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Die Kirchen und der Gipfel: Singen, beten, Steine werfen?

Singen für den Frieden und Beten für Gerechtigkeit ist das eine. Demonstrieren und Straßen blockieren das andere. In den rund 600 Kirchgemeinden Mecklenburg-Vorpommerns ist ein Zwist darüber ausgebrochen, wie die Gläubigen denn nun mit dem leidigen G-8-Gipfel umgehen sollen.

Von Manuela Pfohl

Damals, im Wendeherbst 1989, ja da wurde protestiert. Ist doch klar. Draußen, da stand die Stasi. Und drinnen, in der Nikolaikirche in Rostock, da schmetterte die Gemeinde ihr Lied: "Sonne der Gerechtigkeit (...) brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann. Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit."

"Das war so etwas wie ein Hit unter den politisch engagierten Christen", berichtet Ralf Göttlicher. Jetzt, Anfang Juni, wenn die G8-Staaten in Heiligendamm gipfeln, dreht sich rund um Rostock wieder alles um Politik, um die Politik der G8 - und den Protest dagegen. Und diesmal tun sich die Kirchen vor Ort verdammt schwer damit, mit diesem Protest umzugehen.

"Wir als Kirche sehen uns als Teil des Protests"

Vor zwei Monaten noch schien alles so schön klar. Die G8-Kritiker hatten vor zwei Monaten zu einer Aktionskonferenz in die Nikolaikirche gebeten. Das ehemalige Gotteshaus war gerammelt voll, wie sonst nur an Silvester, wenn die Philharmoniker Beethovens Neunte spielen. "Willkommen euch allen und schön, dass ihr im Juni wiederkommen wollt", hatte Pastor Tillmann Jeremias, 41, den Revoluzzern entgegen gerufen. "Wir als Kirche sehen uns als Teil des Protestes." Zuerst gab es Beifall, dann Ärger. Von oben. Drei Tage nach Jeremias' Rede ließ Oberkirchenratspräsident Andreas Flade mitteilen, dass die Mecklenburgische Landeskirche die Proteste von "Attac" und "Block G8" gegen den Gipfel nicht unterstütze. Auch Superintendent Matthias Kleiminger sagte, parteipolitische Dinge seien nicht Angelegenheit der Kirche. Man war tunlichst bemüht, nicht in die Nähe linker Chaoten gerückt zu werden. Mit fast missionarischem Eifer erhielten die Gemeinden nun fast täglich Besuch von kleinen Delegationen. Die warme Empfehlung lautete allenthalben gleich: Man möge sich doch bitte enthaltsam zeigen.

"Die machen ihre Kirchen einfach dicht"

Die Mahnungen trafen auf offene Ohren. "Vor allem auf dem Lande bekam die Kirchenführung viel Zustimmung für diese Haltung", berichtet Göttlicher. Die Probleme der Dritten Welt und die Forderungen nach globaler Gerechtigkeit seien in jenen Orten ohnehin kaum vermittelbar. Dort quälen Arbeitslosigkeit und Armut die Bewohner. "Es gibt Gemeinden, die wollen mit der Auseinandersetzung um den Gipfel nichts zu tun haben. Die machen ihre Kirche einfach dicht in dieser Woche." Und wer sich doch an dem Protest beteilige, der halte sich an die Vorgaben der Oberen: Singt gemeinsam! Betet! Und läutet die Glocken! Göttlicher muss es wissen. Der 33-Jährige ist Koordinator des Forums "Kirche und G8." Auch die Pommersche Evangelische Kirche und die Katholische Kirche sind bei diesem Forum dabei.

Drei Pastoren leisten Widerstand

Natürlich haben sich nicht alle geduckt. Natürlich gab es Widerstand. Erheblichen Widerstand sogar. Es handele sich um "Verrat am Auftrag der Kirche", wetterten etwa in Rostock und Greifswald einige Gemeindemitglieder. Unter der Hand zirkulierte ein Offener Brief an die Kirchenleitung. Drei honorige Pastoren aus Hiddensee, Usedom und Stralsund haben ihn verfasst. Die Gemeinden lehnten den "riesigen finanziellen Aufwand für die Durchführung und Absicherung des Gipfeltreffens" ab, heißt es in der Schrift. Immerhin seien die "Vertreter der G8-Staaten in vielfältige kriegerische Auseinandersetzung verstrickt". Darüber hinaus verdienten diese "durch Waffenproduktion und Waffenhandel Milliarden am Tod vieler Menschen." Nur das "große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi" könne der Ungerechtigkeit beikommen, meinen die drei Pastoren.

