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Castor-Protest im Wendland: Veteranen des Widerstandes

Widerstand im Wendland ist Tradition. Zu denen, die seit Jahrzehnten gegen die Atompolitik protestieren, gehören die Revoluzzer der "Ini 60". Was die Veteranen der Bewegung antreibt.

Von Manuela Pfohl, Dannenberg

Vier Kinder und drei Enkel haben die Peters aus Höhbeck im Wendland. Und wer von ihnen nicht gerade arbeiten muss, oder wie der Jüngste ein wichtiges Fußballspiel hat, ist bei den aktuellen Protesten gegen die Atompolitik der Regierung dabei. Sogar Großmutter Anne. Die hat sich die Schulter verletzt und kann den rechten Arm nicht bewegen. Helmuth Peters macht sich deshalb ein bisschen Sorgen um seine Frau. Aber: Zu den Aktionen gegen den Castor will auch sie. Natürlich. Der Protest gegen die Atompolitik der Regierung hat bei Familie Peters schließlich Tradition. Seit 27 Jahren sind die beiden dabei. Und jetzt, wo die Laufzeiten für Atomkraftwerke verlängert werden sollen und wieder ein Castor voller Müll nach Gorleben unterwegs ist, sei der Widerstand selbstverständlich, meinen sie. Dass Helmuth Peters inzwischen 79, und seine Frau 73 ist, ändere daran nichts. Im Gegenteil.

"Ich hab zwei Diktaturen miterlebt, ich will jetzt nicht auch noch eine Atomdiktatur", begründet der in Ostdeutschland geborene und 1949 in den Westen geflüchtete Großvater das Engagement. Große Worte, die Peters, der bis zu seiner Pensionierung in einem Chemiebetrieb arbeitete, durchaus mit Bedacht spricht. "Bei den Protesten gegen die Atompolitik geht es doch nicht nur um die Tatsache, dass wir hier keinen Atommüll haben wollen. Es geht auch darum, dass wir Bürger zeigen, dass wir uns unsere demokratischen Rechte nicht nehmen lassen." Stuttgart 21, die Hartz IV-Regelungen und eben auch der Atomkompromiss zeigten, dass die Politik am Volk vorbei regiere. Und wenn etwas so gründlich schief laufe im Staat, wie jetzt, müsse dagegen protestiert werden.

Der Meinung sind auch die anderen Senioren der Gruppe "Initiative 60", die es schon seit 1983 gibt. Und deshalb haben Helmuth und Anne Peters am Samstag den Kofferraum ihres Autos mit etlichen großen gelben X vollgepackt, dem Zeichen für die Protestorganisation "x-tausendmal quer", und sind nach Dannenberg gefahren. Dort wartete schon der Bus, den die Gruppe gechartert hatte, um zur großen Demo nach Nebenstedt gefahren. Friedlicher Protest mit Volksfestcharakter, auf den sich die "Ini 60" lange vorbereitet hat. Als jeder im Bus sich eines der X umgeschnallt hat, sehen sie wie echte Widerständler aus.

Die Senioren der "Ini 60"

Beim gemeinsamen monatlichen Kaffeeklatsch haben die Senioren immer wieder darüber debattiert, dass etwas gegen den Atommüll unternommen werden muss. Die wichtigsten Überzeugungen haben sie ganz modern auf ihrer Homepage festgehalten. Eine lautet; "Teilnahme an genehmigten und ungenehmigten Widerstandsaktionen". Blockaden, sagt Helmuth Peters sind nicht nur erlaubt, sie sind notwendig." Die Senioren der "Ini 60" sind dabei, wenn es ums Ganze geht und präsentieren als Erklärung schwarzen Humor: "Die Mitglieder dieser Gruppe sind bereit, anstelle der jugendlichen Atomgegner direkt im Gefahrenbereich zu agieren. Minimalstrahlung kann im fortgeschrittenen Alter kaum noch gefährlich werden."

Auch wenn sie mit den oft wagemutigen Aktionen jungen Demonstranten nicht mehr immer mithalten können, erkennen die Kinder und Enkel von Anne und Helmuth Peters mit Respekt an, was Oma und Opa da machen. Der Erfolg, so sagen sie, gebe ihnen recht. Noch nie haben so viele Menschen gegen die Atompolitik demonstriert, wie in diesem Jahr.

"Bis zum letzten Transport haben wir jeweils Freitags an einer großen Kreuzung mit unseren Wendlandfahnen gestanden, Flugblätter verteilt und dabei festgestellt, dass die meisten Leute unserer Meinung waren. Zu den Demos sind sie dann trotzdem nicht gekommen", sagt Peters. Das sei dieses Jahr anders. "Da sind einige aufgewacht und auch die, die sonst nur mit der Faust in der Tasche protestierten, machen jetzt mit."

Dass der jüngste Protest und die breite Unterstützung dazu führen, dass demnächst die Atommülltransporte eingestellt werden, glaubt Helmuth Peters so wenig, wie seine Frau. Aber: "Es ist schon ein Erfolg, wenn die öffentliche Wahrnehmung der Fehler in der Atompolitik zunimmt."

In der guten Stube der Familie Peters wird es auch nach dem Abschluss des diesjährigen Castortransportes den monatlichen Kaffeeklatsch mit den anderen Senioren der "Ini 60" geben. Die betagten Widerständler haben schließlich noch einiges vor.

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