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Der Abwasch der Woche Mutti und ihr Bester


Im politischen Berlin rollt die große Harmoniewelle: Der Guido, die Angela, sogar Dirk Niebel - alle machen mit. Und bei Horst Köhler wird dazu fröhlich geträllert. Nur Ex-Regierungssprecher Thomas Steg ist angesäuert. Zeit für den Abwasch.
Von Andreas Hoidn-Borchers

So, heute machen wir einen auf kniggerich und nehmen kurz mal die Sache mit dem Benehmen durch. Die ist nämlich die: Es geht häufig daneben. Guido Westerwelle gehört nun nicht zu den Menschen vom Schlag Toscana-Joe, der die Sauce vom Teller leckt oder sich mal eben ungeniert coram publico die Schrittregion richtet (Ähnlichkeiten mit retirierten oder noch aktiven Politiker sind natürlich purer Zufall und keinesfalls beabsichtigt…). Im Gegenteil, der neue Außenminister ist ausgesprochen höflich gegenüber jedermann, grüßt formvollendet freundlich und weiß sich fast altmodisch ordentlich aufzuführen. Man könnte wetten, dass er als kleiner Junge zur Begrüßung noch Diener gemacht hat. Wir würden das als Freunde des pfleglichen Miteinanders auch ohne jeglichen ironischen Unterton preisen, wirkte Westerwelles Auftreten gelegentlich etwas weniger manieriert manierlich. Vor allem, wenn er um die Kanzlerin herummerkelt, ihr mit großer Geste die Tür öffnet oder ihr im Kabinett den Chefinnenstuhl zurechtrückt und unter den Allerwertesten schiebt. Ganz alte Scharwenzelschule!

Vielleicht schleift sich das ja alles noch ein und ab. So eine Koalition ist schließlich nicht viel anders als eine Ehe. Da ist auch nicht immer Flitterwoche. Aber eine Frage scheint uns auf jeden Fall schon mal geklärt: In dieser Beziehung geht es nicht um Köchin und Kellner. Die Überschrift müsste eher lauten: Mutti und ihr Bester. Wie, Sie fänden noch besser: Die Lady und ihr Lackel? Das müssen wir natürlich mit Abscheu und Empörung zurückweisen.

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Wo wir uns gerade so schön empören: In Meseberg ist das zweite Kabinett Merkel diese Woche in seine erste Klausur gegangen, was ganz entschieden Zeit wurde, nachdem die Koalitionsverhandlungen, bei denen man Tage und Nächte aufeinander hockte, um Entscheidungen zu verschieben, auch schon wieder drei Wochen abgeschlossen waren. Drei Wochen! Da kann man - Flitterwoche! - durchaus Sehnsucht und Entzug haben nach ein bisschen Nähe und Nichtentscheiden auf hohem Niveau. Kann man alles verstehen. Soll'n auch ein bisschen Spaß und Freude aneinander haben, die Schwarzen und die Gelben nach so langer Trennung. Wir vom Abwasch sind ja keine Unmenschen.

Das überlassen wir den kleingeistigen Mäklern und Moserern. Die gibt es, oh ja. "Die Minister-Landverschickung", mosert und mäkelt einer von ihnen, "ist unnütze Geldverschwendung, weil in Meseberg nicht mehr als in Berlin herauskommen kann."

Das ist einerseits auch wieder wahr, andererseits aber ein bisschen unanständig - und zwar von uns. Weil: Jetzt haben wir mal schnell ins Archiv gegriffen und geguckt, wie der Dirk Niebel denn die letzte Kabinettsklausur fand, die Mutti im Sommer 2007 nach Meseberg einberufen hatte, als ihr noch ihr Zweitbester die Tür aufhielt und als der Dirk Niebel FDP-Generalsekretär war. Und was sollen wir sagen: Der Dirk Niebel fand sie, siehe Zitat, irgendwie ein bisschen unnötig. Damals. Aber wie das oft so ist in der Politik: Unnütze war gestern, heute ist megawichtig. Denn noch mal weil: Heute ist der Dirk Niebel selber mit von der Minister-Landverschickungspartie.

