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Kommentar

Jamaika-Aus: Kollektive Amnesie? Was alle bei dem Ruf nach einer GroKo vergessen

Da ist es wieder, das kurze Gedächtnis des Wählers. Auch Politiker und Kommentatoren leiden unter politischer Amnesie. Anders ist der Ruf nach einer neuen GroKo kaum zu erklären. Vor Wochen wünschten sich noch alle, die AfD solle bloß nicht stärkste Oppositionspartei werden.

Ein Mann hält auf der SPD-Wahlparty ein Schild mit der Aufschrift "No More GroKo" vors Gesicht

"No More GroKo": Dieser Besucher der SPD-Wahlparty am 24. September gab nicht nur die Stimmung unter den Genossen, sondern auch eines Großteils der Wähler wieder.

Das wochenlange Gezerre und Gezeter der "Jamaika"-Unterhändler, der FDP-Ausstieg mit Anlauf und seither die gegenseitigen Schuldzuweisungen und neunmalklugen Statements auf allen Kanälen - das alles war und ist ganz offensichtlich zu viel für die Republik. Allzu deutlich wird das an einer einfachen Frage, die jetzt wieder häufiger gestellt wird: "Was war eigentlich so schlimm an der GroKo?"

Wie bitte?! Dass das Gedächtnis des Wählers ein Sieb ist, ist ja schon sprichwörtlich. Dass die politische Amnesie - übrigens auch bei Politikern und Journalisten - derart fortgeschritten ist, erschreckt dann doch. Wenn es zur Wahl im September eine Stimmungslage gab, dann doch die: Alles, nur keine GroKo mehr! Schon vergessen? Das ist zwei Monate her.

GroKo, dann ist Ruhe im Karton

"Was war eigentlich so schlimm an der GroKo?" Zum Beispiel die erdrückende Mehrheit im Parlament mit einer mickrigen Opposition. Zum Beispiel die abgestorbene Debattenkultur, deren Belebung nach dem Wahlergebnis im September doch schon gefeiert wurde. Zum Beispiel die allseits so empfundene bleierne Schwere und Visionslosigkeit in der Politik. Zum Beispiel das Aufkommen der Rechtspopulisten - eine ganz typische Entwicklung in Zeiten einer überdominanten Großen Koalition.

Wer jetzt schon wieder nach der GroKo ruft, der gibt sozusagen den umgekehrten Lindner: "Lieber falsch regieren als gar nicht." Denn eines ist uns ganz offenbar besonders wichtig: Ruhe im Karton und schön besinnlich auf den Weihnachtsmärkten unseren Glühwein schlürfen. Im Zweifel dabei wieder auf die GroKo schimpfen weil es keine Weiße Weihnacht gibt. Oder doch auf die "Sozen", die Umfaller?

Was ist mit der SPD?

Apropos SPD: Wo bleibt die staatsmännische Verantwortung der Sozialdemokraten? Ja, wo bleibt sie denn? Wir haben sie jedenfalls nicht in diese Verantwortung gewählt bzw. gerade mal jeder Fünfte von uns - wohlgemerkt! Und war da am Wahlabend nicht reichlich Erleichterung zu spüren, dass durch den Regierungsverzicht von Martin Schulz und Co. der Kelch einer Oppositionsführerschaft der AfD an uns vorbeigegangen ist? Auch darin könnte man die Übernahme von Verantwortung sehen. Das Wahlergebnis gilt immer noch. Diese herausragende Rolle der AfD würde uns also wieder blühen.

Somit gilt auch nach dem Jamaika-Desaster: Alles, nur keine GroKo! Was ist eigentlich so schlimm an Neuwahlen?


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