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Homosexualität: Ein Jahr "Ehe für alle": Bernd und Dieter waren die ersten – und haben es ins Museum geschafft

Vor einem Jahr trat die "Ehe für alle" in Kraft. Auch Bernd Göttling und Dieter Schmitz haben nach mehreren Jahrzehnten endlich "Ja" gesagt. Sie waren eines der ersten homosexuellen Paare in Deutschland. Und damit haben sie es sogar ins Museum geschafft.

"Ehe für alle": Seit einem Jahr können homosexuelle Paare in Deutschland heiraten

"Ehe für alle": Seit einem Jahr können homosexuelle Paare in Deutschland heiraten

DPA

Am Bungalow von Bernd Göttling und Dieter Schmitz überrascht eigentlich nur der Strandkorb im Vorgarten. Blau-weiße Streifen, Korbgeflecht. Ansonsten mutet das Haus des Paares in Frechen bei Köln eher gewöhnlich an. Und doch sind Göttling und Schmitz als Ehepaar zu einem kleinen Teil der deutschen Geschichte geworden: Die beiden waren eines der ersten schwulen Ehepaare in Deutschland, sogar "das erste", davon ist der 67-jährige Göttling überzeugt.

Heirat nach mehreren Jahrzehnten des Wartens

Schmitz und Göttling haben sich am 1. Oktober 2017 das Jawort gegeben, dem ersten Tag, an dem dies auch gesetzlich in Deutschland möglich war. Deswegen hat ihr Partnerlook am Hochzeitstag nun sogar seinen Weg ins Haus der Geschichte in Bonn gefunden: schwarze Lederjacken, weiße Jeans und graue Hemden. Eigentlich war es nur das i-Tüpfelchen, dass wir heiraten konnten", erklärt der Versicherungskaufmann Göttling. Nach langem vergeblichen Warten, leider. "Das ist ja viele Jahre zu spät für uns", kritisiert Schmitz das jahrelange Abblocken des Gesetzgebers. Heiraten sei ja eigentlich etwas "für die jungen Leute", sagt der 61-Jährige.

Zwischen dem Rheinländer Schmitz und dem Sauerländer Göttling funkte es schon im Jahr 1980 – im Regen auf einer Straße in Köln. "Kann ich dich nach Hause bringen?", habe ihn sein späterer Mann damals gefragt, erinnert sich Göttling. "Es war ja so am Regnen. Da hab ich gedacht, jetzt fährst du ihn nach Hause", ergänzt Schmitz. 2002 verpartnerten sich die beiden. Gemeinsam leben sie in der 50 000-Einwohner-Stadt in Schmitz' Elternhaus. Von den Wänden wachen vergilbte Fotos von Göttlings Großeltern über das Paar. Ehe. Endlich? Wie man's nimmt. Denn nach so langer gemeinsamer Zeit verändert auch ein Jahr Ehe nicht mehr viel in ihrer Beziehung, betonen beide in ihrem sonnendurchfluteten Wintergarten. Sie seien lediglich häufiger auf der Straße erkannt und angesprochen worden. Das Paar versteht seine Heirat eher als symbolische Geste. "Wir hätten ohne Trauschein die letzten Jahre auch noch gemacht", scherzt Schmitz mit seinem rheinischen Zungenschlag.

"Ehe für alle":  Anteil homosexueller Eheschließungen bei rund zehn Prozent

Doch sie wollten jungen Menschen Mut machen, "die das noch vor sich haben, was wir schon alles mitgemacht haben". Zuspruch habe es für sie persönlich viel gegeben - auch von ungewöhnlicher Stelle: Ein Pastor kam zum Gratulieren in Schmitz' Blumenladen. Ihre Hochzeit sei als Selbstverständlichkeit empfunden worden. Wie viele andere Schwule und Lesben ließen auch die beiden Frechener ihre eingetragene Lebenspartnerschaft in eine Ehe umwandeln. Besonders in den ersten Monaten nach der Gesetzesänderung war der Andrang bei den Standesämtern in Nordrhein-Westfalen groß, etliche wollten nachholen, was ihnen so lange untersagt war. Inzwischen haben sich die Zahlen stabilisiert. Der Anteil an allen Eheschließungen wird auf rund zehn Prozent geschätzt. Nur in der bei Schwulen und Lesben besonders beliebten Rheinmetropole Köln liegt er nach Angaben der Stadt mit 18 Prozent deutlich höher.

Tatsächliche Gleichberechtigung noch nicht erreicht

Aber "nicht überall ist Köln", sagt Göttling mit Blick auf die als liberal geltende Domstadt und die Diskriminierung, der Homosexuelle noch immer ausgesetzt seien. Im Rheinland gebe es "ein tolerantes Volk", sagt Schmitz. Aber zu verbreitet sei für Schmitz noch die Einstellung: "Ist ja alles wunderbar und schön, die können machen. Aber wenn das unser Sohn wär, würde ich dem was anderes erzählen." Homosexualität müsse noch mehr anerkannt und toleriert werden, finden die beiden Partner. "Man hat ja nur das eine Leben, was man hat. Und das muss man leben, wie man das will", sagt Schmitz. Dennoch seien sie selbst in ihrer eigenen Familie gefragt worden, warum sie denn heiraten müssten, ergänzt Göttling. Die Eheleute kosten ihre gemeinsame Zeit aus, mit Trauschein. Und sie wollen sich noch einen Traum erfüllen: Der Strandkorb im Garten ist Dekoration und Hinweis zugleich. Denn Schmitz und Göttling wollen an die Nordsee ziehen, raus aus dem Ballungsgebiet und in den Norden ans Meer.

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hh / DPA