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Bayern: Der Stammeskrieg der CSU

Armes Bayern. Nun prügeln sich gleich drei bis vier Kandidaten um das Amt des Ministerpräsidenten: Schmid, Herrmann, Goppel und Seehofer. Und dabei geht es nicht nur um deren Qualifikation, sondern auch um die Frage: Wer ist Bayer, wer Franke, wer Schwabe? Willkommen beim Stammeskrieg der CSU.

Von Sebastian Christ

Es war am Montagmorgen um halb acht, als das politische Bayern mal wieder entlang seiner Bezirksgrenzen auseinander riss. Der CSU-Verband Oberbayern traf sich zu einer Krisensitzung - nicht etwa in der Parteizentrale, sondern 30 Meter weiter, im eigenen Haus. Mit dabei: Horst Seehofer und Edmund Stoiber. Nach einer Stunde war die Sitzung vorbei, es ging weiter zur Hanns-Seidel-Stiftung, wo die übrigen Parteispitzen schon saßen und auf Seehofer warteten. Offensichtlich hatte sich die Rest-CSU bereits zu einer Durchhaltetaktik entschlossen. Doch Stoiber war um kurz vor elf der erste christsoziale Spitzenpolitiker, der Tacheles redete. "Das ist keine Watschn oder ein Denkzettel, sondern eine Zäsur in der Geschichte der CSU", polterte er auf dem Weg zur dritten Krisensitzung des Morgens. Und es wäre naiv zu denken, dass Stoiber mit diesen Worten die Null-Konsequenz-Taktik von Parteichef Erwin Huber und Ministerpräsident Günther Beckstein stützen wollte.

Drei Tage später sind wir schlauer: Die Oberbayern sind zurück. Stoibers alte Parteifeinde haben ihre Posten verloren, und der Oberbayer Seehofer ist bereits designierter CSU-Vorsitzender. "Der Stoiber hat immer das Spiel der Oberbayern gespielt. Auch dann, wenn wir nur Krach deswegen bekommen haben", faucht ein ranghohes CSU-Mitglied im Gespräch mit stern.de. Auf dem Weg zum Amt des Ministerpräsidenten hat Seehofer jedoch Konkurrenz bekommen - aus allen Landesteilen. Jeder "bayerische Stamm" mischt beim Machtpoker mit.

Einer fühlt sich immer benachteiligt

In der aktuellen Führungsdiskussion innerhalb der CSU wird klar, dass der Freistaat Bayern in Wahrheit ein Vielvölkerstaat ist. Franken, Schwaben und Bayern leben seit Jahrhunderten eher neben- als miteinander. Feindseligkeiten werden offen ausgetragen, und das nicht nur in Festzelten. Bis in die große Politik reichen die Animositäten, und es gibt kaum ein Proporzsystem, das die Neid- und Wutdebatte nach der Postenvergabe nachhaltig abbinden könnte. Irgendwer fühlt sich immer benachteiligt.

Die Franken zum Beispiel, ein sehr stolzes Völkchen, dessen Sprachraum sich bis nach Hessen, Thüringen und Baden-Württemberg erstreckt: Direkt nach dem Krieg stellten sie mit Hans Ehard und Hanns Seidel gleich zwei Ministerpräsidenten, die Bayern insgesamt mehr als ein Jahrzehnt regierten. Einschränkend dazu muss jedoch erwähnt werden, dass Seidel aus Aschaffenburg stammte - was zwar politisch gesehen zu Franken gehört, kulturell aber dem hessischen Raum näher steht. Nach dem Tod von Hanns Seidel und dem Abgang von Hans Ehard dauerte es über 40 Jahre, bis mit Günther Beckstein wieder ein Franke das Land regieren konnte. Eine Schmach. Alfons Goppel, Oberpfälzer. Franz Josef Strauß, Oberbayer. Max Streibl, Oberbayer. Edmund Stoiber, Oberbayer.

