BND-Bespitzelung "Ich war geschockt"


Der Journalist Wolfgang Krach hat für den stern einige heiße Eisen angepackt, Mitte der neunziger Jahre zum Beispiel den Plutonium-Schmuggel des BND. Nun stellte sich heraus: Er wurde während seiner Recherchen observiert - vom BND.
Von Lutz Kinkel

Eigentlich wollte sich der Bundesnachrichtendienst (BND) endlich mal wieder feiern lassen: Am Donnerstag war das 50. Jubiläum des Dienstes und Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte auf einem Festakt im Deutschen Historischen Museum die Bedeutung des BND für die Sicherheit der Bundesrepublik. Doch die Sektlaune hielt nicht lange an. Am Freitag schrieb die "Süddeutsche Zeitung" (SZ), der Sonderermittler Gerhard Schäfer, ehemals Vorsitzender des Bundesgerichtshofs, habe dem Parlamentarischen Kontrollgremium (PKG) einen 170-Seiten-Bericht vorgelegt, der nachweise, dass der BND in den vergangenen 15 Jahren im großen Stil widerrechtlich Journalisten bespitzeln ließ. Dem Bericht zufolge schnüffelten die Agenten zum Teil auch das Privatleben ihrer Opfer aus - die Stasi lässt grüßen.

Einer der Journalisten, die ausspioniert wurden, ist Wolfgang Krach. Der 42-Jährige war von 1993 bis 1997 Politikredakteur des stern, dann wechselte er zum Spiegel, seit 2003 ist er geschäftsführender Redakteur der "Süddeutschen Zeitung". Krach begleitete für den stern die sogenannte Plutonium-Affäre, einen der größten Skandale des BND: 1995 versuchte der Dienst mit einem Scheingeschäft nachzuweisen, dass weltweit mit waffenfähigem Plutonium gehandelt werde. Doch damit nicht genug: Krach beschrieb in seinem Artikel "Schlappe für die Schlapphüte", dass der BND auch einen Kokain-Deal einfädeln wollte, mit dessen "Aufdeckung" sich das bayerische Landeskriminalamt hätte profilieren können.

Bei seinen Recherchen wurde Krach damals beobachtet. "Ich bin nach den Ermittlungen des Sonderermittlers Schäfer mindestens an zwei Tagen observiert worden, am 30. Januar 1996 und am 2. Februar 1996. An beiden Tagen, das habe ich mittlerweile rekonstruiert, habe ich mich mit Erich Schmidt-Eenboom im Institut für Friedensforschung in Weilheim getroffen", sagt Krach im Gespräch mit stern.de. Ob der BND ihm darüber hinaus noch nachspioniert hat, ist unklar, aber Krach hat eine begründete Vermutung: "Es ist mir rätselhaft, wie der BND meine Identität festgestellt hat. Sie wußten ja nichts über mich, haben offenbar ein Foto oder eine Videoaufnahme gemacht, als ich das Büro von Schmidt-Eenboom in Weilheim betreten oder verlassen habe. Aber um mich zu indentifizieren, müssen sie mich über Weilheim hinaus observiert haben, mir nachgefahren sein, um festzustellen, wo ich arbeite oder wohne, damit sie erfahren konnten, wer ich bin."

"Nie informiert"

Krach sagt, dass er damals von der Bespitzelung nichts gemerkt habe. Bis zum Donnerstagnachmittag, als in der SZ Schäfers Bericht bekannt wurde, sei er "völlig ahnungslos" gewesen. "Im ersten Moment war ich geschockt", sagt Krach. Dann rekonstruierte er in der Nacht zum Freitag, was er an den fraglichen Tagen getan hatte. "Es spricht viel dafür, dass es beim BND mehr als zwei Blatt Papier über mich gibt", so Krach - diese Unterlagen will er einsehen.

So wie Krach werden vermutlich einige Journalisten reagieren. Der Schäfer-Bericht belegt laut SZ nicht nur, dass der BND bis 2005 Journalisten bespitzeln ließ, darunter Mitarbeiter von stern, Spiegel, Focus und Südwest-Presse, sondern dass der Dienst sich auch so etwas wie "informelle Mitarbeiter" gehalten hat: Journalisten, die Geld dafür bekamen, dass sie über andere Journalisten Informationen lieferten. Schäfer bewertet diese Vorgänge dem SZ-Artikel zufolge als "unverhältnismäßig" und "eindeutig rechtswidrig" - es handele sich um einen eklatanten "Eingriff in die Pressefreiheit". Unterdessen hat auch Focus-Chefredakteur Helmut Markwort eine Strafanzeige gegen den BND angekündigt.

"Handfester Regierungsskandal"

Die Bundesregierung weist bislang jede Verantwortung für die Bespitzelung von sich. "Die Bundesregierung will solche unehrenhaften Infiltrationen nicht und wird gegen sie, wenn es sie gegeben hat, auch vorgehen", sagte Regierungssprecher Thomas Steg am Freitag in Berlin. Welche Konsequenzen daraus gezogen werden könnten, ließ Steg jedoch offen. Der Verband deutscher Zeitschriftenverleger und die Gewerkschaft Deutsche-Journalisten-Union protestierten gegen die Bespitzelung, FDP-Chef Westerwelle sprach von einem "handfesten Regierungsskandal". Die Vorgänge zeigten, wie notwendig eine parlamentarische Kontrolle der Geheimdienste sei.

Der BND hält sich einstweilen bedeckt - angeblich liegt der Schäfer-Bericht dem Dienst noch nicht vor. BND-Sprecher Stefan Borchert verwies jedoch darauf, dass bereits bekannt sei, dass der Publizist und Friedensforscher Erich Schmidt-Eenboom von 1993 bis 1996 observiert worden sei, um einen Informanten aus den eigenen Reihen zu enttarnen. Dabei seien auch mehrere Journalisten ins Visier des Dienstes geraten seien. Die BND-Spitze habe sich schon im vergangenen Herbst bei den betroffenen Journalisten entschuldigt.

So richtig gründlich scheint der BND dabei nicht vorgegangen zu sein. "Ich bin vom BND nie über die damalige Überwachungsaktion informiert worden", sagt Wolfgang Krach. "Es hat sich bisher auch niemand bei mir dafür entschuldigt."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker