den Deutschen eine weitere Last nehmen. Folgte im September die Aufnahme Deutschlands in den Weltsicherheitsrat, wäre das Werk vollendet. Der National-Kanzler hätte alle Chancen, zum Kanzler der Nationalen zu werden.

Hans-Ulrich Jörges print

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