HOME

Berlin vertraulich!: Fußball macht Spaß, zeugen auch

Unter der Dusche gibt es keine Parteien, deswegen schafft es Vertrauen, wenn Abgeordnete beim FC Bundestag spielen, dem Fußballteam des Parlaments. Nur Renate Schmidt und Ursula von der Leyen können auf solche Männerrituale verzichten.

Von Hans Peter Schütz

Die von SPD-Fraktionschef Peter Struck angedrohte Strafaktion hat nun doch nicht stattgefunden. Die Genossen, die trotz hohem innerparteilichen Druck bei der Gesundheitsreform im Parlament nicht zugestimmt haben, werden nicht aus dem zuständigen Ausschuss abgewählt. Ob da Struck im Blick voraus auf kommende Kampfabstimmungen - Unternehmensteuerreform, Rente 67, Pflegereform - nicht den Mund ein bisschen zu voll genommen hat, als er mit Sanktionen drohte?

Selbst im Umgang mit dem scharfzüngigsten und sachkundigsten Kritiker, dem Kölner Abgeordneten Professor Dr. Karl Lauterbach, gibt sich "Strucki" neuerdings wieder jovial. Als fraktionsintern noch einmal über die mangelnde Geschlossenheit der Fraktion diskutiert wurde, setzte Struck zwar Lauterbach ganz ans Ende der Rednerliste, korrigierte sich aber dann schnell: "Das geht nicht, sonst heißt es, Lauterbach hatte das letzte Wort." Lauterbach kommentierte laut: "Lauterbach verzichtet aufs letzte Wort." Das stimmte den Fraktionsboss versöhnlich: "Ach, Karl, eigentlich bist Du ja doch ganz in Ordnung." Das allerdings ging dem Mann, der fast immer die bei Genossen eher verpönte Fliege trägt, dann doch zu weit. "Sag das nicht draußen," bat er, "das könnte mir schaden." Und selbstbewusst bis ins Mark, wie der Professor nun einmal ist, spottete er später: "Nach mir sprach nur einer, der zwar Stimme, aber kein Wort hatte."

*

Glaube keiner, dass Lauterbach künftig pflegeleichter in der Fraktion zu händeln sein wird. Als der Mann mit der schon im Normalfall sehr eigenartigen Frisur vergangene Woche mit einem noch wilderen Haarschopf daherkam, amüsierten sich Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, der Parlamentarische Geschäftsführer Olaf Scholz und Arbeitsminister Franz Müntefering köstlich. Vielleicht solle er doch mal den Friseur wechseln, lästerte das Trio. Gegen seinen Friseur werde er jeden Prozess gewinnen, riet ihm Müntefering. Lauterbach gab zurück: "So lange ihr nicht verhindert, dass der nur drei Euro die Stunde bekommt, ganz bestimmt nicht." Eine sehr politische Antwort. Lauterbach plant nicht im geringsten, künftig politisch mehr Ruhe in der SPD zu geben. Im Gegenteil. Er scheint jetzt seine Partei rundum aufmischen zu wollen. So arbeitet er intensiv daran, in die Arbeitsgruppe der SPD-Fraktion gewählt zu werden, die Münteferings Projekt der Rente mit 67 begleiten wird. Man kann darauf wetten, dass Lauterbach dort erneut sehr unbequem sein wird. Denn er hält die Rente 67 wie viele Genossen für "ein gigantisches Eigentor."

*

Man muss auch überparteilich gönnen können. Daher freut sich die frühere Familienministerin Renate Schmidt herzlich über den Beifall für die Politik ihrer Nachfolgerin Ursula von der Leyen, zumal er bei der SPD herzlicher ausfällt als bei den Konservativen in der Union. Für Schmidt hat die heutige Familienpolitik zwei Mütter: "Die eine heißt Renate Schmidt und war bei der Zeugung dabei. Die andere heißt Ursula von der Leyen und ist bei der Geburt dabei." Sozusagen ein politisches Patchwork-Kind. Wegen des Gemoseres vieler Familienpolitiker der CDU/CSU fügt Schmidt eine aus der Praxis gegriffene Weisheit hinzu: "Es ist halt wie im Leben - der Zeugungsvorgang hat sehr viel mehr Spaß gemacht als die Geburt."

*

Unter der Dusche trägt keiner ein Parteibuch. Die Rede ist hier nicht von einem erotischen Saunaclub, sondern vom FC Bundestag, der dieser Tage seinen 40. Geburtstag feierte. Dem Parlamentsteam gehörten schon so berühmte Kicker an wie Gerhard Schröder, genannt Acker, weil er als Mittelstürmer (als was sonst!) sich wie ein Schwarzkittel durch den Strafraum pflügte, oder Theo Waigel und Joschka Fischer, damals auch schon mit Bauch und daher schwer zu umspielen. Zum aktuellen Team, das immer am Dienstag mit dem Bundesadler auf der Brust in Sitzungswochen spielt, gehört der Münchner SPD-Abgeordnete Axel Berg, der die gemeinsamen Kicks schätzt, weil sich dabei gemeinsames Vertrauen mit dem politischen Gegner bildet. "Und wenn man mal mit den Kollegen verschwitzt unter der Dusche stand, geht man einfach besser miteinander um, als wenn sich nur im Anzug mit Akten unterm Arm begegnet."

*

Mannschaftskapitän ist übrigens ein Schwabe, der Göppinger CDU-Abgeordnete Klaus Riegert. Gegen ihn sind Ex-Bomber Gert Müller oder ein Michael Ballack kleine Lichter. Denn Riegert hat in 221 Spielen mit der Bundestagself sage und schreibe 241 Tore geschossen. Weil der ehemalige Kriminaloberkommissar seiner Frau nicht auch noch Abwesenheit am Wochenende zumuten wollte, gab er vor Jahren den Fußball auf und wandte sich der Politik zu. Jetzt ist er wiederum am Wochenende unterwegs, statt auf dem Fußballplatz in der Partei. Weiterkicken wird er dennoch, "auch wenn ich mit meinen nun schon 48 Jahren nicht mehr jedem Gegner folgen kann."