HOME

Günter Grass: Israel-kritisches Gedicht sorgt für Empörung

Ist Günter Grass ein Antisemit? Der Literaturnobelpreisträger ist in einem Gedicht mit der Atompolitik Israels hart ins Gericht gegangen. Kritiker werfen ihm Agitation und Judenfeindlichkeit vor.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat Äußerungen von Literaturnobelpreisträger Günter Grass zur angeblichen Bedrohung des Weltfriedens durch Israel scharf kritisiert. Der in mehreren Zeitungen erschienene Text sei "ein aggressives Pamphlet der Agitation", sagte Zentralratspräsident Dieter Graumann.

Es sei traurig, dass Grass sich in dieser Form zu Wort melde und Israel dämonisiere, sagte Graumann. Der Text sei unverantwortlich und eine Verdrehung der Tatsachen. Nicht Israel, sondern der Iran bedrohe den Frieden. Das Mullah-Regime unterdrücke die eigene Bevölkerung und finanziere den internationalen Terrorismus. "Ein hervorragender Autor ist noch lange kein hervorragender Analyst der Nahost-Politik", fügte Graumann hinzu.

Der Publizist Henryk M. Broder nannte Grass in der "Welt" den "Prototypen des gepflegten Antisemiten, der es mit den Juden gut meint", aber von Schuld- und Schamgefühlen verfolgt und vom dem Wunsch getrieben werde, "Geschichte zu verrechnen."

Konfuses Rauschen

Der Grass-Text wurde in Deutschland von der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlicht und ist darüber hinaus in weiteren internationalen Gazetten erschienen. Beispielsweise druckte die linksliberale römische Tageszeitung "La Republica" das Gedicht in italienischer Übersetzung und kritisierte es zugleich scharf. "Günter Grass tritt wieder auf den Plan", heißt es in der Analyse der Zeitung. "Und er tut dies mit einem lyrischen Text, der dazu bestimmt ist, einen Streit auszulösen. (...). Das Ergebnis seines Gedichts besteht allein darin, ein konfuses Rauschen zu erzeugen, eine unmögliche Gleichstellung Israels mit dem Iran, eine unglaubwürdige Verdrängung jener Bedrohung, die das Regime in Teheran für Jerusalem darstellt."

In diesem Konflikt sei das Schweigen Europas ohrenbetäubend. "Es wird jedoch kein Gedicht sein, das Europa aus dieser Ecke herausholt. Und sicherlich nicht dieses Gedicht", heißt es in der "Republica".

Grass: Atommacht Israel gefährdet den Weltfrieden

Der Literaturnobelpreisträger hatte in seinen Versen die israelische Politik gegenüber dem Iran heftig kritisiert. "Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden", schrieb Grass. Er wirft sich vor, zu lange dazu geschwiegen zu haben. Der 84-Jährige kritisiert auch die geplante Lieferung eines weiteren U-Boots "aus meinem Land" nach Israel. Gleichzeitig bekundet er seine Verbundenheit zum jüdischen Staat.

In dem Text fordert Grass, "daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz von den Regierungen beider Länder zugelassen wird."

Grass fragt, warum er es sich untersagt habe, "jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten - ein wachsend nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich ist?". Er fühle es als "belastende Lüge und Zwang", dass er bisher dazu geschwiegen habe. Wer dieses Schweigen breche, dem stehe eine "Strafe" in Aussicht: "das Verdikt "Antisemitismus" ist geläufig".

"Warum aber schwieg ich bislang?"

In seinem Gedicht spricht Grass von einem behaupteten Recht auf den Erstschlag gegen "das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk", nur weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet werde. Er sei der "Heuchelei des Westens" überdrüssig und hoffe, dass sich viele von dem Schweigen befreien.

"Warum aber schwieg ich bislang?", fragt sich Grass und nennt als Grund: "Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten."

Grass hatte 2006 bekannt, dass er als 17-Jähriger am Ende des Zweiten Weltkriegs Mitglied der Waffen-SS war. Kritiker warfen ihm vor, seine SS-Zugehörigkeit jahrzehntelang verschwiegen zu haben, während er andere immer wieder wegen ihrer NS-Vergangenheit öffentlich kritisierte. Manch einer sprach ihm die moralische Integrität ab.

kng/DPA/Reuters / DPA / Reuters