Wir sehen: Alles immer eine Frage der Perspektive. Ist man beziehungsweise Dirk Niebel zum Beispiel plötzlich überraschend Entwicklungshilfeminister geworden, sieht man auch keine ganz so große Notwendigkeit mehr, eben dieses Ministerium ganz aufzulösen. Und wenn man beziehungsweise Muttis Bester endlich Außenminister ist und seinen Vertrauten aus der FDP-Zentrale zum beamteten Staatssekretär befördert, der im Auswärtigen Amt für den Vizekanzler die sicher sehr schwer aufeinander abzustimmende Arbeit der anderen vier FDP-Minister koordinieren soll, dann kann man sicher sein, dass der FDP-Mann Werner Hoyer nicht mehr sagt, was er sagte, nachdem Westerwelles Vorgänger Steinmeier genau diese Staatssekretärsstelle geschaffen hatte: dass starke Außenminister wie Fischer oder Genscher das nicht nötig gehabt hatten.

Und wenn es nicht strengstens verboten wäre, mit Namen Witze zu reißen, würden wir auch sagen, wie wir Anstandsherren vom Abwasch das alles finden - ungehoyerlich.

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In Meseberg ist übrigens auch wieder gesungen worden. Mitternächtliches Geburtstagsständchen für den Staatsminister Eckart von Klaeden. Seit Schwarz-Gelb regiert, wird überhaupt wieder viel mehr gesungen. Bei den Koalitionsverhandlungen, auf der Klausur. Ein Tirilieren und Brummen ist das, das es seine Art hat. Da gilt offenbar die Hoffnung, dass was dran sein möge an dem alten Spruch: Wo gesungen wird, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder. Muss irgendwie ansteckend sein.

Neulich im Schloss Bellevue, wo der Bundespräsident gerne mal eine Runde Orden springen lässt, erklang diese Woche auch mal wieder altes deutsches Liedgut, ein Haydn-Spaß, allerdings mit sozusagen kata-stroph-aler Wirkung. "Deutschland, Deutschland, über alles" nämlich, aus dem Munde des - nun ja - Liedermachers Stefan Krawzcyk, den Horst Köhler erst gemeinsam mit elf weiteren DDR-Bürgerrechtlern mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und dann gebeten hatte, doch zum krönenden Abschluss die Nationalhymne vorzutragen. Und irgendwie ist Krawczyk dann ein bisschen mit den Strophen durcheinander geraten. Kann ja mal passieren. Vielleicht eine Spätwirkung der Aussiedlung des - nun ja - Verhütungs-Künstlers ("Den Gebärtrakt unsrer Schmerzen schützt verlässlich ein Kondom") mit der Honecker Ende der achtziger Jahre die BRD mental zu destabilisieren hoffte.

Jetzt wollen wir aber nicht ganz ungerecht sein: Es hätte schlimmer kommen können - Krawczyk hätte im Bellevue auch eigene Dichtung vortragen können.

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Bleiben wir zum Schluss beim Absingen schmutziger Lieder. Thomas Steg, der als Regierungssprecher erst Schröder, dann Merkel gedient hat, ist zwar eloquent, klug und geschmeidig, aber eben doch Sozi und als solcher für Schwarz-Gelb dann doch nur bedingt einsatzfähig. Jedenfalls ist er jetzt seines Sprecherpostens ledig. Dafür hat er in der "Berliner Zeitung" noch mal Rückschau gehalten. Schröder, halten ihm die Interviewerinnen vor, habe ihn mal öffentlich als "Merkel-Spion" verspottet. "Ich erinnere mich", antwortet Steg karg. Er kenne Schröder doch gut und lange, ob er noch Kontakt zu ihm habe? "Nein."

So eloquent, klug, geschmeidig und wohlerzogen kann nicht jeder mitteilen, dass ihn jemand mal extrem gern haben bzw. kreuzweise könne. Nicht mal Westerwelle. Sauber!


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