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Bildungsstreik: Heißer Herbst an Deutschlands Unis

Die Wut über Studiengebühren und eine vermurkste Bachelor-Reform treibt sie auf die Straße: 50.000 Studenten und Schüler protestierten bundesweit gegen das Bildungssystem. Und ihr Streik zeigt Wirkung.

Von Massimo Bognanni, Köln

Sie sind mit einer langen Eisenkette aneinander gefesselt: Die sechs jungen Frauen in den weißen Overalls stapfen im Gleichschritt durch den Laubmatsch. Vor ihnen steht ein Mann im schwarzen Anzug. Er gibt mit einem Schlagstock den Takt vor. Die Szene auf dem Bildungsstreik in Köln soll die Situation der Studenten symbolisieren: Sie fühlen sich gefesselt, gefangen, gefoltert. "Wir sind Bachelor-Sklaven. Das neue System gibt uns kein Mitspracherecht und auch keine Wahlmöglichkeiten. Entweder wir entsprechen dem System oder wir gehen unter", sagt die 24-jährige Sonja Korte, die Erziehungswissenschaft an der Universität Köln studiert.

Der heiße Herbst, er hat in Köln an diesem Morgen mit nasskaltem Wetter und einer Gruppe von rund 300 Protestlern begonnen. Vorerst. Im Laufe des Tages schwillt die Demonstration auf 5000 Menschen an. Der Kölner Protestmarsch ist Teil eines bundesweiten Bildungsstreiks - für bessere Lernbedingungen an Universitäten und Schulen.

Massendemos in ganz Deutschland

Mit ihren gelben T-Shirts stehen die Organisatoren des Streiks auf dem Albertus-Magnus-Platz vor der Universität, ein paar Meter entfernt schwenken Anhänger der Linkspartei ihre roten Fahnen. "Leute, kommt aus den Hörsälen - heute ist bei den Vorlesungen keine Anwesenheitspflicht", brüllt der Asta-Vorsitzende, Christian Poell, vom Streikwagen. Die Nachricht spricht sich rum, immer mehr Studenten schließen sich an - normalerweise herrscht bei vielen Vorlesungen Anwesenheitspflicht.

Rund 5000 Schüler und Studenten strömen schließlich in einem langen Protestzug Richtung Hauptbahnhof. Schrille Trillerpfeifen und rhythmische Trommelklänge begleiten den Marsch. "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut", rufen die Demonstranten. Auf dem Weg in die Innenstadt stürmen die Protestler immer wieder Schulen. Am Humboldt-Gymnasium feiert die Menge Schüler, die über den Schulhofzaun klettern und sich der Menge anschließen. Die Stimmung heizt sich auf. "Bildung für alle, sonst gibt's Krawalle", skandieren die Protestler jetzt. Autos werden durchgerüttelt.

Rund 50.000 Studenten, Schüler und Auszubildende nahmen nach Angaben des Netzwerks Bildungsstreik an den Protesten teil. Demnach gingen in Berlin etwa 12.000 Demonstranten auf die Straße, in München weitere 10.000. Die bundesweite Aktion ist der bisherige Höhepunkt des studentischen Widerstandes. Bereits in den vergangenen Wochen hatten Studenten Hörsäle an Universitäten besetzt.

Bologna-Prozess ist "eine Katastrophe"

Im Zentrum der Kritik stehen die Folgen der sogenannten Bologna-Reform. Vor zehn Jahren hatten 30 europäische Staaten mit der Bologna-Erklärung die Einrichtung eines gemeinsamen Hochschulraums beschlossen. In allen teilnehmenden Staaten sollten die internationalen Abschlüsse Bachelor und Master eingeführt werden. "Die Idee von Bologna ist eigentlich nicht verkehrt - denn durch die Reform soll das Studium in kleinere Etappen geteilt werden. Die Umsetzung ist allerdings eine Katastrophe", sagt der Kölner Demonstrant Sebastian Trampnau, der sich auch im Studentenparlament der Fachhochschule engagiert.

Ähnlich sehen es die Fremdsprachenstudentinnen Vanessa Müller, 20, und Madeleine Mewis, 22. Ihre Vorlesung an der Fachhochschule ließen sie für den Bildungsstreik sausen. "Wir müssen heute den gleichen Stoff in drei Jahren studieren, für den die Kommilitonen früher noch vier Jahre Zeit hatten. Das ist ein enormer Druck", sagt Vanessa Müller. Außerdem sei der Bachelor bei den Arbeitgebern längst nicht so angesehen, wie die früheren Diplom- oder Magisterabschlüsse. "Wir reißen uns den Arsch auf - und am Ende will uns keiner haben", sagt die Studentin.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Politik und Hochschulen, Bund und Länder - sie alle schieben sich gegenseitig die Schuld an der Misere zu

Studiengebühren werden falsch investiert

Für großen Unmut in Köln sorgen auch die 500 Euro Studiengebühren, die jedes Semester erhoben werden. "So, wie die Universität mit den Studiengebühren bislang umgeht, kann es nicht weitergehen. Trotz der hohen Gebühren, spüren wir kaum eine Verbesserung in der Lehre", sagt der Demonstrant Robert Täubl. Der 23-Jährige studiert im fünften Semester Ingenieurswissenschaften und engagiert sich in der Fachschaft. "Von dem Geld sollten zusätzliche Professorenstellen geschaffen und nicht ein Fitnessstudio gebaut werden, so wie es die Uni Köln gemacht hat", sagt Täubl.

Die Proteste zeigen Wirkung. Die Wut der Studenten sei berechtigt, die Proteste richtig, heißt es von der Bundesregierung. "Es gibt Anliegen, die kann ich gut verstehen", sagt Bildungsministerin Annette Schavan (CDU). Die Kultusministerkonferenz, die Hochschulrektorenkonferenz, der Hochschulverband - auch sie stellen sich hinter die Studentenschaft. Doch die Verantwortung für die Lage an den Hochschulen will niemand so recht übernehmen: Bund, Länder und Hochschulen waren an der Bologna-Reform und Einführung der Studiengebühren beteiligt - und schieben sich die Verantwortung nun gegenseitig zu. So sagte Schavan in einem Interview mit der "Berliner Zeitung", dass jetzt das Gespräch mit den Ländern nötig sei, um zu sehen, wo es hapert. Die Bundesländer wiederum verweisen auf die Hochschulen. Der Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Henry Tesch (CDU), kritisierte die Hochschulleitungen wegen mangelnder Flexibilität und verlangte von den Hochschulrektoren, auf die Forderungen einzugehen. Denn die Universitäten verfügten heute über finanzielle Freiheiten, "wie sie in der Geschichte Deutschlands noch nie so ausgeprägt waren."

Und als wäre noch nicht genügend Schuld zugewiesen worden: Für die Hochschulvertreter sind - welch Überraschung - die Politiker die Verantwortlichen. "Es gibt unbestritten an etlichen Stellen Nachbesserungsbedarf bei der Studienreform", sagt die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Margret Wintermantel. Ihre Organisation vertritt die 256 deutschen Hochschulen. Der Protest der Studenten sei ein Indikator dafür, "dass politisches Handeln gefordert ist".

Der Streik geht weiter

"Alles hohle Phrasen", meint Anna Krause von der Arbeitsgruppe "Bundesweiter Bildungsstreik". "Bund, Länder und Hochschulrektoren schieben sich gegenseitig die Verantwortung der Bildungsmisere zu", sagt sie. Nach dem Willen der Studenten sollen die Proteste deshalb weitergehen: Für die Zeit vom 30. November bis zum 6. Dezember planen sie eine Aktionswoche.

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