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Berlin vertraulich!: Schäuble und Goethe

Was haben Goethes Faust und die Finanzpolitik miteinander zu tun? Einiges. Und zwar deshalb, weil sich Wolfgang Schäuble dafür interessiert.

Von Hans Peter Schütz

Dass "Stresstest" zum "Wort des Jahres" gewählt worden ist, weiß inzwischen fast jeder. Auf den Fluren des Bundestags jedoch kursiert die wesentlich schwierigere Frage nach dem politischen Zitat des Jahres. Kenner, vor allem solche mit SPD-Parteibuch, nominieren gerne diesen Ausspruch: "Ich leide physisch darunter, dass wir keinen unbefangenen Bundespräsidenten haben." Das sagte Christian Wulff im Jahr 2000 auf die Frage, was er von den umstrittenen Privatflügen des damaligen SPD-Bundespräsidenten Johannes Rau halte.

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In seiner Weihnachtsansprache hat der Bundespräsident über seine persönlichen Angelegenheiten und seine engen Beziehungen zu diversen Unternehmern geschwiegen. Aber die wichtigste Erkenntnis hat er ja auch schon vor mehr als zehn Jahren formuliert. Damals kritisierte er seinen SPD-Vorgänger im Amt des niedersächsischen Ministerpräsidenten, Gerhard Glogowski, weil der sich seine Hochzeitsfeier von Unternehmern hatte sponsern lassen. O-Ton Wulff: "Es darf gar nicht erst zur Korruption kommen, sondern es muss der Anschein der Korrumpierbarkeit, von Abhängigkeiten, von Sponsering von Politik und Politikern vermieden werden."

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Von der Kanzlerin ist nicht bekannt, dass sie jemals im Urlaub in einer Unternehmer-Villa übernachtet hätte. Sie zieht es in aller Regel nach Südtirol, nach Sulden am Fuße des Ortlers. Dort nächtigt sie gerne im Vier-Sterne-Hotel "Marlet". Die Übernachtung kostet pro Kopf zwischen 70 und 110 Euro, ist also beim Brutto-Jahreseinkommen der Kanzlerin von rund 220.000 Euro locker finanzierbar. Gleichwohl läuft auch bei Merkel nicht jeder Urlaub glatt. Ostern 2006, beim Strandurlaub auf Ischia, wechselte sie nach einer Schwimmrunde hinter einem vorgehaltenen Handtuch den Badeanzug. Ein Paparazzo nutzte die Chance für indiskrete Schnappschüsse. Und ein britisches Revolverblatt druckte die Rückenansicht Angela Merkels auch tatsächlich. Wie man sieht ist es auch dann nicht ohne Risiko, wenn man sich als Spitzenpolitiker so verhält wie Otto Normalverbraucher.

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Selbst für Experten ist es nicht immer leicht, die fiskalpolitischen Strategien von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble auf Anhieb zu verstehen. Sein Bruder Thomas hat nun einen launigen Hinweis darauf gegeben, warum das so sein könnte: Es liege an der einschlägigen Fachliteratur, die Schäuble mit großem Eifer studiere. Schäubles Lieblingslektüre sei seit einiger Zeit "Geld und Magie", geschrieben von Hans Christoph Binswanger, früher Professor für Volkswirtschaft an der schweizerischen Universität St. Gallen. Das Buch beschäftigt sich mit der ökonomischen Deutung von Goethes Faust und kommt zu der Erkenntnis, dass Goethe, am Weimarer Hof immerhin für Wirtschaftsfragen zuständiger Minister, in seinem Hauptwerk das Prinzip moderner Wirtschaft bereits hervorragend beschrieben habe. Er erkläre moderne Wirtschaft als alchemistischen Prozess: als Suche nach dem künstlichen Gold mit anderen, modernen Mitteln. Wo Goethe Faust sagen lässt "Herrschaft gewinn ich. Eigentum!" und dann hinzufügt "Die Tat ist alles", erklärt er laut Binswanger die "moderne Wirtschaft ausdrücklich als Fortsetzung des Schöpfungsprozesses, hatte er doch in der Osterszene im Faust 1 geschrieben ‘Im Anfang war die Tat‘." Thomas Schäuble warnt: "Manche Seiten muss man zweimal lesen, ehe man sie versteht."