Bundeswehr-Skandal "Ein deutscher Soldat foltert nicht"


Aus Angst davor, als "Schwächling" zu gelten, haben offenbar viele Bundeswehrsoldaten die Misshandlungen von Rekruten verschwiegen. Militärs fordern eine Überprüfung der Ausbildungsmethoden.

Die meisten Misshandelten haben das Code-Wort nicht genannt. Damit hätten die Rekruten Elektroschocks, Tritte und Erstickungsängste stoppen können. "Es gab dieses Kennwort, das hat jeder Rekrut gewusst. Es gab auch Soldaten, die das in Anspruch genommen haben", sagt Rechtsanwalt Thomas Buchheit, der einen der beschuldigten Ausbilder am Bundeswehrstandort Coesfeld vertritt.

21 Vorgesetzte sollen im Sommer 80 Untergebene beim Nachstellen einer Geiselnahme malträtiert haben. Für Verteidigungsminister Peter Struck ist eine entscheidende Frage, warum nicht viel mehr der jungen Männer Nein gesagt haben und warum sie die menschenunwürdige Behandlung intern nicht angezeigt haben. "Vielleicht aus falsch verstandener Solidarität oder aus Abenteuerertum, dass man glaubt, man kann auch solche Belastungen ertragen."

Folter war bei der Bundeswehr nie Thema

Dem Sozialdemokraten ist der ganze Skandal zuwider. Zwar wird sowohl von militärischer als auch politischer Seite der Vorwurf der "Folter" zurück gewiesen. Doch, wenn ein Mensch gefesselt und ihm ein Sack über den Kopf gezogen wird, erinnert das viele an schockierende Szenen im irakischen Gefängnis Abu Ghoreib. US-Soldaten stehen wegen dieses Umgangs mit Gefangenen vor Gericht.

Struck hatte dazu gesagt: "Ein deutscher Soldat foltert nicht." Er hatte betont, dass ihm die Konsequenz klar sei, wenn ihm das Gegenteil bewiesen werde - nämlich Rücktritt. Allerdings ist auch aus der Opposition nicht zu hören, dass Struck nun durch diesen Skandal unter Druck geraten könnte, auch wenn sie den Verteidigungsminister als "letztlich Verantwortlichen für die Ausbildung" sehen. Union und FDP erwarten von ihm erst einmal Aufklärung und Konsequenzen. Beides hat der Minister eingeleitet.

Mangelnde Ausbildung und Betreuung der Soldaten

Bei hohen Militärs stellt sich aber die Frage, was letztendlich bewirkt werden kann. Ein neuer Paragraf? Mehr Dienstaufsicht? Damit sei ein solches Problem nicht zu lösen, heißt es. Vielmehr gehe es um eine Geisteshaltung. Und die sei nicht zu verordnen.

Strucks erster Verdacht für die möglichen Ursachen einer solchen Entgleisung richtet sich auf die zum Teil bitteren Erfahrungen in Auslandseinsätzen. Jahrzehnte ungeübt im Anblick von Leid und Elend, Tod und Verletzung müssen deutsche Soldaten nun am Hindukusch und anderswo auf der Welt mit ansehen, was Kriege und Krisen der Zivilbevölkerung antun. Die Elite-Truppe, das Kommando Spezialkräfte (KSK), muss im Ernstfall selber töten.

Das geht an den großenteils jungen Männer nicht spurlos vorüber. Vier bis sechs Monate sind sie - psychisch weitgehend auf sich allein gestellt - fern ab der Heimat. Vor allem Spezialisten wie Sanitäter und Fernmelder absolvieren in wenigen Jahren mehrere Einsätze, weil es an Fachkräften in der Bundeswehr mangelt.

Angst, als "Schwächling" abgestempelt zu werden

Wer unter posttraumatischen Belastungsstörungen nach einem Einsatz leidet, kann sich in der Bundeswehr immer noch nicht auf Verständnis verlassen, sagten Bundeswehrärzte. Auch nach dem jetzigen Skandal vermuteten Politiker quer durch die Parteien, dass die Rekruten aus Angst, als "Schwächling" dazustehen, schwiegen.

Strucks größte Sorge dürfte nun sein, dass es sich bei Coesfeld nicht um einen Einzelfall handelt. Der CSU-Politiker Christian Schmidt mag angesichts der Zahlen schon jetzt nicht mehr von einem einzelnen Fall sprechen. Schmidt sagt: "Die Frage ist, ist dies ein absoluter Ausreißer oder steckt der Teufel im System. Es gibt Lesarten für beide Varianten."

Kristina Dunz/DPA DPA

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