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Diskussion: "Ihr sollt auf Krücken laufen"

Die Äußerungen des JU-Vorsitzenden Philipp Mißfelder lösten Empörung und Diskussionen aus. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt nennt Mißfelders Äußerungen "inhuman". Aber ein Ziel hat der ehrgeizige 23-Jährige erreicht.

Am liebsten würde die CDU wohl die ganze Diskussion um die provozierenden Äußerungen des Vorsitzenden der Jungen Union ungeschehen machen. Hätte Philipp Mißfelder doch nur geschwiegen, statt zu erklären, er halte nichts davon, "wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen." So denken wohl die meisten in der Partei. Auf der offiziellen CDU-Homepage: Kein Wort dazu.

Am Nerv getroffen

Mißfelders Bemerkungen haben die Christdemokraten am Nerv getroffen. In der CDU-Zentrale und bei den Landesverbänden laufen die Telefondrähte heiß. "Helles Entsetzen" habe er ausgelöst, wird berichtet. "Die Leute sind außer sich." Überall - ob in Kiel, München oder Stuttgart - melden sich Spitzenpolitiker zu Wort, um sich von Mißfelder zu distanzieren.

Im hohen Norden gab sich der Landesvorsitzende der schleswig-holsteinischen CDU, Peter Harry Carstensen, entrüstet: "Hier sollen Generationen gegeneinander ausgespielt werden."

Alte nicht zum Spielball machen

Viele in der CDU, die sich dem christlichen Werteverständnis verbunden fühlen, empfinden eine Aussage, Alten einen Teil der medizinischen Versorgung streitig zu machen, als ungeheuerliche Provokation. Der Evangelische Arbeitskreis der Union warnt: Bei allen Reformvorhaben dürfe die Würde des Menschen, und zwar in jeder Lebensphase, "nicht zum Spielball politischer Richtungskämpfe werden."

Die Politprofis in den Zentralen von Bund und Land befürchten darüber hinaus, dass Mißfelders Zeitungs-Interview einen Vertrauensverlust für die Union bewirken könnte. Die Bürger würden verunsichert, ob sie nun der offiziellen Linie Glauben schenken sollen oder dem, was der Partei-Nachwuchs von sich gibt, der in Zukunft die Geschicke der Christdemokraten bestimmen könnte.

"Kein Generationenkrieg"

Der angehende Historiker Mißfelder ist nach seinem Interview um Schadensbegrenzung bemüht: "Ich will keinen Generationenkrieg. Die heutigen Rentner sind nicht gemeint." Er habe nur die Generation der heute 50-Jährigen ermahnen wollen, an die eigene Vorsorge zu denken. Der Druck und die Kritik scheinen ihn aber mitgenommen zu haben.

Trotzdem aber bleibt er im Kern bei seiner Forderung, dass die Alten in Zukunft ebenfalls ihren Beitrag zur Stabilisierung des Gesundheitssystems beitragen sollen. Im ZDF sagte er am Donnerstag morgen, er habe bewusst ein "provokantes Beispiel" gewählt, um "das Thema Generationengerechtigkeit in die Debatte zu bringen."

Debatte eröffnet

Von anderen Nachwuchskräften der Union bekommt er Unterstützung. Die 30-jährige Katherina Reiche, die einst in Edmund Stoibers Wahlkampfmannschaft als Familienministerin vorgesehen war, verlangt mehr Dialog zwischen Jung und Alt. "Jetzt müssen sich die heute 40- bis 60-jährigen die Frage gefallen lassen, wie ihre Kinder und Enkel angesichts der überforderten Sozialsysteme die eigene Zukunft sichern sollen." Die Debatte in der Union ist eröffnet.

Bundesfamilienministerin Renate Schmidt (SPD) nannte Mißfelders Äußerungen "inhuman". Schmidt sagte am Donnerstag im ZDF: "Wir müssen die Interessen der Kinder und der Jugendlichen mehr berücksichtigen, als das in den letzten Jahren geschehen ist." Dies dürfe aber nicht um den Preis geschehen, "dass wir alten Menschen verweigern, lebensverlängernde Maßnahmen in Anspruch zu nehmen, oder zu sagen: Ihr sollt auf Krücken laufen."

Ulrich Scharlack / DPA