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Dokumentationszentrum zur Zwangsarbeit: Stätte dunkler Erinnerungen eröffnet

In Berlin erinnert nun eine Gedenkstätte an Zwangsarbeit im Nationalsozialismus. Das Dokumentationszentrum in ehemaligen Baracken gilt in Deutschland als einmalig. Jetzt fehlen nur noch die Zeitzeugen.

Graue Steinbaracken ducken sich unscheinbar unter hoch gewachsenen Kiefern. Vom Straßenrand ist kaum zu erahnen, dass sich hier ein trauriges Stück deutscher Geschichte erhalten hat: Die steinernen Mauern erinnern an Zwangsarbeit im Nationalsozialismus. Nun sind die Berliner Baracken, erbaut 1943 bis 1945, zu einer Gedenkstätte geworden. Am Donnerstag ist ein Dokumentationszentrum zur NS-Zwangsarbeit eröffnet worden, das deutschlandweit als einmalig gilt. Eine zweite Zwangsarbeiter-Gedenkstätte an einem authentischen Ort gibt es nach Meinung von Leiterin Christine Glauning nicht.

Im Unterschied zu anderen Zwangsarbeiter-Gedenkstätten ist das neue Zentrum kein klassisches Museum in einem Neubau. Es liegt auch nicht auf dem Gelände eines der großen Konzentrationslager aus der Nazizeit. Wie viele der Barackenlager für Zwangsarbeiter, die es in Deutschland gab, wurde es in der Nähe von Industriebetrieben errichtet. Dass es aus Stein gebaut wurde und nicht aus Holz, hat das Lager durch die Zeiten vor dem Verfall bewahrt. In Berlin sei es das einzige Lager aus dieser Zeit, das es noch gibt, betont Glauning.

Die Berliner Zwangsarbeiter-Gedenkstätte liegt jenseits der Touristenpfade, eine halbe Stunde S-Bahn-Fahrt vom historischen Zentrum entfernt. Einst nach den hübschen Uferwiesen der Spree benannt, hat die Industrie Schöneweide seit Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt, vor allem der Riese AEG. Doch das ist schon wieder Geschichte. Nach dem Niedergang der Werke machte der Berliner Volksmund aus dem Namen Oberschöneweide schnell "Oberschweineöde".

Gedenkstätte soll wachsen

Das ehemalige Lager liegt noch immer in einem Wohngebiet aus den 20er Jahren. Sechs Baracken gehören heute zur Gedenkstätte, zwei Häuser sind bereits für erste Ausstellungen umgebaut worden. Es gibt eine Bibliothek, ein Archiv und Seminarräume. Die anderen Häuser sollen nach und nach restauriert werden, die Gedenkstätte soll wachsen. Christine Glauning will vor allem Buchwissen anschaulicher präsentieren: Mehr als 400.000 Menschen aus ganz Europa, so lauten Schätzungen, mussten 1944/1945 allein in den Berliner Industriebetrieben Zwangsarbeit leisten.

Bei den Ausstellungen soll auch die Gegenwart nicht zu kurz kommen. "Wir wollen zeigen, wie heute in anderen Ländern Europas an Zwangsarbeit erinnert wird", sagt Glauning. Denn die Art der Aufarbeitung werde sich verändern: Mehr als 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gibt es bald keine Zeitzeugen mehr.

Suche nach Zeitzeugen

In Schöneweide läuft die Zeit jetzt schon davon. Das Lager, 1943 von der Behörde Albert Speers für 2160 Zwangsarbeiter entworfen, ist schlecht dokumentiert. Von der akribischen NS-Bürokratie ist in den Archiven nicht viel mehr geblieben als eine Liste mit 17 Namen und ein Papier mit der Zahl "435" - ein Hinweis auf die Zahl italienischer Zwangsarbeiter, die im Lager interniert waren. Die Suche nach Menschen, die das Lager Schöneweide aus der Kriegszeit kennen, wird eine erste Aufgabe der Gedenkstätte sein.

Ulrike von Leszczynski/DPA / DPA