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Nachruf auf SPD-Politiker: Knurrig, kantig, Struck

Er war Fraktionschef, Verteidigungsminister, Motorradfahrer, BVB-Fan, Pfeifenraucher, Skatklopper, Schweigen-Könner - ein Großer der Sozialdemokratie. Nun ist Peter Struck tot.

Von Andreas Hoidn-Borchers

Die Einladung kam erst an diesem Mittwochmorgen. Eine Konferenz in der Friedrich-Ebert-Stiftung über Europas Sicherheits- und Außenpolitik im 21. Jahrhundert. Es sprechen Gerhard Schröder, der frühere CDU-Verteidigungsminister Volker Rühe, der einstige russische Außenminister Igor Iwanow. Schlusswort: der Vorsitzende. Peter Struck.

Das schmale Doppelblatt ziert als Hintergrund ein blasses Porträt von Struck. Sehr hohe Stirn. Schnauzer. Kleine, wache Augen hinter der randlosen Brille. Ein verschmitzter Kerl. Und natürlich: die ewige Pfeife. So kennt man ihn.

Nein, leider muss es ab jetzt heißen: So kannte man ihn. Peter Struck ist in Berlin gestorben, viel zu früh mit gerade erst 69 Jahren. Er hatte bereits einen Schlaganfall und zwei Herzinfarkte hinter sich. Er hat sich immer wieder aufgerappelt. Den dritten hat er nun nicht mehr überlebt.

Im Rocker-Outfit im Bundestag

Seine Attitüde war: nach außen hart, kantig, knurrig. Gern zeigte er sich in Lederkluft, am liebsten noch mit einem gelbschwarzen Schal seines Vereins um den Hals. Struck war Dortmunder Borusse, die letzten beiden Jahre haben ihm einen Heidenspaß gemacht. In seinem Rocker-Outfit kam der Motorradfreak auch schon mal in den Plenarsaal. Es war an einem Freitag, er bereits auf dem Heimweg nach Uelzen, als die Order kam: wichtige Abstimmung, alle Mann retour. Da stand er dann in seiner Kluft und genoss es sichtlich, wie ihn alle anstaunten. Da konnte er sich freuen wie ein kleines Kind.

Peinlich? War ihm wenig. Er stellte sich auf die Bühne, verkleidet als Blues-Brother und versuchte zu singen, eine Gabe, mit der er noch weniger gesegnet war als mit der Kunst des Vortrags. Struck war ein lausiger Rhetor. Sein Genosse Gernot Erler sagte mal über ihn: Es gibt Eltern, die lassen ihre ungezogenen Kinder zur Strafe Struck-Interviews gucken. Er nahm das nicht übel. "Super-Zitat, gefällt mir."

Kanzler hätte er auch gemacht

Bei aller zur Schau gestellten Raubauzigkeit: Struck war eher ein gefühliger Kerl, der sich auch um die Ehe- oder Geldprobleme der Abgeordneten kümmerte. Mit einigen seiner Mitarbeiter war er eng befreundet. Er ließ nicht viele ganz nah an sich ran, aber wen er ranließ, der konnte sich auf ihn verlassen. Eine Tugend, die er zurückgezahlt bekam. Als Gerhard Schröder nach einem politischen Streit mal drohte, er werde dafür sorgen, dass Struck nicht wieder in den Bundestag komme, blaffte Strucks Frau Brigitte ihn an: "Wir sind auf dich nicht angewiesen. Für meinen Peter würde ich auch putzen gehen." Das beeindruckte sogar Schröder nachhaltig, der seinem früheren Bürogenossen im Bundestag auch mal vorwarf, er organisiere ein "Kartell der Mittelmäßigkeit".

Dafür hat Peter Struck es verdammt weit gebracht. Fraktionsvorsitzender im Bundestag, Verteidigungsminister als ziemlich überzeugter Zivilist. Er wollte den Job erst nicht, den er nach Rudolf Scharpings Rauswurf 2002 kurzfristig übergeholfen bekam, aber dann hätte er ihn am liebsten nicht mehr abgegeben, das Zackige machte ihm Spaß. Bei der Bundeswehr funktioniere das Prinzip von Befehl und Gehorsam wenigstens noch, brummelte er gerne. Das war ernster gemeint, als Struck es klingen lassen wollte. Einmal, 2005, stand er sogar als Nachfolger von Schröder zur Debatte. Das hat ihn mehr gebauchpinselt, als er zugeben wollte. "Es kann nicht schön sein, Kanzler zu sein", sagte er. "Noch höhere Drehzahlen, noch weniger Privatleben, da wäre nichts für mich." Aber gemacht hätte er es schon. Sein Traumjob jedoch war ein anderer: Oberbürgermeister seiner Heimatstadt Göttingen.

Politik als Droge

Dann musste er aber in der Großen Koalition noch einmal ins Geschirr, wieder die Fraktion übernehmen. Es war ihm nicht immer eine Lust. Er freundete sich zwar mit seinem CDU-Pendent Volker Kauder an, die beiden waren zwei kauzige, knorrige Brüder im Geiste. Aber mit der Kanzlerin hatte er sein Leid. "Sie kann mich nicht leiden und ich sie nicht", sagte er offen. Er hielt wenig davon, sich zu verstellen. Die Große Koalition hat ihm den Abschied vom Abgeordnetendasein erleichtert, aber ganz lassen konnte er nicht von der Politik. 2010 übernahm der siebenfache Großvater den Vorsitz der Friedrich-Ebert-Stiftung. Es hätte nicht sein müssen, aber er hatte ja kurz vor seinem Abschied aus dem Bundestag gesagt: "Politik ist 'ne Droge. Jeder, der das bestreitet, lügt." Er ist nie ganz davon weggekommen.

Was von ihm bleibt? Der Satz: "Deutschlands Sicherheit wird auch am Hindukusch verteidigt." Das Zusammenhalten der Mehrheit hinter dem Kanzler Schröder. Und vor allem: das "Struck'sche Gesetz" - "Kein Gesetz verlässt den Bundestag, wie es reinkommt." Die Magna Carta des Parlamentarierstolzes. Er hätte gerne die Steuer vereinfacht, musste aber einsehen: "Da beißt sich jeder die Zähne aus."

Skatklopper, Schweigen-Könner

Nein, was von Peter Struck vor allem bleibt, ist keine große Reform. Es ist die Erinnerung an einen der letzten großen Typen in der deutschen Politik, an eine ehrliche Haut. Und an einen prima Kerl, Skatklopper, Schweigen-Könner. Er hatte gerne das letzte Wort. Meist lautete es: "So, sind wir fertig?"

Er wird es nie mehr sagen. Es ist ein Jammer.