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Bürgermeisterwahl in Bayern: Ein Rasta-Mann zwingt die CSU in die Knie

Bekommt das bayerische Städtchen Schongau einen 27-jährigen Bürgermeister mit Dreadlocks und einem Faible für Bier, der sich gerne in Unterhose ablichtet? Die Chancen für Tobias Kalbitzer stehen gut.

Wird ein öffentlich in Unterhosen auftretender Bürgerschreck mit Dreadlocks ausgerechnet in der Stadt Bürgermeister, in der Franz Josef Strauß seine politische Karriere begann? Was manchem in der CSU Angst einjagt, könnte schon bald Realität sein. Der 27-jährige Tobias Kalbitzer geht in Schongau aussichtsreich für die "Alternative Liste Schongau" in die Stichwahl am 30. März - die CSU-Konkurrenz hat er schon ausgestochen.

"Ich polarisiere wie Sau", sagt der 27-jährige Kalbitzer lachend über seinen Einzug in die Stichwahl. In seiner zwischen Augsburg und Füssen gelegenen 12.000-Einwohner-Heimatstadt tun sich seit Kalbitzers Auftauchen in der Lokalpolitik tatsächlich Gräben auf. Da sind die Konservativen und Bürgerlichen, die in der Lokalzeitung den Ausgang des ersten Wahlgangs "lächerlich", "peinlich" oder "beschämend" nennen. Und da sind die von den Verkrustungen der Kommunalpolitik Genervten, die sich einfach nur über den erfrischenden Newcomer freuen.

Zum Beschämen des Bürgertums hat Kalbitzer reichlich Stoff geliefert. Bundesweit für Aufsehen sorgte ein Facebook-Video Kalbitzers, der im Internet unter seinem aus einem Rap-Hit stammenden Spitznamen Karl-Heinz Rumgedisse auftritt. In Unterhosen - in dem Fall Boxershorts - und mit Sakko öffnet er sich in dem Filmbeitrag eine Flasche Bier, füllt sie in aller Ruhe in ein Glas und trinkt dies in beachtlichen Zügen auf ex. Anschließend fordert er seine Bürgermeister-Konkurrenten auf, es ihm nachzutun.

So viele Stimmen wie noch niemals zuvor

Inzwischen distanziert sich Kalbitzer von dem Trinkspiel. Er habe nur ein bisschen Lockerheit in den Wahlkampf bringen wollen, doch sei er wohl übers Ziel hinaus geschossen. Allerdings sei der Film dennoch für ihn von Nutzen gewesen - seitdem ist er über Schongau hinaus bekannt.

Einen ersten Erfolg, den ihm niemand mehr nehmen kann, hat der bislang als Heilerziehungspfleger mit Suchtkranken arbeitende Kalbitzer schon gelandet. Er bekam bei der Stadtratswahl 5656 Stimmen - so viele wie noch niemals zuvor ein Stadtrat in dem Ort, in dem CSU-Legende Strauß als Landrat die Berufspolitik begann. Und bei der Bürgermeisterwahl ließ er den CSU-Bewerber weit hinter sich. Nun kommt es zum Duell mit einem SPD-Mann.

Der Sozialdemokrat gilt als Favorit - doch Kalbitzer will nun nach der Sensation des ersten Wahlgangs mehr. "Das ist mit einem Elfmeterschießen im Fußball zu vergleichen. Da ist alles wieder offen", sagt er.

Es begann mit einer Schnapsidee

Die inzwischen äußerst ernste Bürgermeisterkandidatur begann mit einer Schnapsidee, wie Kalbitzer erzählt. Er habe sich abends in Schongau auf die Straße gestellt und den Verkehr angehalten, damit ein Freund über die Straße gehen kann. Ein anderer habe dann gesagt, "du führst dich auf wie der Bürgermeister von Schongau". Wenn, dann richtig, habe er sich überlegt. Beim Fasching vor einem Jahr ging er schon als "Bürgermeister ohne Hose" mit. "Und aus diesem Spaß ist halt wirklich Ernst geworden."

Ein genauer Blick auf seine Wahlkampagne verrät, dass Kalbitzer alles andere als unprofessionell auftritt. Sogar eine Drohne kam zum Einsatz, um ihn in einem Werbefilm in Szene zu setzen. Kalbitzer als einsamer Skater auf der Suche nach Platz für Jugendliche in Schongau, Kalbitzer beim Tischtennis mit Asylbewerbern und dem Appell, diese nicht weiter an den Stadtrand zu verbannen - die politischen Forderungen sind geschickt in Szene gesetzt.

Den bisherigen Stadtrat findet der Jungpolitiker abgehoben. Dass er sich in einer Kleinstadt mit solchen Aussagen keine Freunde macht, ist Kalbitzer bewusst. "Natürlich werden die verbittert sein, natürlich werden die mich im Stadtrat auflaufen lassen", sagt er - doch noch sieht der Neuling dem Hauen und Stechen unbekümmert entgegen.

Ralf Isermann/and/AFP / AFP