Bundesrats-Jubiläumsfeier in Völklingen Kommissar Palü, Merkel und der Hitler-Freund


Es soll eine staatstragende Veranstaltung werden: Am Mittwochabend wird in der Völklinger Hütte im Saarland der 60. Jahrestag des Bundesrats gefeiert, mit der Kanzlerin. Allein Ex-Tatort-Kommissar Jochen Senf stört sich an dem Ort der Feier: In einem Brief hat er an dessen NS-Vergangenheit erinnert.
Von Ulrike Posche

Der Anlass ist würdig, die Gästeliste gediegen, der Veranstaltungsort nobel - jedenfalls auf den ersten Blick: In der Völklinger Hütte, immerhin Unesco-Weltkulturerbe, im Herzen des Saarlandes feiern die Spitzen des Staates am Mittwochabend den 60. Jahrestag des Bundesrates. Doch an der Ortswahl regt sich Kritik. "Unerträglich", findet diese der Schauspieler und frühere "Tatort"-Kommissar Jochen Senf - und schrieb einen Brief.

Bundespräsident, Bundeskanzlerin, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts und sogar der Präsident der Europäischen Kommission wollen in der ehemaligen Völklinger Hütte ihre Grußworte sprechen. Im Gedenken an einen Teil deutscher Geschichte. An den erfolgreichen. Wenn die Repräsentanten aller fünf Verfassungsorgane in der ehemaligen Gebläsehalle zusammentreffen, wird das Erinnern im Vordergrund stehen. Soviel ist klar.

Doch kurz vor der Gedenkfeier haben der Saarbrücker Rechtsanwalt Klaus John und Schauspieler Jochen Senf, 66, die anreisenden Staatsträger ihrerseits an den anderen Teil deutscher Geschichte erinnert, an den dunklen: an Völklingens Zeit im Nationalsozialismus.

"Röchling war ein enger Freund Adolf Hitlers"

In einem Brief an Horst Köhler, Angela Merkel, EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts Hans-Jürgen Papier weisen der frühere Saarbrücker Tatort-Kommissar und sein Anwalt die Politiker auf die düstere Vergangenheit des Ortes hin: "Die Völklinger Hütte, die einstigen Stahlwerke Röchling, war ein Symbol industrieller Macht in Deutschland. Dieses Symbol ist eng verknüpft mit dem Namen Hermann Röchling", schreiben der Anwalt und der Schauspieler in ihrem Brief.

Und weiter: "Röchling war ein enger Freund, Förderer und Ratgeber Adolf Hitlers. Er gilt als Initiator der Deportation von osteuropäischen Zwangsarbeitern in die deutsche Rüstungsindustrie während des Zweiten Weltkriegs. Hunderttausende sind dieser Deportation zum Opfer gefallen."

1933 hatte der Alleinerbe des Familienimperiums bei Hitler für die Annexion des Saarlandes geworben. Das Saarland dürfe kein "jüdischer Nationalpark" werden, so Röchling. Hitler adelte ihn für diese Haltung mit der Bemerkung, Röchling sei eine "eindrucksvolle Industriellen-Persönlichkeit".

Keine Aufarbeitung nach dem Zweiten Weltkrieg

Hermann Röchling wurde am 29. Januar 1949 wegen seiner Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Nachdem er im August des Jahres 1951 frei kam, durfte der einstige "Wehrwirtschaftsführer", "Generalbevollmächtigte für die Eisen- und Stahlindustrie" und Leiter der "Reichsvereinigung Eisen" seine Heimat, das Saarland, nie mehr betreten. Er starb 1955 mit 82 Jahren in Mannheim.

In Vergessenheit geriet "der König von der Saar", wie sich selbst Röchling selbst nannte, dadurch nicht. Noch im Jahr 2000 war er Ehrenbürger der Stadt. Und bis heute ist ein Stadtteil der 40.000 Einwohner-Stadt nach ihm benannt: Die Hermann-Röchling-Höhe. Hier residieren ein Fußballverein und die Skatfreunde Hermann-Röchling-Höhe.

"Die Stadt Völklingen ist damit die einzige Stadt in der Welt", die nach wie vor beharrlich einen Stadtteil einem Kriegsverbrecher widmet", mahnt Jochen Senf, der einst in Saarbrücken die Schauspielschule besuchte und später dort als Max Palu Kriminalfälle löste. Er bitte Kanzlerin und Präsident, auf "diese historischen Umstände und ihre unerträgliche Ausstrahlung auf die Gegenwart" hinzuweisen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker