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Bundeswehr-Gutachten: Die Liste der Mängel ist länger als gedacht

Das Gutachten zur Bundeswehr deckte viele Probleme bei der Rüstungsbeschaffung der Bundeswehr auf. Die Langfassung enthüllt: Die Zustände sind noch schlimmer als bislang bekannt.

Mehr als 1500 Seiten, auf vier Bände verteilt, umfasst das Gutachten der Unternehmensberatuing KPMG über die Bundeswehr. Die ersten Ergebnisse wurden in der vergangenen Woche bekannt, als die Experten den Bericht vorstellten. In der Langfassung des Berichts wird klar, dass es nicht nur um neun große Rüstungsprojekte geht, die sich massiv verzögert haben, sondern um eine weit größere Zahl von gescheiterten Projekten bei der Rüstungsbeschaffung. Das berichtet der stern in seiner am Donnerstag erscheindenden Ausgabe. So weisen die Prüfer auf haarsträubende Mängel bei dem Transporthubschrauber NH 90 hin.

Laut Gutachten führen Einsätze im NH 90 zu "akuten Krankenständen der Piloten aufgrund der Helmbelastung". Wörtlich heißt es in der KPMG-Studie weiter: "Die physiologisch ungünstige Schwerpunktlage des Helmsystems in Verbindung mit dem Helmet Mounted Sight und Display (HMS/D) hat regelmäßig zur Folge, dass die betroffenen Luftfahrzeugführer tageweise nicht am Flugdienst teilnehmen können." Hintergrund ist offenbar, dass das Helmsystem zu sehr auf den Nacken drückt.

Beim Bau der Fregatte F 125 seien, so die Prüfer, Mängel bei der Brandschutzbeschichtung aufgetreten. Nachdem sich die Beschichtung "bereits während der Bauphase großflächig löste", so die Studie, beantragte das Konsortium aus Thyssen-Krupp und der Lürssen-Werft unter Berufung auf die Verträge Schadenersatz beim Auftraggeber, dem Bundesverteidigungsministerium.

Projektkosten um 86,7 Millionen Euro reduziert

Mangelhaftes Vertragsmanagement entdeckten die Autoren der Studie im Fall des Jagdflugzeugs Eurofighter. Wörtlich heißt es: "Es existiert insbesondere keine Datenbank, in der die gesamten Verträge gesammelt vorhanden sind". Das "fehlende Vertragsmanagement" spiegle "sich auch darin wieder, dass das Wissen über die aktuellen Vertragsdaten und deren Historie ausschließlich bei der zuständigen Referentin" eines einzigen Referats vorhanden sei: "Bei Krankheit, Ruhestand, Urlaub o.ä. besteht demnach das Problem, dass das vorhandene Vertragswissen nicht zur Verfügung steht oder gar verloren geht." Im Fall des Schützenpanzers belegen die Gutachter, dass zu Beginn des Projekts im Jahr 2002 die Kosten des ersten Demonstrators bewusst kleingerechnet wurden. Das Verteidigungsministerium hatte zunächst Kosten in Höhe von 285 Millionen Euro ermittelt. Dem Haushaltsausschuss des Bundestages wurde dann eine offenbar willkürlich auf 198,3 Millionen Euro reduzierte Summe angegeben. Die Gutachter zitieren dazu aus dem Vermerk zu einer internen Besprechung vom August 2002, in dem es hieß, dass die gegenüber dem ursprünglichen Ansatz um 86,7 Millionen Euro reduzierten Projektierungskosten auf dem externen Wunsch basierten, dass "vorne eine 'Eins'" stehen müsse.

Ministerin versucht Flucht nach vorn

Hellmut Königshaus, der Wehrbeauftragte der Bundestages, kritisierte gegenüber dem stern, dass in der Bundeswehr lange eine mangelnde Fehlerkultur geherrscht habe: "Wer sagt, es gibt Probleme, der wird gefragt, warum er sie nicht gelöst hat", kritisiert Königshaus. Die Sprecherin der Linkspartei im Verteidigungsausschuss, Christine Buchholz, sagt dem stern: "Frau von der Leyen versucht die Flucht nach vorn. Sie räumt nicht wirklich auf. Da werden weiter die Interessen der Rüstungsindustrie bedient."

Mehr über die Ausrüstungspannen ...

... bei der Bundeswehr lesen Sie im neuen stern, der am Donnerstag erscheint.

Hans-Martin Tillack, Tilman Gerwien, Laura Himmelreich, Franziska Reich
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