Franken-Wahlkampf

Renate Schmidt (SPD) machte sich in ihren Wahlkämpfen die vermeintliche Benachteiligung der Franken zunutze. In den Jahren 1994 und 1998 warf sie der Stoiber-Regierung vor, die Region München zu bevorzugen, während Armut und Arbeitslosigkeit in den ländlichen Gebieten Frankens stetig zunähmen. Sie erreichte 1994 mit 30 Prozent das beste SPD-Ergebnis der letzten 25 Jahre in Bayern.

Ein aktuelles Beispiel ist die Debatte um die Kleiderwahl von Marga Beckstein auf dem Oktoberfest. Der Münchner Boulevard forderte von der Fränkin, dass sie bei der Eröffnung der Wiesn ein Dirndl zu tragen habe. Oberbayerische Tracht also. Doch die Gattin des Ministerpräsidenten leistete bei dem Gedanken, sich als Oberbayerin verkleiden zu müssen, ausdauernden Widerstand. Nach der Wahl mutmaßte man bei der CSU im Maximilianeum, dass dieser Streit wohl einige Promille, wenn nicht gar ein oder zwei Prozent gekostet haben dürfte. Was natürlich völliger Unsinn ist, weil Marga Beckstein dafür im Gegenzug bei den Franken ordentlich gepunktet haben dürfte - sie stellen immerhin knapp ein Drittel der Bevölkerung im Freistaat.

Böse Witze

Franken und Bayern: Es kursieren bösartige Witze über die jeweils anderen. Zwischen Donau und Alpenrand erzählt man sich: "Die Bayern und die Schwaben/ schissen in den Graben/ Und aus dem Gestank/ entstieg der Frank." Andersherum fragt man weiter nördlich: "Wie Bayern entstanden ist? Als Hannibal die Alpen überquert hatte, befahl er: 'Fuß- und Geschlechtskranke, links raus!'"

Auch die politische Feindschaft zwischen Bayern und Schwaben ist legendär. Theo Waigel (Schwabe) war elf Jahre lang CSU-Vorsitzender. Als solcher wollte er 1993 auch die Nachfolge des glücklosen Max Streibl als bayerischer Ministerpräsident antreten. Doch stattdessen setzte sich Edmund Stoiber durch - und fortan ist keiner von Waigels schwäbischen Gefolgsleuten je wieder in den Genuss von höheren Weihen innerhalb der bayerischen Landespolitik gekommen.

Stoibers Sturz indes wurde maßgeblich durch die Fürther Landrätin Gabriele Pauli eingefädelt - eine Fränkin. Zwar waren auch die Oberbayern immer unzufriedener mit der Regierungsarbeit von Stoiber, doch die enge Bande aus landsmannschaftlicher Verbundenheit, persönlicher Loyalität und gemeinsamer Bezirksverbandsangehörigkeit trug einen wesentlichen Teil dazu bei, dass der Aufruhr zwischen Eichstädt und Inzell ausblieb. Erst, nachdem die Pauli-Diskussion den Ministerpräsidenten schon beschädigt hatte, wagten sich führende CSUler - mit Erwin Huber war sogar ein Niederbayer dabei - an Stoibers Stuhl zu sägen. Nutznießer war schließlich der Franke Beckstein.

Und so schließt sich der Kreis: Mit Horst Seehofer (Ingolstadt) steht bald wohl wieder ein Oberbayer an der Spitze der CSU. Und auch nach dem Amt des Ministerpräsidenten im Freistaat griff er eilig und ohne Umscheife. Aber halt! Schon nach einigen Stunden standen seine Mitbewerber fest: Georg Schmid (Schwabe), Thomas Goppel (gebürtiger Aschaffenburger, aber in Oberbayern politisch sozialisiert) sowie Joachim Herrmann (Franke). Seitdem gilt Seehofer nur noch als "Reservekandidat". Willkommen beim Stammeskrieg in Bayern.