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Berlin vertraulich!: Fürstliches Fest für den Sparminister

Wolfgang Schäuble wird 70 - und wird von der Polit-Prominenz gefeiert. Doch die Krankheit seines Bruders überschattet das Fest. Der liegt im Wachkoma in der Klinik, in der Schäuble selbst einst war.

Von Hans Peter Schütz

Berlin steht vor einem bislang einmaligen polit-kulturellen Ereignis: Volker Kauder, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion lädt am 26. September ins Deutsche Theater zu einer Geburtstagfeier mit Empfang ein. Begangen wird dort der 70. Geburtstag von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Was in der Polit-Szene auch nur einigermaßen Rang und Namen hat, wird sich einfinden. Die Geburtstagsrede hält, natürlich, Kanzlerin Angela Merkel. Was sonst geboten wird, ist streng geheim, selbst dem Geburtstagkind hat Kauder die Details bisher verschwiegen. Sicher ist, dass dem Theater und Opernfan Schäuble eine große Show geboten wird. Kauder: "Es wird ein Geburtstagsfest, wie es noch nie eines für einen Politiker gegeben hat. Die Überraschung wird, auch für Schäuble, perfekt sein." Ulrich Khuon, derzeit Intendant am Deutschen Theater in Berlin, ein geborener Stuttgarter, war sofort bereit, die Anfrage Kauders nach einem Superabend für Schäuble aufzunehmen. Der frühere Intendant am Stadttheater Konstanz (bis 1993) verspricht Schäuble ein "extensives Kulturprogramm" – aber vorerst ist alles "streng geheim" (Kauder).

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Die Geburtstagsfeier für den Mann, der die Hälfte seines Lebens im Rollstuhl verbringen musste, verdunkelt leider eine weitere familiäre Tragödie: In derselben Klinik in Langensteinbach nahe Karlsruhe, wo Wolfgang Schäuble vor mehr als 20 Jahren das mühsame Leben im Rollstuhl nach dem Attentat eines Geisteskranken auf ihn lernen musste, liegt jetzt sein Bruder Thomas im Wachkoma, wird über eine Magensonde ernährt und jeden Tag in den Rollstuhl gesetzt. Dort sitzt er mit offenen Augen, aber zeigt keinerlei Reaktionen, an denen man erkennen könnte, dass er seine Familie, die ihn besucht, und die Umgebung wahrnimmt.

Die Folgen des Herzinfarkts, den Thomas Schäuble vor etwa acht Wochen bei einer Wanderung im Schwarzwald erlitten hat, lassen sich noch immer nicht medizinisch abschätzen. Zu irgendeiner Bewegung oder einem Signal mit den Augen ist er bisher nicht in der Lage. Die Ärzte befürchten, dass die Sauerstoffunterversorgung seines Gehirns zu lange gedauert hat und zu viele Hirnzellen durch Sauerstoffmangel zerstört worden sind. Denn erste ärztliche Versorgung konnte erst etwa eine halbe Stunde nach dem Infarkt erfolgen.

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Im Umfeld seines 70. Geburtstages muss Schäuble noch eine für ihn persönlich sehr schwierige politische Entscheidung treffen. Ab dem 11. Oktober bietet die Post eine 55-Cent-Marke mit dem Konterfei Helmut Kohls an. Wird Schäuble die Kohl-Marke persönlich präsentieren, wie dies die Bundesfinanzminister bei Sondermarken in der Vergangenheit in der Regel getan haben? Die Junge Union, die den Ehrenmarken-Beschluss auf einem CDU-Parteitag durchgesetzt hatte, nennt die Briefmarke eine "wunderbare Geste des Respekts" gegenüber Kohl. Ihr Vorsitzender, Philipp Mißfelder, ist der Meinung, Kohl habe sie durch seinen "nimmermüden Einsatz für Frieden und Freiheit" verdient.

Ob Schäuble das auch so sieht, ist offen. Der letzte Satz, den er Helmut Kohl persönlich zuwandte, lautete: "Ich habe in meinem Leben schon zu viel meiner knapp bemessenen Lebenszeit mit dir verbracht. Es wir keine Minute mehr geben." Da die CDU und ihre Kanzlerin dieser Tage mit Blick auf den bevorstehenden Bundestagswahlkampf gerade ihre zuletzt sehr schwächelnde Liebe zu Kohl wieder neu entdeckt haben und Angela Merkel ihn mit einem großen Festakt der Konrad-Adenauer-Stiftung am 27. September zu Ehren gedenkt, muss Schäuble genau überlegen, ob er bei der Briefmarkenaktion aus Gründen der Parteiräson mitmacht.

Er hat schließlich einmal stern.de gesagt: "Mit Helmut Kohl macht das keinen Sinn mehr." Also keine persönliche Briefmarken-Ehrung? Aber Schäuble hat auch hinzugefügt: "Deswegen, wenn ich ihn sehe, sind wir freundlich zueinander." Helmut Kohl sagt er, ist "krank". Deshalb empfinde er keinen Groll mehr gegen ihn. Also doch Briefmarken-Ehrung?

Hans Peter Schütz