Allein sind sie mit ihrer Kritik nicht. Als Ende Mai im Doberaner Münster der traditionelle Biker-Gottesdienst gefeiert wurde, diskutierten die Jungs nicht lange. "Reden hat gar keinen Sinn. Das hat doch bislang noch jede Demo gezeigt. Wenn man was erreichen will, muss man auch bereit sein, Steine zu schmeißen", sagte einer. Ein anderer zitierte aus einem Aufruf des Instituts für Theologie und Politik Münster: "Der Ort der Gläubigen ist der Protest, die Blockade und die Demonstration."

"Protest nur vor Gott bringt nichts"

Auch im Treffpunkt der Jungen Gemeinde gleich neben der Nikolaikirche ist offener Widerstand ausgebrochen. Hans Bergen etwa ist 19 und einer von denen, die sich jeden Montag hier treffen, um die Lage zu besprechen. "Protest, der nur vor Gott geführt wird, bringt doch überhaupt nichts. Wenn wir als Christen ernst genommen werden wollen, müssen wir auch außerhalb der schützenden Kirchenmauern Flagge zeigen", analysiert der angehende Sozialassistent. Die anderen in der Runde sehen das genau so. Ihre Protestgrenze hört nicht einmal bei den viel diskutierten Blockaden auf. "Ich würde noch viel weiter gehen", meint einer der Jugendlichen. "Und ich werde das auch."

In Groß Kiesow, einem kleinen Idyll südlich von Greifswald wird es Pastor Andreas Schorlemmer himmelangst, wenn er so etwas hört. Auch er ist Mitglied im Arbeitskreis "Kirche und G8". Und als Polizeiseelsorger ist er der Verbindungsmann zu "Kavala", der Polizeitruppe, die für die Sicherheit des G8-Gipfels zuständig ist. Seit Monaten hat sich der 58-Jährige in seinem zur Telefonzentrale umfunktionierten Zuhause auf das Weltwirtschaftstreffen vorbereitet. Er hat Gefahrenanalysen studiert, mit Kommunen und der Polizeiführung Deeskalationsstrategien besprochen. Das alles soll in der heißen Gipfelphase greifen, drüben in Rostock, Heiligendamm oder Bad Doberan. Schorlemmer hat an die Jungs aus der Jungen Gemeinde gedacht. Irgendwann ging Schorlemmer zur Kirchenleitung. Die Beamten machten ihm weniger Sorgen, sagte er. Die seien gut vorbereitet. Aber was geschehe mit den Demonstranten, vor allem jenen, die nicht nur singen und beten wollen?

Crash-Kurs in Notfallseelsorge

30 Pastoren hat die Kirche daraufhin in einem Crashkurs zu Notfallseelsorgern ausbilden lassen. Zusätzlich zu den 20 professionellen Helfern der Johanniter sollen sie da sein, wenn die Lage bei den Gipfelprotesten außer Kontrolle gerät. Einige von ihnen werden auch in der Rostocker Marienkirche präsent sein. Denn das größte Rostocker Gotteshaus soll während der Gipfelwoche rund um die Uhr offen stehen. Als Rückzugsraum für alle, die Ruhe suchen. Auch das war eigentlich gut gemeint - und hat dennoch für jede Menge Zündstoff gesorgt, als die Kirchenvertreter bei Kaffee und Keksen mit der Polizei das Sicherheitskonzept für den Gipfel diskutierten. Plötzlich stand die Frage im Raum, wie man denn mit Protestlern umgehen wolle, die sich vor der Polizei in den Schoß der Mutter Kirche flüchten. Gibt es dann ein Kirchenasyl oder dürfen die Beamten zum Altar marschieren und die Leute festnehmen? Macht sich die Kirche strafbar, wenn sie Verdächtigen Unterschlupf gewährt. Wer entscheidet überhaupt, wer verdächtig ist? Eine heikle Angelegenheit, die noch nicht abschließend geklärt ist.

Am Freitag haben die Jugendlichen von der Jungen Gemeinde ein acht Meter großes selbst gemaltes Transparent an der Fassade der Marienkirche aufgehängt. "Sonne der Gerechtigkeit" steht drauf. Göttlicher sagt: "Wir werden ja sehen, was wird." Damals, 1989, war er nicht dabei. Den Gipfel 2007 wird er nicht verpassen.