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Berlin vertraulich!: Altkanzler überrascht mit Milde

Als Helmut Kohl nun mit dem dritten Band seiner Memoiren die eigene Sicht seiner Kanzlerschaft präsentierte, interessierte eigentlich eine ganz andere Sache: Was würde er zu Wolfgang Thierse sagen? Gesagt hatte der Altkanzler auch etwas, nur nicht das, was sich die Anwesenden erhofft hatten.

Von Hans Peter Schütz

Buchvorstellung I. Für Historiker dürfte der vergangenen Freitag vorgestellte dritte Band der Memoiren Helmut Kohls keine sehr zuverlässige zeitgeschichtliche Quelle sein. Wie schon in den früheren Bänden biegt sich der Altkanzler sein Wirken zurecht, bis es ins politische Bild seiner selbst passt. Immerhin, stellenweise erheitert die arg dröge Lektüre wenigstens. Etwa dort, wo der Altkanzler über die rundum unsympathische Maggie Thatcher schreibt (besser: schreiben lässt). Kohl: "Sie redete in einer unglaublichen Geschwindigkeit und ließ mich kaum zu Wort kommen. Nahm ich mir trotzdem das Wort, fuhr sie regelmäßig dazwischen: 'Unterbrechen Sie mich nicht.'" Kein Wunder, dass Kohl, der sich ungern auch noch von einer Frau das Wort nehmen ließ, bei einem Besuch von Maggie in seinem Urlaub am Wolfgangsee schon nach einer Stunde das Weite suchte, Termine vorschützte und in ein Kaffeehaus flüchtete.

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Was die Beziehung zu Willy Brandt betrifft, kann Kohl sie nicht innig genug schildern. Beim letzten Besuch bei dem schon vom Tod gezeichneten Willy Brandt, habe sich der SPD-Patriarch extra für ihn aus dem Bett gequält. Auf die Frage Kohls, weshalb er sich denn das antue, habe Brandt geantwortet: "Wenn ein Bundeskanzler kommt, bleibe ich nicht im Bett liegen." Einige Sozialdemokraten erinnern dagegen eine ganz andere Szene. Als Brandts Frau Brigitte Seebacher einmal mit Kohl telefoniert habe, "hat Willy einem Besucher ins Ohr geflüstert: 'Reaktionäre unter sich.'"

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Die Buchvorstellung war aus Sicht einiger CDU-Eiferer um Kohl und in der Berliner Journaille eigentlich als Veranstaltung geplant gewesen, um Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse den "Blattschuss" zu verpassen. Vorsorglich hatte die CDU bei Journalisten die Frage an Kohl bestellt, was er denn nun über Thierses Kommentar zum Tod von Hannelore Kohl ("Seine Frau im Dunkeln in Ludwigshafen sitzen zu lassen, wie Helmut Kohl es gemacht hat, ist kein Ideal") denke. Zur Verblüffung des Fragestellers gab sich Kohl milde und antwortete: "Ich nehme diese Entschuldigung an." Was in diesem Augenblick den Akteuren noch nicht bekannt gewesen war: Dass Thierse erneut in einem Brief an Kohl "ausdrücklich" um Entschuldigung gebeten hatte.

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Buchvorstellung II. Wer gewinnt die Bundestagswahl 2009? Für Gerd Langguth ein klarer Fall: "Angela Merkel wird wiedergewählt. Und nicht aus Gründen der Schwäche der SPD. Die Wähler kennen die Kanzlerin jetzt und sind angenehm von ihr überrascht." Die Prognose des Bonner Politologie-Professors hat Gewicht, denn Langguth hat 2005 die bislang beste Merkel-Biografie verfasst. Nach zwei Merkel-Jahren im Kanzleramt hat er jetzt eine aktualisierte Fassung (dtv-Verlag) nachgeschoben. Eine Kernthese lautet: "Angela Merkel wurde Kanzlerin, weil sie wie kaum ein anderer Politiker die Chance des Augenblicks erkennt und für seine Realisierung jedes Risiko eingeht." Eine "Virtuosin des eigenen Machterhalts" nennt Langguth sie. Die Hoffnung der SPD, sie mit Fragen der Sachpolitik künftig besser attackieren zu können, werde sich nicht erfüllen, sagt der Wissenschaftler. "An ihrem präsidialen Stil werden alle Angriffe der SPD abprallen."

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Dass Politiker ein dehnbares Verhältnis zur Wahrheit haben, wissen wir. Dies besonders dann, wenn sie gefragt werden, was sie so anrichten. Am eigenen Herd zumal. Das gilt natürlich auch für das Kochbuch mit den Lieblingsgerichten von Politikern, das jetzt Alfred Biolek für einen guten Zweck heraus gebracht hat. Gut kochen scheinen fast alle der befragten Abgeordneten zu können. Etwa Bauernminister Horst Seehofer, der sich der Zubereitung einer "Altmühltaler Weidelammkeule mit Pflaumenfüllung" rühmt, dazu Röstkartoffeln, natürlich mit grobem Meersalz bestreut. Nicht so kulinarisch begabt kommt uns dagegen Eberhard Gienger. Der CDU-Abgeordnete und frühere Reckweltmeister gibt zu: "Mir würde selbst das Wasser beim Kochen anbrennen." Dafür jedoch sei er ein "fantastischer Esser." Wenn es ihm einer kocht, dann isst er am liebsten Rahmschnitzel nach dem Rezept seiner Oma Rohn. Ehrlich isst am besten!

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Vorgängerin Emilia Müller, bis vor kurzem Bundesratsministerin Bayerns in Berlin machte ihren Job diskret und bescheiden. Ihr Nachfolger Markus Söder kommt eindeutig breitspuriger daher. So lud diese Woche "Der neue Bayerische Staatsminister für Bundes- und Europaangelegenheiten und Bevollmächtigte des Freistaats Bayern beim Bund" mit vollem Amtstitel zum offiziellen Antrittsempfang in die Berliner Bayern-Vertretung. Bayerns SPD-Landesgruppenchef Florian Pronold spöttelte: "Söder kommt 136 Jahre zu spät. Bayern ist seit 1871 nicht mehr für die Außenpolitik zuständig. Söder ist also kein Außenminister, sondern nur Hubers Kofferträger in Berlin."

  • Hans Peter Schütz