Babyleichen-Prozess "Ich habe sie einfach liegen lassen"


Es ist der schwerste bekannte Fall von Kindstötungen in Deutschland: Eine Mutter soll neun Babys direkt nach der Geburt hat sterben lassen und in Blumenkästen, Eimern und Plastikwannen verscharrt haben. Nun beginnt der Prozess gegen sie.

Fast neun Monate nach dem Fund von neun Babyleichen in der Nähe von Frankfurt (Oder) hat der Prozess gegen die Mutter begonnen. Die Angeklagte hat sich jedoch geweigert, Angaben zur Sache zu machen und schweigt. Zum Prozessauftakt sagte Anwalt Matthias Schöneburg: "Meine Mandantin möchte zu den Vorwürfen nichts sagen."

Die 2. Strafkammer las daraufhin aus dem richterlichen Vernehmungsprotokoll vom 1. August 2005 - unmittelbar nach der Festnahme der Zahnarzthelferin. "Ich habe sie nicht vorsätzlich sterben lassen, habe sie einfach liegen lassen, habe mich nicht um sie gekümmert", heißt es darin. Sie habe Angst gehabt, weil ihr Mann keine weiteren Kinder wollte. Die Angeklagte will laut Protokoll die Babys allein und ohne fremde Hilfe im stark betrunkenen Zustand zur Welt gebracht haben. Zumindest zu einem Baby erklärte sie in der Vernehmung: "Ich muss es dann irgendwie vergraben haben."

Sie soll neun ihrer Kinder zwischen 1988 und 1999 direkt nach der Geburt getötet oder nicht versorgt haben, bis sie starben. Der 40-jährigen Sabine H. wird vor dem Frankfurter Landgericht achtfacher Totschlag vorgeworfen.

Die erste Tötung eines Neugeborenen 1988 hatten die Richter bereits als verjährt nach DDR-Recht bewertet. Die Staatsanwaltschaft legt der Frau zur Last, zwischen 1992 und 1998 weitere acht Kinder gleich nach der Geburt umgebracht zu haben. Die Mutter soll im Ermittlungsverfahren erklärt haben, weil sie sich beim Einsetzen der Wehen stets betrunken habe könne sie sich nur an die beiden ersten Geburten erinnern.

Babyleichen in Blumenkübeln verscharrt

Die sterblichen Überreste der Neugeborenen waren Ende Juli 2005 in mit Erde gefüllten Blumenkästen, Eimern, Plastikwannen und einem Aquarium auf einem elterlichen Grundstück der Frau in Brieskow-Finkenheerd südlich von Frankfurt (Oder) gefunden worden. Ein Nachbar hatte zuvor bei Aufräumarbeiten Knochen entdeckt und die Polizei verständigt. Vater der toten Kinder ist der ehemalige Ehemann der Angeklagten. Weder er noch andere Bekannte und Verwandte wollen die Schwangerschaften bemerkt haben.

Keine Mordmerkmale

Der Prozess begann unter großem Interesse der Öffentlichkeit. Es handelt sich um den bisher schwersten bekannt gewordenen Fall von Kindstötungen in Deutschland. Ursprünglich sollte Sabine H., die auch vier lebende Kinder hat, wegen achtfachen Mordes angeklagt werden. Die Richter hatten die Anklage aber nicht zugelassen, weil sie das juristische Mordmerkmal der Verdeckung einer Straftat nicht erkennen konnten. Vielmehr seien Aussagen der Frau plausibel, wonach sie sich vor der wachsenden Verantwortung für die Kinder gefürchtet habe, sagte Justizsprecher Andreas Dielitz.

Die Staatsanwaltschaft hatte ermittelt, Sabine H. habe eines der Kinder in die Toilette entbunden und ein zweites erstickt. Die anderen Babys habe sie nach der Geburt nicht versorgt, hieß es. Dies könnte das Gericht als Totschlag durch Unterlassen werten. Die Angeklagte selbst hatte sich während der Ermittlungen nur zu zwei Fällen im Einzelnen geäußert. Für den Prozess sind zunächst elf Verhandlungstage geplant. Mehr als 80 Zeugen sind geladen, unter anderem der Ex-Mann Oliver H.. Der hat aber bereits angekündigt, nicht aussagen zu wollen. Der Angeklagten drohen bis zu 15 Jahre Haft.

AP/Reuters/DPA AP DPA Reuters

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker