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Die Folgen der Entvölkerung (Teil 4): Wo Hessisch-Sibirien blüht

Nordhessen wird in den nächsten 15 Jahren Zehntausende Einwohner verlieren. Doch ausgerechnet dort, wo die Verkehrsanbindungen am schlechtesten und die Wälder am dichtesten sind, gibt es eine Stadt, die womöglich noch wachsen wird. Warum?

Von Sebastian Christ

Der nächste Autobahnanschluss? 50 Kilometer entfernt. Zugverbindungen? Nur eine Pendelbahn nach Marburg. Busse? Witzig. Am besten, man kommt mit dem Privatwagen nach Frankenberg und nimmt sich viel Zeit. Es geht über schmale, gewundene Straßen, die der Natur weichen müssen und nicht umgekehrt, auf denen manchmal noch der Mittelstrich fehlt und an deren Ende sich die Stadtsilhouette hinter den grünen Baumkronen und geschwungenen Hügeln wie eine Faltpostkarte am Horizont aufklappt, die Liebfrauenkirche zuerst, und dann die Fachwerkhäuser drum herum. "Hessisch-Sibirien" nennen die Südhessen diesen Landstrich. Warum? Vielleicht, weil ihnen so viel Idylle fremd und geheimnisvoll scheint.

"Wir sind da, wo nichts ist"

Es ist früher Nachmittag, Siegrid Sommer hält in einem Industriegebäude am Stadtrand einen Vortrag. An der Wand leuchtet eine Powerpoint-Präsentation, die sie Besuchern von außerhalb zeigt. Sommer ist Geschäftsführerin eines mittelständischen Maschinenbauunternehmens: Günther Heißkanaltechnik. Hier werden Anlagen zur Kunststoffverarbeitung entwickelt und produziert. Aber: Wo liegt Frankenberg eigentlich? "Sehen sie die Autobahnen?", fragt Frau Sommer. A44, A45, A5 und die A4 bilden ein Rechteck. "Wir sind da, wo nichts ist, in der Mitte." Alle Zuhörer lachen, auch der Firmengründer, Herbert Günther. Hier in Frankenberg kennt man das Problem. Und mindestens genauso gut kennen sie hier in diesem Betrieb die Vorteile des Standorts: "Unsere Angestellten haben eine feste Bindung an die Region", sagt Sommer. Das schaffe Kontinuität, weil nicht ständig neue Jobsuchende mit der komplizierten Technik vertraut gemacht werden müssten. "Wir hatten erst gestern fünf Mitarbeiter, die wir für 15 Jahre Betriebszugehörigkeit ausgezeichnet haben." Die Menschen in Frankenberg hingen derart an ihrer Heimat, dass sie nahezu unbrauchbar seien für den Außendienst. "Leute von hier aus in andere Länder zu entsenden ist fast unmöglich."

Die Kleinstadt ist ein demografischer Sonderfall: Während viele Städte und Gemeinden in Westfalen, Südniedersachsen und Nordhessen an Einwohnern verlieren, wird Frankenberg bis 2020 vielleicht sogar einige Einwohner hinzu gewinnen. Einer Studie der landeseigenen Hessen Agentur aus dem Jahr 2005 zufolge könnten in zwölf Jahren 20.040 Menschen in der Stadt leben. Das wäre ein Plus von vier Prozent. Auch die Bertelsmann-Stiftung prognostiziert bis 2020 nur einen marginalen Bevölkerungsverlust von einem halben Prozent für Frankenberg. Andere Städte Nordhessens werden im selben Zeitraum bis zu 15 Prozent ihrer Einwohner verlieren, für die gesamte Region rechnen verschiedene Studien mit einem Schwund von vier bis zehn Prozent.

Der Mittelstand macht's

Bürgermeister Christian Engelhardt (CDU) hat seinen Amtssitz in einem schiefergetäfelten Neubau auf dem Obermarkt im Stadtzentrum. An der Wand steht eine Deutschlandfahne, im Vorzimmer packt seine Sekretärin Geschenke ein, auch in der Stadtverwaltung werden heute Angestellte für langjährige Mitarbeit geehrt. Der 36-Jährige kennt die Nachteile Frankenbergs: vor allem die schlechte Infrastruktur. Kurioserweise habe eben diese Situation mit den Jahren dazu geführt, dass die Wirtschaftsstruktur des Standorts relativ krisensicher sei. "Wegen der schlechten Verkehrslage ist die Wirtschaft hier historisch gewachsen. Die meisten Arbeitsplätze gibt es bei Unternehmen, die auch hier in Frankenberg gegründet wurden." Ableger von Konzernen sucht man in der Stadt vergeblich, dafür findet man mehr als ein halbes Dutzend größere Mittelstandsfirmen aus unterschiedlichen Branchen. In der nordhessischen Provinz ist so ein kleines Wirtschaftsbiotop entstanden, das zwar nicht unabhängig vom Weltmarkt funktioniert, wohl aber von den Renditevorstellungen der börsennotierten Aktiengesellschaften. Für junge Facharbeiter aus der Region heißt das: Wer in Frankenberg eine Familie gründet, kann durchaus noch darauf zählen, sein ganzes Berufsleben lang bei ein und demselben Betrieb beschäftigt zu sein.

Engelhardt ist seit vier Jahren Bürgermeister. Sein Jura-Studium hat er in Marburg absolviert, auch seine Anwaltspraxis war dort. Nach seinem Umzug aus der Uni-Stadt habe er spontan das Gefühl gehabt, dass auf den Straßen von Frankenberg wenig junge Menschen unterwegs seien, sagt er. Es ist die andere Seite der Entwicklung: Trotz aller positiven Vorzeichen kann eine Stadt wie Frankenberg nicht verhindern, dass jedes Jahr viele der begabtesten jungen Bürger die Heimat verlassen. "Wer hier keinen Hochschulabschluss machen kann, der zieht dann nach dem Abitur weg", sagt Engelhardt. Es gibt zwar mittlerweile über die Berufsakademie Nordhessen ein eng begrenztes Studienangebot. Aber für viele Abiturienten ist das immer noch keine Alternative. Der Akademiker-Wegzug ist ein Grund, warum trotz aller positiven Vorzeichen auch in Frankenberg die Zahl der alten Menschen zunehmen wird.

Familien-Programm mit Landesmitteln

Die Stadt setzt deshalb auf Familienförderung. Kurz nach seinem Amtsantritt sorgte Engelhardt dafür, dass Frankenberg sich im hessischen Landeswettbewerb "Familienstadt mit Zukunft" bewarb - und diesen schließlich auch gewann. Seitdem erhält die Stadt jährlich eine halbe Million Euro aus Wiesbaden für Familienprojekte. Ob die Hebammen im Frankenberger Kreiskrankenhaus deswegen in Zukunft Extraschichten schieben müssen? Das bleibt abzuwarten.

"Die angenehme Landschaft!" Das fällt Herbert Günther als erstes ein, wenn er über den größten Standortvorteil von Frankenberg nachdenkt. Siegrid Sommer sagt: die Weiterbildungsmöglichkeiten. "In Frankenberg muss man selbst ausbilden, Facharbeiter kommen nicht so einfach hier her." Deswegen absolvieren Mitarbeiter der Firma Günther in regelmäßigen Abständen Schulungen, manche lassen sich sogar in einem weiteren Berufsfeld ausbilden. "Wissen sie, eigentlich brauchen wir für unsere Produkte auch keinen Autobahnanschluss", sagt Sommer.

Und hinter der Werkshalle fließt die Eder entlang, ein kleiner Fluss, der auf voller Länge unschiffbar ist, daneben gibt es Schienen, die seit Jahren außer Betrieb sind. Der Weizen steht golden auf den Feldern, die nächste Großstadt ist 75 Kilometer entfernt. Frankenberg ist schwer zu finden. Und irgendwie frei.